Echte Liebe

„Ich denke, Sie müssen nicht mitfahren…“ beschließt das Team des Rettungswagens, das gerade den jungen Mann mit den Schnittwunden versorgt. Er ist in Glasscherben gefallen und blutet leicht an den Armen. „… Scherben sind da keine drin.“ Ein eher umspektakulärer Fall für den Pflasterlaster, und die Polizei braucht hier streng genommen auch niemand. Wir leuchten noch kurz die Kleidung des Mannes ab und suchen übriggebliebene Scherben, dann wollen wir uns verabschieden, als aus Richtung Bahnsteig plötzlich ein hysterisch schreiendes Mädchen zu uns rennt. Sie dürfte so um die 14 sein, ist in Tränen aufgelöst und quetscht sich unangenehm nah zwischen mich und den Patienten. „Der will mich umbringen! Da hinten! Der Mann… mein Baby!“ was auch immer sie noch sagen will wird von einem  Nase hochziehenden Schluchzer ertränkt.

Auf der Suche nach der Ursache ihrer Panik schauen wir uns um. Ein Dorfbusbahnhof an einem Samstag. Noch ist Betrieb. Der Bahnhof hat Dortmund-Fans angespült, die da hinten am Kiosk ihr Weg-Bier kaufen. In den Bushaltestellen sitzen Pärchen auf dem Weg zum Feiern. Bis auf den Motor des Rettungswagens ist es still. „Was haben Sie denn eingeworfen? Und was ist mit nem Baby?“ frage ich, und schiebe das Mädchen auf Komfort- Distanz zurück. Wie eine Mama sieht sie irgendwie nicht aus. Zu jung. Ungepflegt und offensichtlich überängstlich. Sie wiederholt schluchzend, der Mann wolle sie töten. Mehr ist beim besten Willen nicht rauszukriegen. Hm.

Tatsächlich kommt ein Mann aus Richtung Kiosk zu uns. Bedrohlich wirkt er nicht. Wir sollen mal rüber zum Kiosk gehen, meint er. „Die hat ihr Baby dagelassen. Und dann isse weggelaufen.“ Äh?! Hat sie wirklich n Baby?

Wir parken das Mädchen bei der Rettungswagenbesatzung, hoffen dass sie nicht wieder weg rennt und latschen dem Mann hinterher. Vor dem Bahnhofseingang steht ein Kinderwagen, daneben eine Gruppe BVB- Fans. Tatsächlich wiegt einer der Männer ein Baby hin und her, das gerade mal so lang ist wie sein Unterarm. Auf dem Rückweg aus dem Stadion haben sie hier Pause gemacht. Im Warteraum bei einem Bier, vielleicht waren es auch zwei, drei oder fünf, ließen sie das Spiel Revue passieren als Mutti den Kinderwagen herein schob.

Die Männer wirken auf mich alles andere als bedrohlich, haben heute Abend keinen Grund zu schlechter Laune und wissen sich zu benehmen – einfach ne Clique großer Jungs, die gerade von der schönsten Nebensache der Welt zufrieden nach Hause fährt.

Ne Handvoll angeschickerter Mittvierziger in Trikots, die lauter reden als nötig – vielleicht nicht die hochtrabendsten Gespräche führen. Sicher auch nicht zwingend die Kombo, neben die ich mich in der Bahn auf Anhieb setzen würde, aber mit Sicherheit genau die Kombo, neben die ich mich jederzeit setzen könnte. Um herauszufinden ob ihr moralischer Kompass die Richtung kennt müsste man sie halt kurz kennenlernen. Aber genau das tun wir ja gerade.

„Die Verrückte kommt also zu uns rein, stellt den Kinderwagen da hin, schließt ihr Handy an‘ Strom, un‘ dann rennt se auf eima‘ wech.“ erzählt einer der Männer. Was sie dann gemacht hätten? „Ja, wat man als Papa dann so macht: Ersma‘ das Kind beruhigen.“ Er zeigt auf den Kumpel im Trikot, der ein paar Meter abseits noch immer von einem Bein aufs andere tänzelnd gerade den kleinen Schreihals in den Schlaf schuckelt. „Wir sind alle selbs‘ Papas: Hat dat Mädel se no‘ alle? Dem Kurzen suppt die Pipi schon durche Buxe und die läuft wech. Wir hätten den auch gewickelt. Aber wir ham keine Windel gefunden.“ Talente als Vatis haben die Jungs offenbar – fehlt bloß das Equipment. „Genau – wat‘ lässt die hier ihr Kind alleine?“ stimmt ein Anderer zu.

