Richard

Kccchhhhrrrt… ein lautes Kratzen ist zu hören, als die Kollegin und ich die Überreste des Motorrollers von der Fahrbahn auf den Gehweg wuckern. „Mach nix kaputt!“ scherzt sie. Ich würde lächeln, kann aber gerade nicht, der Schrotthaufen muss die Gehwegkante hoch.  Ich kehre die Splitter der Verkleidung von der Kreuzung, die Kolleginnen machen noch ein paar letzte Fotos, dann können wir den Verkehr wieder fließen lassen. Eine gute Stunde ging hier gar nichts. Das nervt die Dorfbewohner. Jetzt endlich kann jeder wieder hier lang brausen wie er will.

Die Kolleginnen gehen sich bei einer Anwohnerhin noch die pottdreckigen Hände waschen, dann fahren sie zum nächsten Einsatz. Während wir hier beschäftigt waren hat sich ein kleines Einsatzhäufchen auf dem Computerbildschirm der Leitstelle aufgestapelt, dass es jetzt hübsch nach Dringlichkeit priorisieren abzuarbeiten gilt. Dabei hätten die Beiden eigentlich jetzt schon genug Schreibkram zu tun. Hilft alles nix, sie müssen weiter. Ich warte hier auf den Abschlepper. Nicht, dass Passanten den Haufen Rollerschrott als Einladung zum Ausschlachten brauchbarer Teile verstehen.

Ich fahre den Streifenwagen mit Blick auf das Metallknäuel an den Fahrbahnrand und stelle mich auf dem Gehweg in die Sonne.

Jemand hupt. Hm. Frage ich mich: steht meine Karre im Weg? Nö, stelle ich fest, als ich den Blick zur Fahrbahn wende. Nicht ich stehe im Weg, sondern ein kleines Cabriolet, was sich an meinem Streifenwagen vorbei zwängt. „Herrgottnochmal, da passt ’n Lkw durch!“ höre ich mich nuscheln und gebe der Fahrerin Zeichen, weiter zu fahren: „Passt!“

Die Dame Anfang 30 in ihrem Mini-Flitzer allerdings macht keine Anstalten. Vermutlich hat sie mich auch nicht wirklich wahrgenommen, hat sie doch ihren Körper um halsbrecherische 170° nach hinten gewunden, zu dem Spross auf der Rückbank. Der Kurze ist höchstens drei, schätze ich. Vielleicht muss sie kurz nach ihm sehen. Es hupt wieder. Es, das ist der Mann in der Familienkutsche hinter der treusorgendend Mutti. Er gestikuliert, und inzwischen gestikuliere auch ich. „Fahren Sie doch bitte weiter. Sie halten den ganzen Verkehr auf!“ blöke ich so freundlich es mir gerade angesichts meines Unverständnisses für die nur mäßig ausgewählte Anhaltemöglichkeit der Dame möglich ist, und winke wild. Von schräg hinten hupt es noch mal.

Jetzt endlich schaut Mutti zu mir rüber. Und – na geht doch – antwortet sogar. Ob ich denn nicht sähe, dass sie ihrem Sohn gerade das Polizeiauto erkläre. Und dass es ja wohl Richards gutes Recht sei, zu erfahren, was in der Welt passiere. Denn, das könne ich vielleicht nicht wissen: auch kleine Kinder hätten schon eigene Rechte.

Bevor ihr der inzwischen zum vierten Mal hupenden und seit Hupen Nummer zwei auch reeeelativ unentspannt dreinblickenden Mann aus der Familienkutsche gleich auf seine Weise erklärt, was hier gefälligst vor sich geht, wechsele ich den Tonfall von freundlich aber bestimmend zu freundlich und aber-hallo-jetzt-sofort-und-zwar-ganz-bestimmt. Die Erklär-Mutti wringt ihren Körper zurück in eine normale Sitzposition, dann beschleunigt sie den dezent übermotorisierten Kleinwagen, dass es klein Richard mit Krawuppdich in den Kindersitz presst.

