die Geschichte von den Socken

Die neuen Praktikanten sind seit einer Woche das erste Mal in Uniform unterwegs und ich habe mir für diesen Frühdienst vorgenommen, seine Tutorin und ihren Youngster kurz bei Seite zu nehmen und ihn wissen zu lassen, was mir wichtig ist und was ich mir für diese erste spannende Zeit mit echtem Bürgerkontakt von ihm wünsche.

Bisher haben wir einen sehr guten ersten Eindruck von unserem Azubi. Er ist neugierig und hat Manieren. Wenn er jetzt noch fleißig und hilfsbereit ist, was will man im ersten Praktikum mehr erwarten?! Ich beschließe das Gespräch mit dem Motto, nach dem ich zu arbeiten versuche: „Wenn du immer ein bisschen mehr tust als du müsstest und nie mehr tust als du darfst, dann kann das schon mal nicht zu verkehrt sein.“ Klingt logisch, findet er. Dann startet er mit der Tutorin und einem dritten Kollegen in den Tag.

Auch ich habe heute eine Spannfrau dabei. Gegen Mittag verkauft uns die Leitstelle einen kleinen Unfall mit Sachschaden.

„Mit dem Riesenschiff kann man hier gar nicht unfallfrei abbiegen!“ sind die Kollegin und ich uns einig, als wir durch die schmale Einbahnstraße zum Unfallort fahren.

Der Vierzigtonner wollte nach rechts, das Heck des Aufliegers schwenkte folglich nach links, wo allerdings ein Pkw parkte, dessen Zeitwert sich mit einem lauten Rumpeln um gut 1/3 verringert haben dürfte. Der rechte Außenspiegel klemmt an der Begrenzungsleuchte des Lasters fest, und um den Schaden nicht zu vergrößern und zügig den Verkehr wieder ans Laufen zu bekommen schieben der polnische Lkw- Fahrer und ich erstmal das Auto rückwärts von seinem Endgegner weg.

Blecht knarzt, dann begucken wir uns die Delle. „Hätte schlimmer kommen können…“ versuche ich die Autobesitzerin zu trösten. „… Immerhin geht die Beifahrertür noch auf und die Scheiben sind auch noch ganz. Gucken Sie mal: der Reifen ist auch frei. Sie können mit dem Auto noch fahren.“ Begeistert ist sie nicht gerade. „Ich lege Ihnen den Spiegel mal auf den Beifahrersitz!“

Die Kollegin macht sich an den Papierkram. Unfallmitteilungen ausfüllen, Versicherungsdaten des polnischen Lkw aus seinem Stapel von Papieren zusammensuchen; es dauert einen Moment. Als ich mich bei dem Unfallfahrer nach der der Telefonnummer der Spedition erkundige, winkt er mich zu dem inzwischen ein Stück weiter entfernt abgestellten Laster.

Er habe ein Problem, gibt er mir mit Händen, Füßen und ein paar Brocken Deutsch zu verstehen und deutet auf seine Füße, an denen sich keine Schuhe sondern nur Socken befinden. Dann weist er auf einen einzelnen Latschen auf den Stufen zu seinem Fahrersitz. „Schuh: zappzarapp!“ – Äh?! „Der Schuh wurde gestohlen?“ habe ich verstanden. „Ja. Autobahn. Kannst du helfen?“ Ich fürchte, der Täter wird schwer zu ermitteln sein: „Hm? Schwierig.“ sage ich und zucke mit den Schultern. „Kannst du helfen?“ fragt er noch einmal und guckt so bedröppelt, dass ich eigentlich kaum nein sagen kann. „Schuh- Shop?“ fragt der Fahrer weiter und möchte wohl die Richtung wissen: „Distanz?“ Oha, denke ich. Naja, so weit ist es nicht, zu Fuß eigentlich kein Problem. „Da rüber! Zu Fuß fünf Minuten.“ übersetze ich mit einer Lauf- Geste, einem Blick zur Uhr und fünf Fingern. „So…“ sagt der Fahrer und zuppelt sich an den Tennissocken: „…so nicht!“ Dann schüttelt er entschlossen den Kopf, schlägt sich die Hand gegen die Stirn und verdreht die Augen. Ist ihm wohl unangenehm, so in die Stadt zu socken. Ich hhhmme bedauernd zustimmend.

Er kramt in seiner Hosentasche und zückt einen Geldschein: „20,- Euro – Du [Lauf-Geste] Shop!“ „Ich soll dir Schuhe kaufen? pruste ich laut und schüttele den Kopf: „Ich weiß doch deine Größe gar nicht! Und wat weiß ich was du für Schuhe willst?! Na du hast ja Knaller- Ideen!“ Er lacht, obwohl er vermutlich außer dem Kopfschütteln nichts verstanden hat, dann folgt eine Denkpause.

„Pass auf!“ sage ich, und stoße ihn an: „Kein Problem, guck mal!“ Wild gestikulierend erkläre ich meinen Plan. Er knufft mich freudig gegen die Schulter, dann gehe ich mit der Nummer seines Disponenten im Notizbuch und dem Fahrer im Schlepp zurück zum Streifenwagen, die Kollegin einweihen.

