Echte Liebe

„Ich denke, Sie müssen nicht mitfahren…“ beschließt das Team des Rettungswagens, das gerade den jungen Mann mit den Schnittwunden versorgt. Er ist in Glasscherben gefallen und blutet leicht an den Armen. „… Scherben sind da keine drin.“ Ein eher umspektakulärer Fall für den Pflasterlaster, und die Polizei braucht hier streng genommen auch niemand. Wir leuchten noch kurz die Kleidung des Mannes ab und suchen übriggebliebene Scherben, dann wollen wir uns verabschieden, als aus Richtung Bahnsteig plötzlich ein hysterisch schreiendes Mädchen zu uns rennt. Sie dürfte so um die 14 sein, ist in Tränen aufgelöst und quetscht sich unangenehm nah zwischen mich und den Patienten. „Der will mich umbringen! Da hinten! Der Mann… mein Baby!“ was auch immer sie noch sagen will wird von einem  Nase hochziehenden Schluchzer ertränkt.

Weiterlesen „Echte Liebe“

die Geschichte von den Socken

Die neuen Praktikanten sind seit einer Woche das erste Mal in Uniform unterwegs und ich habe mir für diesen Frühdienst vorgenommen, seine Tutorin und ihren Youngster kurz bei Seite zu nehmen und ihn wissen zu lassen, was mir wichtig ist und was ich mir für diese erste spannende Zeit mit echtem Bürgerkontakt von ihm wünsche.

Weiterlesen „die Geschichte von den Socken“

Auf‘ Kirmes

Bevor der junge Mann mit der abgestoßenen Kunstlederjacke den Wachraum betritt, habe ich ihn ein Viertelstündchen warten lassen müssen. Jetzt habe ich Zeit für sein Anliegen und eröffne unser Gespräch wie immer mit der Frage, wie ich denn weiterhelfen könne.

„Tjjjjooaaaa, das‘ ne längere Geschichte. Kindermord und so, nä!“ Weiterlesen „Auf‘ Kirmes“

über das Anlauf nehmen

 Ich hoffe ihr könnt damit leben, dass dies hier mal wieder keine unmittelbar dienstliche Anekdote ist. Es ist aber eindeutig eine Polizeigeschichte.

Urlaub. Ich sitze an einem dieser gewollt kommunikativen Acht-Personen-Tische der Ferienunterkunft, der prompt seine volle Wirkung entfaltet. Ein Gespräch ergibt sich.

Der Mann um die 40 arbeitet hier. Cooler Job, finde ich. Arbeiten wo andere Urlaub machen, da könnte ich mir Schlechteres vorstellen. Sein Job besteht darin, die Menschen zu unterhalten und ihnen zu einem schönen Urlaub zu verhelfen. Passt zu ihm, finde ich. Eine gewisse Schlitzohrigkeit fällt mir auf. Und seine freundliche, zugewandte Art. Unweigerlich kommt auch mein Job zur Debatte. Ich druckse herum. Habe ich wirklich Lust, mich jetzt vom üblichen: ‚Ach, da habe ich eine Frage, ich bin letztens mal geblitzt worden…‘ über: ‚Ist das nicht gefährlich. Und dann noch als Frau!‘ zu dem unausweichlichen: ‚Hast du denn schon mal geschossen?‘ durch zu hangeln? Was bleibt mir übrig: „Ich bin bei der Polizei.“ sage ich, ein bisschen als sei es ein Geständnis mit gleichzeitiger Kapitulation vor den sicherlich jetzt kommenden üblichen ‚Ach-was‘- Nachfragen. Weiterlesen „über das Anlauf nehmen“

Unterföhring

Was für ein Scheißtag für die Polizeifamilie.
In Unterföhring am Münchener Stadtrand wurde heute Vormittag einer Kollegin in den Kopf geschossen.
Nach einem Streit in der S-Bahn wollten die Kollegen Personalien der beteiligten Personen feststellen. Der Routineeinsatz wurde aus dem Nichts zum SuperGAU. Der Täter stieß den Kollegen zu Boden, entriss ihm die Waffe und schoss das Magazin leer. Der Kollegin schoss er in Kopf. Sie schwebt in Lebensgefahr. Auch Passanten wurden getroffen.
 
Meine Gedanken sind heute Abend natürlich bei der schwerverletzten Kollegin. Hoffen wir, dass sie durchkommt und diesen schwarzen Tag überlebt. Auch den verletzten Unbeteiligten wünsche ich das Beste.
 
Wir dürfen allerdings auch alle anderen Kollegen in Unterföhring nicht vergessen, die diesen Tag, und alle, die folgen, irgendwie überstehen müssen.
 
Mir zeigen solche Horrormeldungen, dass es keine Routineeinsätze gibt, dass wir jederzeit maximal auf uns und unsere Partner Acht geben müssen, und dass es nicht selbstverständlich ist, nach dem Dienst wieder sicher nach Hause zu kommen.
Passt auf euch auf.
__________________________________________________
Diskussionen über den Täter oder gar über ins Blaue vermutete Unachtsamkeiten der Kollegen lasse ich hier nicht zu. Ich werde derartige Kommentare nicht freischalten und bitte dafür um euer Verständnis.
Das Beitragsbild zeigt die „thin blue line“ – ein internationales Symbol für den Zusammenhalt der Polizei und die Solidarität der Bürger mit ihrer Polizei. Die blaue Linie trennt symbolisch das Gute vom Bösen bzw. Ordnung vom Chaos. 
 

Richard

Kccchhhhrrrt… ein lautes Kratzen ist zu hören, als die Kollegin und ich die Überreste des Motorrollers von der Fahrbahn auf den Gehweg wuckern. „Mach nix kaputt!“ scherzt sie. Ich würde lächeln, kann aber gerade nicht, der Schrotthaufen muss die Gehwegkante hoch.  Weiterlesen „Richard“

20 Minuten

„Wie alt sind Sie eigentlich?“ möchte der Mann am Telefon wissen, vermutlich um einzuschätzen, ob ich überhaupt schon etwas über das Leben wissen kann. Wir sprechen jetzt seit gut fünf Minuten miteinander. Außergewöhnlich lange für einen Anruf auf der Wache. „Mitte 30.“ entgegne ich. Er hmmt, als ließe er diese Antwort gelten. Mit dem Wort Intelligenzbestie wäre mein Anrufer sicher nur recht vage beschrieben. Er wirkt eher ein bisschen schlicht. Aber seine Sorgen sind echt, er ist sehr höflich und ich habe Zeit. Weshalb sollte ich ihn abwimmeln? Weiterlesen „20 Minuten“