Wir wissen es ehrlich gesagt auch nicht, zucke ich mit den Schultern: „Aber wer sich noch nicht mal alleine im Dunkeln auf die Straße traut sollte vielleicht erst recht nicht mit nem Säugling… ach, wat red‘ ich, wir zwei beiden sind uns doch einig…“ Ein paar Meter weiter singen zwei Erwachsene Männer ganz leise die Lieder aus’m Stadion, damit der Knirps einschläft, als wir zu Mutti zurück gehen.

Die hat sich inzwischen einigermaßen eingekriegt und uns – immer noch in 50m Sicherheitsabstand zu den gefährlichen Typen in den bösen Fußball-Outfits – erzählt, sie hätte ‚auf einmal Schiss gekriegt‘. Weshalb? Keine Ahnung.

Mürrisch folgt sie mir in die Nähe der Männer, die den inzwischen schlafenden Säugling in den Wagen gelegt, um ihn herum aufgeräumt und ihn mit seiner Bärchen- Decke zugedeckt haben. Es fällt ihnen sichtlich schwer, den Kleinen wieder her zu geben. Bevor wir das Baby rüber zu Mutti schieben legt einer der Dortmunder seinen eingerollten BVB- Schal zu ihm in den Wagen, damit der Winzling auf der noch viel zu großen Liegefläche nicht hin und her purzeln kann, und: „… damit was aus ihm wird.“ 

Dann fährt die Kollegin den Wagen zur Mutti rüber.

Einer der Dortmunder stößt mich an: „Sie müssen mir aber versprechen, dass sie den Kurzen gut unterbringen!“ – „Könn‘ Se sich drauf verlassen!“ sage ich, und denke ‚…zumindest für heute Abend…‘.

Mutter und Kind werden hier gleich von einer Betreuerin ihrer Wohngruppe abgeholt. Mutti ist übrigens keine 14, sondern 23. Ihr Sohn vier Wochen alt.

Vier! Wochen!

Habt ihr schon mal ein vier Wochen altes Baby schreien gehört?

Selbst wer keine Kinder hat kann sich diesem Ton kaum entziehen. Allein deshalb konnten die Jungs gar nicht anders als zu helfen. Mit dem Herz am rechten Fleck und den Papi-Skills ausgestattet hatten sie gar keine Wahl, als dem Säugling zu helfen.

Mutti hingegen hat sich schon wieder ein paar Meter von Kinderwagen samt Nachwuchs entfernt, denn sie hat ganz andere Sorgen: Ich soll ihr Handy holen. Der Kurze schreit – und ich gleich auch, wenn ich nicht aufpasse. „Das Handy ist noch da drin! Holen Sie mir das. Das ist ihr doch ihr Job.“  Mist. Jetzt platze ich doch: „Passen Sie mal auf!“ – Einer dieser bescheuerten Sätze, an denen man gleich erkennt, dass ich gerade nicht mehr zu 100% jedes Wort überdenke – „Passen Sie mal auf! Ich mache hier meinen Job – aber dann machen Sie jetzt gefälligst auch Ihren und wickeln Sie verdammt noch mal Ihr Baby!“

Das saß. Mutti kümmert sich. Einer der Fußballjungs hat ihr Handy von der Steckdose abgezogen. Die anderen halten den Tagesvollsten davon ab, Mutti mit geballten Fäusten wüst zu beschimpfen. So richtig übelnehmen kann ich es ihm nicht. Erstens ist er voll, zweitens ist er Vater und drittens darf er, sagen die Kumpels, sein Baby nicht sehen und explodiert gleich beim Anblick der überforderten Mutter. Kurz wird es laut, dann haben sie ihn wieder auf Betriebstemperatur.