Als mich kurz drauf auch der Mann im Kombi passiert, zucken wir wie auf ein Zeichen synchron mit den Schultern und ich stelle mir vor, wie Mutti gerade dem Nachwuchs an der nächsten grünen Ampel ganz in Ruhe erklärt, dass sie eigentlich fahren dürfte. Und warum hinter ihr der Nächste hupt. 

2 Gedanken zu “Richard

  1. Sabine

    Mag jetzt vielleicht etwas weit her geholt sein, aber vielleicht ist das die Grundsteinlegung für die Generation Gaffer. Weil Mutti ja im Brustton der Überzeugung vermittelt, dass bereits Kindelein ein Recht darauf hat zu erfahren, was denn so in der Welt vorgeht…
    *Herr, schmeiß Hirn vom Himmel!*

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  2. Herr, lass es Hirn regnen, oder auch Ziegelsteine!

    Ja, das ist der Grundstein für Gaffertum. Schon den Kindern beibringen, dass an erster Stelle die Sensation steht. Nicht die Rücksicht. Ich warte immer noch auf den Moment, dass ich an eine Unfallstelle komme und höre “ lasst die kleinen nach vorn!“ (IRONIE AUS:)

    Nur der starke Verkehr auf der 4-Spurigen Straße hat mich letztens daran gehindert, zwei Kindergärtnerinnen einen scharfen Anpfiff zu erteilen
    , oder wie du es korrekt nennen würdest, ihnen freundlich aber SEHR bestimmt erklären, dass das keine gute Idee ist:
    Auf der Brachfläche an der Bahn stand „Christoph“ der große gelbe Hubschrauber der Luftrettung. Klar zieht das an. Ich als Radfahrer wäre auf der Brücke über die Eisenbahn auch stehen geblieben, um ihm beim Start zuzusehen. Doch die Kindergärtnerin betrachtete die Maschine mit ihrer Gruppe aus einer Nähe, in die ich mich nur mit Helm, geschlossenem VIsier und auf Zeichen des Piloten hin gewagt hätte.
    Na gut, die Mühle stand noch still, weil die Patientin gerade noch vor dem benachbarten Altenheim verladen wurde. dort schaute die zweite Kindergärtnerin mit Gruppe direkt zu, wie Oma Müller intubiert, beatmet, halb nackt und voller technischer Geräte transportfertig verpackt wurde.
    Gut, mit deinem Beispiel hat es nicht ganz so viel zu tun, weil hier keine große Behinderung des Straßenverkehrs oder der Retter vorlag (noch). Vielmehr ärgerte mich hier – neben der unverhohlenen Neugierde und Sensationsgeilheit – die Tatsache, dass es Sachen gibt, die Kinder einfach nicht sehen müssen. zumindest nicht auf diese Weise!
    Gegen stehen bleiben auf der Eisenbahnbrücke (Züge gucken ist toll!!!) hätte keiner was gesagt, aber das ist einfach daneben.

    Bei mir im Auto würden Kinder höchstens lernen, was wer alles falsch macht. nur, dass diese Erläuterungen mit so vielen Flüchen gespickt wären, dass man mir besser keine Kinder anvertraut. Nach zwei Semestern in Leipzig mit viel Fahrradfahren hat sich dahingehend mein Repertoire an „Kosenamen“ leider schon stark erweitert. …

    Ich würde mir in mancher Hinsicht wesentlich härtere Strafen im Straßenverkehr wünschen – konkret: Gaffertum und Rettungsgasse.
    Hätte die Mutter den Rest des Weges zu Fuß zurück gehen müssen, hätte sie alle Zeit der Welt gehabt, dein Auto zu erklären… (ja, ist übertrieben, ich weiß)

    Ich würde mir auf den Straßen mehr die Einstellung der Wassersportler wünschen, die sich gegenseitig im Auge behalten, und in erster Linie darauf achten, ihr Ziel zu erreichen, ohne auf dem Weg jemanden zu behindern oder ihm seine (Vorfahrts-)rechte zu nehmen, im Gegensatz zu den Autofahrern, die in erster Linie die Uhr / eigene Bedürfnisse im Blick haben und nicht den restlichen Verkehr.
    So, genug geschimpft.
    Liebe Grüße
    Jakob

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