Amy kämpft sich durch

Amy schläft. Die rosa Bettdecke hebt und senkt sich regelmäßig. Unser Gepolter und das Licht unserer Taschenlampen haben sie nicht geweckt. „Ich möchte sichergehen, dass sie sich nicht schlafend stellt.“ flüstere ich der Kollegin am Fußende des Hochbettes zu und schleiche zu Amy. „Die kriegt den Schock ihres Lebens… mach vorsichtig.“ ermahnt mich J. . Ich bemühe mich: Weiterlesen „Amy kämpft sich durch“

Warmbadetag

Wer bei uns sein Schülerpraktikum macht, muss mit Allem rechnen. Leider tut das nicht jeder. Besonders die letzten Praktikantinnen fielen uns zumindest in den ersten Tagen durch eine sehr interessante Kleidungswahl auf. Dass Ballerinas und ein helles, nicht zuzuknöpfendes Mäntelchen mit aufgepuscheltem Polyesterfellkragen über dem bauchfreien Top vielleicht bei einer Verkehrsregelung im Nieselregen eher ungeeignet sind, lernen die jungen Damen dann oft durch leidvolle Erfahrung. Aber am nächsten Tag klappt’s dann meist auch mit den festen Schuhen und der Regenjacke. Weiterlesen „Warmbadetag“

Alles zu seiner Zeit

„Huch, jetzt ist mir schon wieder der Kuli runtergefallen!“ Die Frau um die 50 bückt sich und verschwindet kurz hinter der Wachtheke. „Oh. Und jetzt das Portmonee!“ 

Unruhig wirkt sie, dabei wollen wir gar nichts von ihr; im Gegenteil – sie ist hier auf der Wache erschienen um eine für uns eher unspektakuläre Anzeige zu erstatten. Vermutlich braucht sie ein Aktenzeichen für die Versicherung. Ihr Auto wurde letzte Nacht beschädigt. Das führt sie jetzt vor und je länger es dauert, desto mehr Kollegen fällt ihre Unruhe auf. Weiterlesen „Alles zu seiner Zeit“

amtlicher Einbruch

Diesen Einsatzort zu finden ist keine Kunst. Das Blaulicht der Feuerwehr spiegelt sich schon hunderte Meter weit in den Fenstern, bevor wir eintreffen.

Ein junger Mann hat  gegen 04 Uhr nachts den Rettungsdienst gerufen und angegeben, jeden Moment bewusstlos zusammenzubrechen. In der Wohnung brennt Licht. Sonst rührt sich nichts. Der Mieter ist uns kein Unbekannter und was unsere Systeme über ihn preisgeben, macht ihn erstmal nicht sympathisch. In der Vergangenheit ist er eher negativ aufgefallen und steckt deshalb deutlich in der Kategorie „schwieriger Kunde“. Diesmal scheint er Hilfe zu brauchen und da er nicht öffnet, tun wir’s.  Weiterlesen „amtlicher Einbruch“

Hirsche und Hühnchen

Ein halbes Jahr war hier Stille. Aber aufgegeben habe ich diese Seite nicht. Dass mal mehr, mal weniger passiert, war schon immer so und wird wohl auch so bleiben.

Ich starte ganz unaufgeregt mit meinem Lieblingsanruf dieser Nachtdienstwoche. Eigentlich hatte ich mich gerade google Maps hingegeben, um mit einer Kollegin, eine Übersichtskarte über die letzten Einbrüche des Nachbardorfs und mögliche Fluchtwege und Aufenthaltsorte der Täter zu basteln, als unsere Bastelstunde von Frau S. unterbrochen wird.

Während ich mir den Hörer schnappe, wärmt sich die Kollegin ihr Essen auf. Reis mit Hühnchen. Riecht verlockend. Aber ich habe ja zu tun: „Die Polizei, Guten Morgen. Wie kann ich helfen?“ Weiterlesen „Hirsche und Hühnchen“

Affen?

Mal wieder ist ein Nachtdienst zu Ende. Eine angenehme Nacht war das. Sommerliches Wetter, wenige Einsätze – vor allem wenig zu schreiben –  durchweg freundliche Bürger und nette Kollegen auf dem Auto. Auf dem Heimweg setzt neben der Müdigkeit auch noch der Frühstückshunger ein. Was liegt also näher als ein kurzer Stopp bei meinem Stammfrühstücksimbiss. Mir ist ein Rätsel, wie die Betreiberin es jeden Morgen schafft, um 04 Uhr mit frischen Brötchen im Kofferraum den Laden aufzuschließen. Ich ziehe sowieso meinen Hut vor den Menschen, die den Mut besitzen, sich mit einem kleinen Geschäft selbstständig zu machen. Das Ganze auch noch zu solchen unfassbaren Uhrzeiten. Ich könnte das nicht.

Kurz vor 6 parke ich vor dem kleinen Laden und latsche in ausgebuffter Jogginghose schon im Halbschlaf an die Theke. „Ein Spiegeleibrötchen bitte!“ – „Also wie immer!“ lacht die freundliche Verkäuferin und greift in die Auslage: „Wir haben uns ja lange nicht gesehen. Hatten Sie Nachtschicht?“ Ich bejahe. Weiterlesen „Affen?“

Im Hintergrund

Unser Beruf hat viele Facetten. Einige davon habe ich in den letzten Jahren hier vorzustellen versucht. Oft ist es stressig, ab und zu spannend und manchmal auch gefährlich. Meistens geht es um das ganz normale Leben, manchmal um den Tod. Mir macht es nach wie vor Spaß, sich all dem zu stellen. Ich mag die Unwägbarkeiten und möchte nicht mit einem reinen Schreibtischjob tauschen.

In der letzten Spätdienstwoche zum Beispiel habe ich einigen Falschparkern Geld aus der Tasche gezogen, Unfälle aufgenommen, Drogen sichergestellt, war beim Schießtraining und habe reichlich Papierkram erledigt. Rein statistisch ist wahrscheinlich auch die kommende Woche ähnlich unspektakulär. Vielleicht fangen wir Straftäter, vielleicht rufen Menschen an und stellen seltsame Fragen, vielleicht weisen wir Verwirrte in die Psychiatrie ein und schicken Besoffene Kneipengäste nach Hause. Mit etwas Pech müssen wir sie dazu zwingen, sie zu Boden bringen oder sonst wie Hand anlegen.

Ich habe in dieser Woche auch einer Mutter mitgeteilt, dass ihr Mitte 30jähriger Sohn sich totgesoffen hat. Weiterlesen „Im Hintergrund“