Nörgelnd schiebt Mutti ihren Kinderwagen zu unserem Auto. Ein bisschen Abstand zu der Szene könnte hilfreich sein. Wir setzen die beiden auf die Rückbank und beschließen, dass ihr Handy draußen bleibt. Sie soll runterkommen und sich um den Kurzen kümmern, nicht um ihr Smartphone. Wieder nörgelt sie kurz, dann machen wir von außen die Tür zu und Atem tief durch.

Wir hoffen, die junge Mutti hat ihre Lektion gelernt und weiß jetzt, wo ihre Grenzen sind. Im Dunkeln sollte sie so bald mit dem Spross jedenfalls nicht mehr vor die Tür gehen.

„Ein Glück, dass die Typen so vernünftig waren!“ fasst die Kollegin zusammen. „Überleg ma‘ – wenn die irgendwo das Baby stehen lässt und weg rennt, wo gerade keine Polizei ist, und…“ – „Nein!“ antworte ich: „Das überlege ich lieber nicht!“

Vor uns liegen noch sechs Stunden bis zum Feierabend. Und auch wenn wir nicht wissen wo die Leitstelle uns als nächstes hin schickt sind wir sicher: Schockieren kann uns nach dem Einsatz heute nichts mehr.

6 Gedanken zu “Echte Liebe

  1. Fastdäne

    Moin, moin,
    kurzes Fazit: manchmal sind die eigenen Mütter für Kinder nicht der beste Umgang. Irgendwie bekommt man das Gefühl, der Stöpsel sei bei Adoptiveltern oder bei Pflegeltern besser aufgehoben.
    Gruß Frank

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  2. Pingback: Woanders ist es auch schön | READ ON MY DEAR, READ ON.

  3. Liebe Kleinstadtrevierpolizistin!
    Das ist eine der wunderbarsten Geschichten die ich in der letzten Zeit gelesen habe.
    Ich arbeite im Rettungsdienst und da ist es genau so. Die Geschichten die wir erleben sind oft so bekloppt, das kannste Dir nicht ausdenken.
    Und um es mal ganz klar zu sagen – mindestens genauso froh wie ICH es bin wenn IHR dabei seid ist es offensichtlich umgekehrt. Zusammen sind wir ein richtig starkes Team, das muss man mal klar so sagen. Ehrlicherweise sind die Einsätze mit Rettungsdienst UND Polizei leider auch oft die traurigsten. Psychiatrische Fälle hängen bei mir zum Beispiel fiel länger nach als etwa ein schwerer Unfall. Das kriegt man ja meistens wieder hin. Erstmal mit Narkose und Schmerzmitteln und dann mit einer Operation.
    Aber was macht man gegen Verwahrlosung? Isolation? Schizophrenie? Heilung gibt es dafür nicht, schon gar nicht in der Notfallmedizin.
    Lirum larum – danke für Deinen tollen Blog und jeden einzelnen Beitrag! Ich bin ein begeisterter Leser all Deiner Beiträge und der hier wurde bei uns am Küchentisch vorgelesen!
    Viele Grüße und guten Mut für die täglichen und nächtlichen Herausforderungen.
    Alles Liebe und Gute,

    der Narkosedoc

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    1. Danke.

      Einfach danke für die tolle und ausführliche Rückmeldung!

      Ich bin wie du überzeugt, dass wir (ob jetzt in roten oder blauen Hosen) zusammen echt mächtig viel erreichen können.

      Nicht zuletzt übrigens bei den „Verrückten“ (ich finde das Wort oft gar nicht so unpassend) – vielleicht können wir deren Welt nicht so sichtbar retten wie die der Unfallopfer. Aber wenn wir auch den nervigsten Stammkunden immer menschlich begegnen, wie sie es verdient haben, und auch wenn es Arbeit macht die Hilfe anstoßen, die sie brauchen, ist doch schon viel erreicht.

      Endgültig von dem Bild des störenden „Irren“ wegzukommen ist mir ein Anliegen.
      Und das heißt weder dass ich jeden der mich belästigt gleich in Watte packe noch dass sie es alle gut mit uns meinen. Ach. Du wirst mich schon verstanden haben. 🙂

      Viele Grüße an den Küchentisch und bitte immer zuversichtlich und am Stück nach Hause kommen!

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