über das Anlauf nehmen

 Ich hoffe ihr könnt damit leben, dass dies hier mal wieder keine unmittelbar dienstliche Anekdote ist. Es ist aber eindeutig eine Polizeigeschichte.

Urlaub. Ich sitze an einem dieser gewollt kommunikativen Acht-Personen-Tische der Ferienunterkunft, der prompt seine volle Wirkung entfaltet. Ein Gespräch ergibt sich.

Der Mann um die 40 arbeitet hier. Cooler Job, finde ich. Arbeiten wo andere Urlaub machen, da könnte ich mir Schlechteres vorstellen. Sein Job besteht darin, die Menschen zu unterhalten und ihnen zu einem schönen Urlaub zu verhelfen. Passt zu ihm, finde ich. Eine gewisse Schlitzohrigkeit fällt mir auf. Und seine freundliche, zugewandte Art. Unweigerlich kommt auch mein Job zur Debatte. Ich druckse herum. Habe ich wirklich Lust, mich jetzt vom üblichen: ‚Ach, da habe ich eine Frage, ich bin letztens mal geblitzt worden…‘ über: ‚Ist das nicht gefährlich. Und dann noch als Frau!‘ zu dem unausweichlichen: ‚Hast du denn schon mal geschossen?‘ durch zu hangeln? Was bleibt mir übrig: „Ich bin bei der Polizei.“ sage ich, ein bisschen als sei es ein Geständnis mit gleichzeitiger Kapitulation vor den sicherlich jetzt kommenden üblichen ‚Ach-was‘- Nachfragen.

„Dann waren wir mal Kollegen!“ entgegnet der Mann überrascht.  „Ach was?“ entfährt mir, bevor ich, nachschiebe, wie verrückt man denn bitte sein müsse, um diesen Traumjob aufzugeben.

Ich bin schon an einigen Orten auf ehemalige Kollegen getroffen. Häufig auf solche, die die Ausbildung nicht gepackt haben. Andere haben sich selbstständig gemacht, betreiben Sicherheitsdienste oder handeln mit Immobilien. Aber von einem spießigen Beamtenjob auf Lebenszeit in die vergleichsweise zukunftsunsichere Unterhaltunsgbranche, das habe ich noch nie gehört. Erwartungsvoll harre ich der Erklärung, oder sollte ich sagen Rechtfertigung, des jungen Mannes, der für mich ab jetzt nicht mehr Entertainer sondern fortan „ehemaliger Kollege“ von Beruf ist.

Mein Blick auf ihn hat sich gewandelt. Er allerdings wechselt maximal behände das Thema und lässt mir nicht den Hauch einer Chance, nachzuhaken. Vernehmungsprofi werde ich in diesem Leben wohl kaum noch. Na toll.

Wann immer ich ihm in den nächsten Tagen über den Weg laufe, brennt mir diese Frage unter den Nägeln. Weshalb kündigt man diesen Job? Klar, mir fielen tausend Gründe ein, in den Sack zu hauen. In welchem Job ist das bitteschön anders? Stefan Raab, Philipp Lahm, die hatten auch Traumjobs, selbst ’n Papst hat gekündigt. Bei mir geht’s nach einem Tag Sofa eigentlich immer wieder. Jeder Job hat schlechte Tage. Da muss man halt durch. Vielleicht ist dem ehemaligen Kollegen der Grund peinlich. Vielleicht hat er‘s nicht gepackt, war nicht abgebrüht genug oder hat „was Besseres“ gefunden. Pah. Ich erwische mich dabei, es irgendwie falsch zu finden, dass Kollegen ,einfach so‘ kündigen. Als ließen sie uns im Stich. Uns und den Diensteid. Ok, jetzt übertreibe ich wirklich.

Einige Tage vergehen, bis wir bei einem Getränk zusammensitzen und ich meine Chance wittere, ihn auf das Thema festzunageln. Soll er mir mal erklären, was es noch besseres gibt als unsere Farben zu tragen. Noch bevor ich dazu komme, nachzufragen, verrät er‘s mir.

Er habe den Job nicht mehr machen können, sagt er, habe Depressionen bekommen und dass ihn der Weg zur Einsicht ein ganzes Jahr gekostet hätte. Zweimal hätte er versucht, sich das Leben zu nehmen, dann endlich den Absprung vom Job geschafft und nochmal ganz von vorne angefangen. Äh. Bitte?

