Auf‘ Kirmes

Bevor der junge Mann mit der abgestoßenen Kunstlederjacke den Wachraum betritt, habe ich ihn ein Viertelstündchen warten lassen müssen. Jetzt habe ich Zeit für sein Anliegen und eröffne unser Gespräch wie immer mit der Frage, wie ich denn weiterhelfen könne.

„Tjjjjooaaaa, das‘ ne längere Geschichte. Kindermord und so, nä!“ Nicht, dass ich ihm nicht hätte glauben wollen, aber mit den Jahren bekommt auch der blindeste Kollege einen scharfen Blick für die Brisanz der vorgetragenen Geschichten. Ich lasse mich also mit Schmackes in den Bürostuhl plumpsen und schiebe Zettel und Stift bei Seite: „Kindermord? Dannnnn ähhh… erzählen Sie mal. Aber fangen Sie bitte mit einer Zusammenfassung an. Drei Sätze oder so, damit ich direkt einen Überblick habe.“

Mister Marple zückt mit geübtem Griff eine eingerollte Bildzeitung aus der hinteren Hosentasche und pfeffert sie mit wissendem Blick schwer ausatmend auf den Wachtresen. Wäre ich Drehbuchautor zweitklassige Kriminalfilme, würde die Szene, in der der aufstrebende Nachwunchskommissar dem Chef der Mordkommission die entscheidende Spur präsentiert, vergleichbar aussehen. Hörbar durch die Nase einatmend fasst er also wie ihm beschieden zusammen: „Tjjjooaaa, ich sach ma so, ne: Der Mörder hier, der is im Heimatverein. Den hat’n Kumpel von mir gesehen. Der war letztens auf‘ Kirmes. Ehrlich! Fakt! Ich kenn ein‘, der kennt den. Seite eins! Der Mörder!“

Zeit, Zettel und Stift noch ein gutes Stück weiter weg zu schieben: „Ich bin jetzt in Sachen BILD- Zeitung nicht so auf zack wie Sie; welcher Mörder is’n da heute so Phase?“ Meine Wissenslücke scheint den Aushilfs-Matulla sichtlich zu kränken. Er hat wohl eher angenommen, ich würde stante pede die Kollegenschaft zu einem Freudenfest über den entscheidenden Tipp zusammenrufen, Matulla in unseren Aufenthaltsraum einladen und mir die ganze spannende Geschichte erzählen lassen. Ich habe aber zu tun. Es gilt demnach, auf den Punk zu kommen: „So. Sie kennen also einen, der den Mann von Seite eins kennt, der ein Kind umgebracht haben soll. Aber, gestatten Sie die blöde Nachfrage: Sitzt der nicht schon lange ein?“ erlaube ich mir, zusammenzufassen und werfe mich im Bürostuhl nach hinten, bis die Lehne fast waagerecht liegt. Matulla schnappt die Zeitung, als suche er eine Info. Ich fahre fort: Sie müssen das doch wissen, Sie haben das doch gelesen.“ 

Denkpause.

„Äh. Haben Sie doch?!“

Matulla starrt auf das Foto des bebrillten Glatzkopfes und studiert die knappe Bildunterschrift. Schweigend. Ich also wieder: „Lesen Sie doch mal vor. Was steht denn da?“

Matulla zückt den Zeigefinger: „M e i n S o h n i s t e i n K i n d e r – M ö r d e r …“ Das steht da wirklich so, mit Bindestrich. Wegen der besseren Lesbarkeit. „…e x u l s i v i n B i l d s p r i c h t z u m e r s t e n M a l…“ – „Äh, ja, haben Sie den Artikel noch gar nicht gelesen, von dem Sie mir hier brandheiß erzählen wollen?“ Mein Privatermittler ist froh, dass ich ihn von der Lesestunde erlöst habe: „Nee, wieso? Mehr steht da ja nicht. Hier ist wirklich nur das Foto. Guck!“ Wieder zeigt er mir die Titelseite. Neben der Kracher- Story ‚Wind pustet Pappeln platt“ (die mich irgendwie mehr interessiert hätte. Ich meine: Wind, der einfach Pappeln platt pustet. Crazy von dem Wind, aber wir schweifen ab…) prangt unter einer Penny-Markt Werbung für Redbull und der dazwischen gequetschten Meldung über die Beerdigung Helmut Kohls ein Foto des mutmaßlichen Mörders Marcel (das wäre doch so eine schöne Alliteration gewesen, geradezu bauersuchtfrauesk. Warum muss ich erst darauf kommen, bevor die BILD es tut?!). Meines Wissens nach hat der sich damals gestellt, sitzt jetzt in Untersuchungshaft und wartet auf seine Anklage. Ich hake also weiter nach. „Wenn da auf Seite eins ein Foto ist, dann ist doch da sicher ein Hinweis, wo man weiterlesen soll. In klein. Hinter so einem Gedankenstr… äh: Minus. Hinter so einem Minus“ Ich male, inzwischen leicht genervt, ein Minus in die Luft.

