Wenn einer vom Pferd erzählt

Ein Samstag im Nachtdienst. Ich bin gerade dabei, den Computer hochzufahren, als der erste Bürger die Wache betritt. Eierschalenfarbene Hose, braune Angelweste, Prinz-Heinrich-Mütze, Schnäuzer. Ich denke, ihr habt ein Bild…

Der rüstige Mann um die 70 trägt mir in breitestem Ruhrdeutsch vor, er hätte sein Auto „anne Westfalenhalle“ geparkt, „über Tach“, und dann wär er „mitte Liebsten“ erst abends zum Parkplatz zurückgekehrt. Er war also im Stadion, beim BVB, und nicht nur die Straftat, die er hier anzeigt, nein, auch das Spiel dürfte ihm nicht recht gefallen haben. „Nachem Ende vonne Veranstaltung komm ich wieder zum Auto hin, da seh ich dat Malheur!“„Tja: ‘Veranstaltung‘ – anders kann man das auch wirklich im Moment nicht nennen.“ stimme ich zu und klicke mich weiter von einem Feld des Formulars zum nächsten. „Wo haben Sie denn genau geparkt, an der Westfalenhalle?“ möchte ich wissen und lasse mir erklären, dass er „diesen schwatzgelben Zirkus im Rückspiegel zu sehen“ hatte.

Ich bedauere ein bisschen, dass er heute leider nicht so viel Erfreuliches geboten bekommen hat, für sein Geld, und dann auch noch bestohlen wurde. „Och, et ging eigentlich!“ wiegelt er ab und lächelt sogar ein bisschen: „Wenn die Liebste das doch sehen will, dann kann man sich das schon mal antun. Is ja nich jeden Tach. Und ich freu mich ja auch mit se.“

Es ist also weniger die ‚echte Liebe‘ als die Liebste, die ihn ins Stadion lockt. Nach den letzten Spielen kann ich es ihm gar nicht recht übelnehmen.

Und während wir uns weiter von einem Formular zum nächsten hangeln fängt er  sogar noch ein wenig zu Schwärmen an: „Wissen Se. Man darf auch nich immer so negativ sein. Man kricht eigentlich doch wat geboten. Allein schon wie dat alle beleuchtet is…“ Beleuchtet? Das ist aber ein wirklich genügsamer Fan. Er fährt fort: „Und wennet dann losgeht, die Musik un allet, doch doch, da kommse ins Staunen. Dattat überhaupt so möchlich is…“

Ja, ein Besuch im Westfalenstadion kann schon beeindrucken, denke ich. Aber lieber als tolles Flutlicht wäre mir, wenn’s aufm Platz wieder rund liefe. Er hingehen scheint richtig hin und weg: „Und die machen das ja schon toll, die ganze Technik. Da greift ein Rädchen ins andere…“ schwärmt er weiter: „Und allein schon diese ganzen Pferde, und wie die Mädels da drauf rum hüppen. Doch, doch: is toll…“

Äh… Moment… Pferde?

Mir wird einiges klar und ich bin ein bisschen froh, dass ich nicht gefragt habe wie denn so die Stimmung war, jetzt, wo der Trainer kurz vor der der Entlassung steht, und ob er nicht auch findet dass den Akteuren nach ner Stunde immer so der Biss fehlt. Was hätte der Herr von mir denken sollen?

Falls ihr also auch mal so ins Schwärmen geraten möchte wie der eierschalig behoste Prinzheinrichmützenträger auf der anderen Seite meines Tisches, an dem ich gerade locker zehn Minuten vorbeigeredet habe: vielleicht gastiert ‚Apassionata‘ auch mal bei euch in der Nähe…

2 Gedanken zu “Wenn einer vom Pferd erzählt

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