Wie überfahren und unfassbar beschämt sitze ich da. Durch meinen Kopf rattert immer wieder der Augenblick, in dem ich mir angemaßt habe zu beschließen, dass man diesen Job doch wohl nicht aufgeben darf, einfach so.

So viel zum Thema ,einfach so‘.

Mit knapp 20, erzählt er, hatte er nach mehreren Bewerbungen den für Außenstehende fantastischen Beamtenjob in der Tasche. Endlich ’n Bulle. Damals wie heute ein kleine-Jungs-Traumjob. Bei ihm leider keiner, der lange währte. Schon kurz nach der Ausbildung wuchs die traurige Erkenntnis, krank zu sein, den Job nicht zu packen. Und schließlich nach einer Ewigkeit des verzweifelten Zurückkämpfens in den nur scheinbaren Traumberuf aus einer lebensgefährlichen Depression, nach Suizidversuchen, nach der folgerichtigen Kündigung und einem kompletten Reset sitzt der Kerl neben mir und berichtet davon so, wie von irgendeiner harmlosen Geschichte von früher. Ziemlich beachtlich, finde ich, und denke an Kollegen, die genau so krank waren und die trauriger Weise diese Kurve nicht gekriegt haben.

Mir gegenüber sitzt niemand, der sich angestellt hat, der vor dem Job abgehauen ist, da sitzt ein fantastisches Beispiel für Willensstärke und Mut, der zu so viel Einsicht und zu einem Neuanfang gehört.

Wieder denke ich tagelang über unser letztes Gespräch nach. Und wieder hat sich mein Bild völlig gewandelt. Wie konnte ich mir das Recht herausnehmen, über seine Kündigung zu urteilen ohne die Geschichte zu kennen? Was habe ich mir da eingebildet? Wirklich peinlich.

Später erfahre ich, dass sich seine Kollegen von ihm abgewendet haben. Wie bescheuert man denn sein könnte, so einen sicheren Job aufzugeben, hatten sie gesagt, und dass er sich ,mal nicht so anstellen‘ solle.

Der ehemalige Kollege ist damals weit weg gezogen, hat sein Leben komplett neu gestartet und hat heute einen tollen Beruf da, wo andere Urlaub machen. Mit uns am Tisch sitzen seine Frau und sein Kind, die ihn ausnahmsweise bei der Arbeit besuchen und ich bin, auch ohne den ehemaligen Kollegen näher zu kennen, von Herzen froh, dass seine lebensgefährliche Geschichte ein Happy End gefunden hat.

Sein Neuanfang liegt mehr als 20 Jahre zurück. Auch heute gibt es Kollegen, die unser Job krank macht und ich wünsche uns allen, dass wir inzwischen klüger sind. Ich wünsche mir, dass es unter uns keinen mehr gibt, von dem wir uns abwenden wenn er am Ende seiner Kräfte ist, dass sich niemand mehr schämen muss für seine Schwächen, und dass kein Kollege mehr darüber nachdenkt, lieber zu sterben als sich einzugestehen, dass er den Job nicht mehr machen kann. Warum auch immer.

Es liegt wirklich an uns allen, uns vorschnelle Urteile zu sparen, psychische Erkrankungen ernst zu nehmen und einander Schwächen zu erlauben.

Als ich dem ehemaligen Kollegen später meine Hoffnungen vortrage halte ich mich für furchtbar weitsichtig und reflektiert. Er belehrt mich allerdings (wie sollte es auch anders sein) noch einmal eines Besseren: „Du bist nicht schwach, wenn du schwach bist.“ entgegnet er mir: „Das raffen viele Menschen nur einfach nicht. Schwäche ist oftmals nichts anderes als Anlauf nehmen.“

Danke dir, Herr PM aD, für diese Lektion, und Respekt vor deinem Weg!

3 Gedanken zu “über das Anlauf nehmen

  1. Wichtiges Thema, auch bei den Kollegen in rot, weiß und im Ehrenamt. Danke für die Ausführung!
    Hatte von einigen Kollegen (Haupt- und Ehrenamt bei den Hilfsorganisationen) Geschichten in dieser Art gehört, die nicht alle so glücklich endeten. Es erfordert viel Mut einzugestehen, dass der eingeschlagene Weg nicht der richtige ist, und einen anderen einzuschlagen.

    LG
    Jakob

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