„Ja. Seite acht.“ Von Mattulas Stolz über  den geklärten Fall ist nicht mehr viel übrig. Er muss jetzt lesen. Kann ja keiner ahnen, dass auf die Bildunterschrift noch ein Artikel folgen soll. Wozu heißt das Käseblatt denn bitte „Bild“ – sollen sie es doch gleich „Text“ nennen, dann hätte er Bescheid gewusst und den Kram gar nicht erst gekauft.

Hörbar seufzend breitet Matulla die Zeitung aus. Er blättert. Seite zwei?! Nee, noch weiter. Vier?! Herrgottnochmal blättert der langsam, dass zwischen eins und acht ungefähr mehr als zwei kommen sollte doch selbst dieser Schnellmerker schnallen. Irgendwann ist er so weit: „Ah! Da! Seite acht!“ Ich atme auf, bis Mattula wieder zum Vorlesen ansetzt. Ich bemühe mich um ausgesprochene Freundlichkeit und seufze: „Na sehen Sie! Seite acht. Da ham was doch! Dann würde ich Sie bitten, dass Sie die Story ganz in Ruhe lesen. Vor der Tür. Ich äh… ich muss in der Zwischenzeit hier was tun.“ sage ich, und denke: mehrere Anzeigen schreiben zum Beispiel, anschließend die Wache renovieren, dann eine kleine Kaffeepause, vielleicht noch Druckerpapier nachfüllen und die Büroklammern der gesamten Behörde nach Farben sortieren. Und dann nach Größe. Und dann noch eben alle zählen. Danach ungefähr sollte er ja so weit sein: „Und wenn Sie durch sind mit dem Artikel, dann berichten Sie mir mal, ob er schon einsitzt. Ja? Ja!“

Ernüchtert knüddelt Mister Marple die riesige Zeitung zusammen und verzieht sich in den Sicherheitsbereich vor dem Wachraum. Die Tür fällt zu. Ich bringe den Sitz in eine aufrechte Position und arbeite weiter. Ab und zu blicke ich rüber. Er sitzt noch da, sagt keinen Mucks und ist ganz und gar vertieft in Seite acht.

Als ich ihn etwa 15 Minuten später wieder zu mir rein rufe, einfach um ihn von den Qualen des Zeitung Lesens zu erlösen, schämt sich der Hobbydetektiv ein bisschen. „Und, erzählen Se! Sitzt ein, oder?“ – „Ja. Im Gefängnis.“ – „Damit hätte sich das dann ja zum Glück erledigt.“ finde ich, stehe auf und unterstreiche das Gesprächsende mit einem ausschweifenden Blick in Richtung Tür. Matulla geht. Die Zeitung ist inzwischen (vom vielen Lesen) völlig zerknubbelt. Irgendwie gelingt es ihm, sie wieder in der Popotasche zu verstauen: „Aber ich bin sicher der Mörder war auf‘ Kirmes.“„Vielleicht haben Sie sich ja da verguckt.“ beschwichtige ich schulterzuckend. Matualla aber ist nicht überzeugt: „Nein, ich kenn ein‘, der den gesehen hat. Das is ja ’n Kumpel von mir, den ich da kenn‘ – Können Sie ruhig auch mal nachgehen, so ’ner Spur.“ Dann scheppert ein letztes Mal die schwere Tür hinter diesem Kriminalfall zu. Der Mann mit der Kunstlederjacke verschwindet.

Auf unserer Dorfwache wurden schon viele Fälle ‚gelöst‘. Ein irrer Elektriker zeichnete einst in nächtelanger Fleißarbeit auf Millimeterpapier einen Schaltplan zur Rettung des Atomkraftwerkes von Fukushima und bat, man möge diesen bitte nach Japan faxen. In DIN A3, versteht sich. Ein andere Dorfbewohner schrieb Seitenweise Verschwörungstheorien zu Lady Dianas Todesursache auf und man denkt immer, man kennt alle Geschichten…. bis einer kommt, der einen kennt, der einen ‚auf Kirmes gesehen‘ hat, der schon lange im Kittchen sitzt.

Und genau deshalb mag ich meinen Beruf.

Ich treffe ständig Menschen, denen ich sonst nie im Leben begegnet wäre.

Und wenn sie höflich auch noch so großen Mumpitz vorgetragen haben: solange sie von ihrer Geschichte von Herzen überzeugt und freundlich zu uns waren, haben wir bisher nahezu alle mit dem guten Gefühl wieder gehen lassen, dass sich ihre Mühe gelohnt hat. Matulla ist da natürlich eine Ausnahme. Aber sein Fall war ja auch vorher schon gelöst. Steht ja alles schwarz auf weiß auf Seite acht.

2 Gedanken zu “Auf‘ Kirmes

  1. __E__

    Oh je. Ich bin voller Bewunderung für Deine Geduld! Ich sehe ja ein, dass er voller bester Absichten kam, aber mir hätte man die Ungeduld sofort im Gesicht ablesen können. Respekt!

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