Münster

Och biiiitte nicht, bitte noch fünf Minuten“ nörgele ich bedröppelt in mich hinein, als schräg hinter mir das Gartentor klappert. Zwar war der Frühdienst einer der Ruhigeren, aber das Aufstehen um 04.45 Uhr und den fließenden Übergang von Dienstende um 14h über die anschließende Gassirunde, den Weg durch den Supermarkt in die Küche und dann hungrig mit Grillzeug in den Garten trägt mein Körper mir nach. Er möchte noch fünf  Minuten auf diesem Monsterkissen liegen und gar nichts müssen, und ich möchte ihm das am liebsten auch genau so ermöglichen. Aber aus unserem gemeinsamen Plan wird nichts: der Grillbesuch steht auf der Terrasse, pünktlich wie die Maurer, und wo gegrillt werden soll, da ist kein Aufschub möglich.

Ziemlich zerknautscht purzele ich vom Liegekissen, rücke kurz den Kreislauf wieder auf Aktivitätslevel zurecht und bin bereit, meine Pause gegen eine Bratwurst zu tauschen. Ganz NRW eröffnet gerade die Grillsaison, die Nachbarn rechts und links fücheln auch schon rum wie bei der nächsten Papstwahl, da will man ja nicht der Garten ohne weiße Rauchsäule sein. Nachher denken die noch, man sei zu faul zum Feuer machen. Oder Vegetarier.

Auf dem Weg in die Küche bimmelt das Handy. Der Chef ist dran. Wir wechseln zwei Sätze, keinen zuviel, dann latsche ich an der Küchentür vorbei ins Wohnzimmer. „Ich muss noch mal zur Wache, in Münster muss ein Anschlag passiert sein. Es soll Tote gegeben haben!“ trage ich meine Überrumpelung direkt weiter an den Besuch. Im Garten, ohne Radio und Handy, haben mich die Nachrichten noch nicht erreicht. Zum Fernsehen ist keine Zeit: „Ich mache mich mal auf den Weg.“ freue mich kurz, die Arbeitstasche noch gar nicht ausgepackt zu haben, und während der Besuch noch verdattert im Garten steht und sich fragt, wer das jetzt alles essen soll, habe ich schon die übrigen Kollegen abtelefoniert und genauso wenige Worte verloren wie bei meiner eigenen Alarmierung vorhin.

Nach und nach trudeln Kollegen aller möglicher Dienstgruppen auf der Wache ein. Den Abend über machen wir, was die Polizei im Falle eines vermuteten Anschlags in einiger Entfernung so macht. Zwischendurch erzählen wir uns, was eigentlich gerade im heimischen Garten auf dem Grill liegen sollte, ob es verdirbt oder vom zurückgelassenen Besuch verspeist wird, wer sich um vereinsamte Hunde (und Familien) kümmert und sinnieren, wann es wohl etwas zu Essen geben könnte, wenn schon nicht die avisierte Grillwurst.

Trotzdem, habe ich den Eindruck, sind alle aus Überzeugung da. Meckernd über diverse Widrigkeiten zuweilen, aber am Ende doch weil sie wissen, dass irgendwer den Job hier ja machen muss, und das sie gerade mal wieder Teil eines großen Ganzen sind.

Ein kleiner, hungriger Teil.

(Zumindest bis irgendwann eine ernstzunehmen große Pizzalieferung eintrudelt, deren Rechnung eine durchschnittlich dahinsiechende Dorfpizzeria stolz als krisenabwendendes Umsatzplus Peter Zwegat unter die Nase reiben würde.)

Da stehen und sitzen wir, verschiedene Dienstgruppen, verschiedene Dienststellen, freuen uns über ein Stück „Protschutto“, und darüber, dass wir alle Kollegen haben, die diesen Job so machen, wie sie ihn machen.

Alleine wären wir nämlich genau niemand.

Danke euch deshalb, Kollegen, für’s: „Ok, ich komme sofort zur Wache!“, für’s: „Nimm du jetzt bitte Hund und Kind, ich muss nochmal zur Arbeit!“, für den Mut, die Aufgabe zu übernehmen, die anfällt, auch wenn sie mit dem Alltagsjob nicht viel zu tun hat, und danke vor allem für’s Zusammenhalten wenn’s drauf ankommt!

Und den unmittelbar von diesem miesen Einsatz vor Ort betroffenen Menschen, allen voran wie immer den Kollegen in blauen, roten und weißen Hosen, in und um Münster: Erhaltet euch das Flair in eurer Stadt. Dieses radelnde, junge, gemütliche, frische, traditionelle und freundliche Gefühl zwischen Speckbrettfeld, Aasee und Prinzipalmarkt.  

 

#Münster #WirSehenEuch