Mit Glitzer

Geh ruhig mal gucken!“ ermutigt der Papa seinen etwa 4 Jahre alten Sproß, als ich mit dem Streifenwagen in der Fußgängerzone anhalte. Seine Schwester und er haben so süß gewunken, dass ich einfach stehen bleiben musste. Jetzt unterhalte ich mich ich mit Paul, Clara und ihrem Papa darüber, warum das Polizeiauto durch die Fußgängerzone fährt. Und warum die Polizistin alleine unterwegs ist.

Zu zweit macht das wirklich mehr Spaß!“ gebe ich zu: „Wer von euch beiden möchte denn als erstes mein Beifahrer sein? Der Andere kriegt so lange die Polizeimütze und die Kelle!“ Der Junge lässt Papas Hand los, klettert auf den Beifahrersitz und ich muss aufpassen, dass er nicht gleich alle Knöpfe auf einmal drückt. Ich lasse ihn das Blaulicht anschalten und ermahne ihn, seine Hände kurz bei sich zu behalten, damit ich seiner großen Schwester Mütze und Kelle leihen kann.

Sie allerdings klammert sich noch an Papas Jacke fest und muss sich deshalb ganz schön strecken, um auch ins Auto gucken zu können. „Magst du mal die Mütze aufsetzen?“ frage ich und beuge mich zu ihr runter. „Nein, möchte sie nicht…“ beschließt Papa: „Das ist ja nichts für Mädchen!“ Das Mäuschen mit dem rosa Regenmäntelchen guckt schüchtern durch die Weltgeschichte.

Im Gegensatz zu ihrem Bruder, der gerade mit Dinosauriermütze und Jeans jeden Schalter genau betrachtet, soll sie wohl keine Entdeckerin werden.

Na warte: „Waaas? Der Papa hat ja keine Ahnung. Klaro ist das was für Mädchen… wir gucken mal ob die Mütze vielleicht sogar schon passt!“ wende ich ein und setze Clara ungefragt die Mütze auf. Ein Lächeln blitzt auf. Dann nimmt Clara sich den Riesenhut vom Kopf und untersucht Stern.

Papaaaa: wofür ist der eine große Knopf?“ ruft es aus dem Auto. Papa wird hektisch. „Das ist der Schleudersitz! Nicht draufdrücken!“ scherze ich und sehe doch lieber mal nach, wo klein Paul seine Patschehände gerade hat. „Ah, nee. Das ist für das Martinshorn. Da wollen wir nicht draufdrücken, weil Papa und Clara dann vielleicht die Ohren weh tun.“ – „Taaaatüüüü…“ grölt Paul glucksend: „…taaataaa!“ stimmt Clara ein. Dann tauschen sie die Plätze.

Während Paul draußen mit Mütze und Kelle dezent eskalierend ums Auto flitzt und gerade eine Oma mit Rollator einer Verkehrskontrolle unterziehen möchte, ziehe ich hinter Clara die Tür von innen zu und wir gucken uns ganz in Ruhe alles an. Sie ist noch immer ein bisschen eingeschüchtert. Vermutlich hört sie nicht zum erstem Mal, dass Entdecken und im Auto Rumklettern nichts für Mädchen ist. Uns egal. Mit ein wenig Geduld ist auch ihre Neugier geweckt. Am Ende darf sie sich einen meiner Aufkleber aussuchen. Sie kratzt sich am Kinn, entscheidet sich mehrmals um und wählt schließlich einen Polizeiauto-Aufkleber. Den klebt sie sich auf die Jacke. „Woooaaahhh. Der ist cool!“ findet auch ihr Bruder, der natürlich auch einen Sticker bekommen soll.

Nach reiflicher Überlegung wählt er einen Hund, weil: „Der hat sogar Glitzer!“ Papa guckt irritiert. Noch bevor er stänkern kann, dass das doch nichts für Jungs ist und Paul noch einmal neu entscheiden soll, stimme ich schnell in seine Schwärmerei für Hundeglitzeraufkleber ein: „Da haste Recht, Paul. Glitzer ist was Besonderes!“

Manchmal liebe ich meine uniformbedingte Meinungsmachermachtposition bei kleinen Kindern. Papa resigniert und pappt Paul den Glitzerhund auf die Jacke.

Als ich weiterfahre winken die Kiddies mir hinterher. Ich hoffe, sie haben ein bisschen was gelernt.

Also, nicht nur die Kinder…

4 Gedanken zu “Mit Glitzer

  1. Sehr schön.
    Ein Teil unserer Mitmenschen ist noch nicht so weit, die rosa-blaue Trennung zu archivieren. Mit diesem Thema habe ich schon Stunden zugebracht. Hier mal ein paar Beispiele: Haben Sie nichts anderes oder warum MUSS das Mädchen ein Hemd tragen? – Nimm doch lieber den roten Laternenstab. Blau ist doch keine Farbe für ein Mädchen. – Auf der Suche nach Spannbettlaken für das Bett der Tochter, wurde uns rosa, pink und lila in allen Schattierungen gezeigt. Gelb, grün und rot dann erst auf mehrmalige Nachfrage hin. – Elektroniker ist doch nichts für eine Frau. Mach lieber Erzieherin. – Hat der Junge (mit der Puppe im Arm) keine eigenen Spielsachen? – usw.
    Insgesamt finde ich es erschreckend, wie oft eine geschlechtsspezifische Attribution stattfindet und zwar überall!

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  2. Ich bin als Hobbyschneiderin bei mehreren Stoff-Verkaufsgruppen bei FB und der häufigste Satz dort ist „Suche/biete Jersey für Mädchen/Jungen“ … ich möchte jedes Mal weinen.

    Zu einer Hochzeit bekamen die Kinder einer Schwieger-Cousine von ihr kleine „Sträußchen“, aus Süßigkeiten gebunden – halt, nicht die Kinder. Nur ihre Tochter und ein anderes Mädchen, der kleine Sohn nicht – Süßigkeiten-Sträuße sind offensichtlich nicht männlich genug für fünfjährige Jungen 😦

    Da bleibt nur der Vorsatz, es bei den eigenen Kindern anders zu machen, und den Kindern von Freunden und Schwagern gegenüber zu zeigen, dass es auch anders geht – fettes Yeah für den kleinen Jungen mit dem Glitzerhund und deine polizeiliche Unterstützung 😀

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  3. Julia

    Sehr schön 🙂 Ich hoffe, alle drei nehmen was mit aus dieser Begegnung.
    Als Jungs-Mama kann ich auch nur bestätigen: auch Jungen brauchen Glitzer! Weswegen mein Kleiner auch Kleidung mit Glitzer trägt, einfach weil das zum Kindsein dazu gehört 🙂

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