Auf der Zielgeraden

Nein! Ich kann nicht nach Hause. Weil… ich nicht will!“

Wie angewurzelt steht die Frau um die 60 neben mir und bewegt ihre Herzchensockenfüße keinen Millimeter in Richtung Heimat. „Bis zu Ihrer Tür sind es 50 Schritte. Machen Sie wenigstens mal den Ersten. Das ist immer der Schwerste.“ versuche ich mein Bestes. „Dann schlafen Sie ein bisschen Ihren Rausch aus und morgen ist die Wiese wieder grün.

Madame bleibt bockig, verschränkt die Arme und macht ihren ausgemergelten Körper so schwer sie kann. Mit Engelszungen und ein wenig Nachdruck schieben wir sie zentimeterweise Richtung Haustür.

Es ist halb drei nachts. In der Wohnanlage am Dorfrand sind nur wenige Fenster erleuchtet. Je länger unsere Kundin allerdings rumstänkert, desto mehr Nachbarn raubt sie den Schlaf. Muss ja nicht sein. „Frau ______ …“ langsam werde ich ungeduldig: „Wir haben jetzt lange genug diskutiert. Sie gehören ins Bett. Sie haben zu viel gesoffen, das alleine wäre ja noch kein Problem…“ – „Ichhab nichjesoffen!“ mault sie mich an. „Jetrunken velleisch!“ Von mir aus auch das. Inzwischen haben wir ihren Mann wachgebimmelt. Ein älterer Herr, sehr freundlich, ist im Eingangsbereich der Wohnanlage erschienen. Nach und nach gehen in den Wohnungen über uns Lichter an. Der alte Herr in den weißen Tennissocken stakst schlaftrunken in Richtung seiner Frau. Auch er gibt alles, um sie in die Wohnung zu bitten. Auch er prallt ab. Wenn sie nicht bald rein ginge, müsse sie mit uns fahren, erkläre ich ihr erst freundlich, dann bestimmt.

Sie hoch zu schlörren dürfte zu nichts führen. In spätestens 15 Minuten hätten wir den nächsten Einsatz weil sie im Hausflur herumspukte.

Allemann versuchen, sie in die Wohnung zu quatschten. Nur zehn, elf Herzchensockenschritte ist sie vom Aufzug Richtung Bettchen entfernt. Und doch: beides bleibt unerreicht.

Nach gefühlt 300 mehr oder weniger ausgefuchsten Argumentationsversuchen streichen wir die Segel. Madame will nicht rein. Jetzt wird sie wohl bei uns ausnüchtern.

Als wir sie fesseln, damit sie aufhört mit ihren fahrigen Händen vor unseren Nasen rumzufuhrwerken, kippt die Stimmung und die Furie wird ganz kleinlaut. Ob sie vielleicht freundlicherweise in ihre Wohnung gehen dürfe, erkundigt sie sich vorsichtig.

„Pfffff…. Nein.“ beschließen wir. Denn wir wissen was sie tun wird, sobald sie wieder rumfuchteln und -stänkern kann. Schlafen gehen mit Sicherheit nicht.

Im Gegensatz zu unserem Gewahrsamsdienst wird der Ehemann eine außergewöhnlich entspannte Nacht haben. Richtig traurig um den kurzfristigen Auszug seiner Regierung ist er deshalb nicht.

Meine Frau ist richtig böse, wenn sie getrunken hat!“ seufzt er, als er die Tür hinter sich schließt. Wir glauben ihm aufs Wort, schließlich schieben wir den lebenden Beweis gerade Schritt für Schritt in Richtung Streifenwagen.

Die Dame geht nun zwar nicht ihrem gebeutelten Gatten auf den nächtlichen Keks, wird aber zur Freude unseres Wachhabenden alle 30 Sekunden am Zellenalarm bimmeln. Freunde macht sie sich damit nicht. In unserem Bericht wird stehen, dass sich der sozialpsychiatrische Dienst die häuslichen Verhältnisse mal anschauen sollte.

Vielleicht verhelfen wir Ihrem Mann zukünftig zu ein paar mehr ruhigen Nächten.

Und unserem Gewahrsamsdienst ganz nebenbei auch.

So nah vor dem eigenen Bett habe ich glaube ich noch niemanden weggeschnappt. Zumindest niemanden, der da so dringend rein gehört hätte.

Hättest du mich rotzevoll nachts um drei nach Hause geschoben, ich wüsste, was ich getan hätte!“ schüttelt der Kollege den Kopf.

Dich angezogen ins Bett plumpsen lassen und geschlafen wie ein Baby?“ vermute ich. Der Kollege nickt. So müde wie wir sind läge uns nichts ferner als sich gegen‘s Schlafen Gehen zu wehren. Die Frau muss verrückt sein gähnen wir einander zu.  Dann drehen wir eine letzte Runde durchs Dorf, bevor der Feierabend ruft.

Ins Bett schieben muss uns heute jedenfalls niemand.

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