„Du, ähm…“ unkonventionelle Ideen verkauft man am besten vorsichtig: „Wir müssten gleich mal eben den jungen Mann ein Stück mitnehmen.“ Sie guckt fragend. „Dem ham‘ se  unterwegs n Schuh geklaut. Jetzt hat er nur noch einen. Er muss zu Deichmann. Wir setzen ihn da gleich kurz ab…“ Vielleicht kommt mir zu gute, dass die Kollegin ins Schreiben vertieft und deshalb nicht ganz Ohr ist: „…ich mache schon mal die Rückbank frei!“

Auch der Autobesitzerin ist die Sockfüßigkeit ihres Unfallgegners nicht entgangen. „Der läuft hier schon die ganze Zeit so rum. Ich dachte mir schon: der hat ja Nerven!“ Besser als ganz barfuß denke ich und schaffe Platz für den Fahrgast.

Als der Papierkram fertig und die Autobesitzerin nach Hause gegangen ist machen wir uns auf den Weg in die Einkaufsstraße, der uns leider verkehrsbedingt zickzack und kompliziert in die Stadt führt. Angestrengt aus dem Fenster starrend versucht der Fahrer sich die Strecke einzuprägen. Dass es zurück nahezu geradeaus ginge kann er nicht wissen. Vor dem Schuhgeschäft lassen wir ihn aussteigen: „Findest du deinen Truck?“ frage ich mit Händen und Füßen. Er guckt mich entsetzt an und war wohl der Annahme, wir brächten ihn wieder zu seinem Gefährt zurück. „Warte! Zwei Minuten!“ bittet er uns. Dann eilt er rüber zum Latschenregal vor dem Eingang.

Den Besuchern des Imbiss, neben dem wir den unseren Fahrgast abgesetzt haben, ist unser Auftauchen nicht entgangen. Alle beobachten nun verwirrt schmunzelnd den auf Socken über die Straße joggenden Mann, wie er eilig Schlappen aus der Auslage nimmt und in den Laden verschwindet und, kaum dass ich den Wagen gewendet habe, auch schon wieder  mit nigelnagelneuen Latschen zu uns zurück schlappt. „Guck, da isser schon wieder.“ sagt die Kollegin. So kauft man Schuhe! Da kann manche Frau was bei lernen!“ zwinkere ich: „Und so schnell wie das jetzt ging will ich mal schwer hoffen, dass er auch bezahlt hat.“ „Jau, das wär ne Nummer. Gleich kommt am Funk: Wer steht günstig für‘n flüchtigen Ladendieb bei Deichmann? Beute: Schlappen. Flüchtig mit einem blau- gelben BMW.“ 

Schon sitzt unser Gast wieder hinten neben der Kollegin. „Bisschen klein, die Latschen, oder?“ fragt sie und deutet auf die Neuanschaffungen und hakt nach: „Füße zu groß? Oder Schuhe zu klein?“ „Schuhe: perfekt!“ antwortet der Latschenbesitzer und lächelt glücklich.

Wenig später setzen wir ihn an seinem Laster ab. Er bedankt sich tausendmal, dann räumen wir unseren Kram wieder auf die Rückbank und beenden den Einsatz. Routinemäßig fragt die Leitstelle fürs Protokoll unsere getroffenen Maßnahmen ab. „Unfallmitteilungen. Mündliche Verwarnung. Und dann waren wir mit dem sockfüßigen Lkw- Fahrer noch eben bei Deichmann Schlappen kaufen. Musst du mal gucken, wo du das in deinem Maßnahmenkatalog findest!“ scherze ich. „Belassen wir es bei ,Sachschaden, mündlich‘“ kontert die Kollegin hörbar schmunzelnd.

‚Schade, dass der Praktikant nicht hier war‘ geht mir durch den Kopf, als ich seiner Tutorin das Socken- Foto schicke. Besser hätte man an unser Gespräch heute morgen wirklich nicht anknüpfen können.

 

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6 Gedanken zu “die Geschichte von den Socken

  1. __E__

    Die Polizei – Dein Freund und Helfer! Sehr, sehr nett von Euch.

    Was mich noch interessieren würde: Wie hast Du dem Herrn über die Sprachbarriere hinweg denn erklärt, warum Du seine Füße fotografieren willst?

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    1. Naja. Man nimmt das Handy zur Hand und das Display zeigt das Kamera-Bild. Dann schmunzeln beide. Dass das n witziges Foto ist war ja abzusehen. Und dass er nicht der Einzuge sein würde der die Geschichte Zuhause erhält, auch…

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  2. Norbert

    Was mich an der Story ja ein klein wenig beunruhigt, wenn dem Fahrer tatsächlich die Schuhe/Schlappen gestohlen wurden. Gibt es ernsthaft eine Nachfrage nach getragenen Fernfahrerschlappen? Auf ebay z.B. gibt es ja in der Tat auch gebrauchte Schlappen zu kaufen. Ob das so ein Fetisch-Ding sein könnte? Schräg. CSI „Pantoffel“ übernehmen sie 😉

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