20 Minuten

„Wie alt sind Sie eigentlich?“ möchte der Mann am Telefon wissen, vermutlich um einzuschätzen, ob ich überhaupt schon etwas über das Leben wissen kann. Wir sprechen jetzt seit gut fünf Minuten miteinander. Außergewöhnlich lange für einen Anruf auf der Wache. „Mitte 30.“ entgegne ich. Er hmmt, als ließe er diese Antwort gelten. Mit dem Wort Intelligenzbestie wäre mein Anrufer sicher nur recht vage beschrieben. Er wirkt eher ein bisschen schlicht. Aber seine Sorgen sind echt, er ist sehr höflich und ich habe Zeit. Weshalb sollte ich ihn abwimmeln?

Angerufen hat der Mann, ich schätze ihn auf Ende 30, um zu erfahren, ob es eigentlich sicher sei, am Bahnhof. Ich hatte erst nicht ganz verstanden, was ihm Sorgen machte und nachgefragt. Gefährlich geworden war es dort jedenfalls nicht in letzter Zeit. Er erzählte, ein junges Mädchen sei unvermittelt von einem ausländisch aussehenden Mann verletzt worden und er bringe seinen 12 Jahre alten Sohn deshalb neuerdings mit dem Auto zur Schule. Verständlich auf eine Art, aber notwendig? „Aus polizeilicher Sicht können Sie den Kurzen mit dem Bus fahren lassen, wie immer! Erstens weil es ein absoluter Einzelfall war, was damals dort vorgefallen ist, und zweitens weil…“ Meine ‚Einzelfälle‘ kenne er zu genüge, unterbricht mit der besorgte Vater, der gerade zum besorgten Bürger mutiert ist, und fährt fort: „Wissen Sie, ich habe nichts mit Ausländern an der Mütze, aber irgendwie kommen die mir immer komischer vor. Ich war mal in Kur, vor 25 Jahren, da waren auch Kollegen von Ihnen in Behandlung, aus Sachsen. Die hatten irgendwie die Wende nicht verkraftet. Und die sagten, sie dürften den Leute eh nicht die Wahrheit sagen, über die Ausländer. Sie müssten alle in Sicherheit wiegen. ‚Aber was wirklich los ist, das würde die Leute nur verunsichern‘ – sagte Ihr Kollege damals.“ 

Ich rechne zurück: „Ich verstehe Ihre Sorgen, Herr XXXX, aber vor 25 Jahren in Sachsen?! Das ist nicht gerade ein Maßstab für die NRW-Polizei heute. Ich sage Ihnen auch gerne, warum ich das denke. Da wurde zum Beispiel in Hoyerswerda ein Flüchtlingsheim angezündet und der Mob klatschte Beifall. Also: Ich möchte nicht sagen, dass Hoyerswerda für Sachsen steht, aber meiner Einschätzung nach hatten da Einige die Wende nicht verkraftet.“

Es entsteht eine kurze Pause. Mein Anrufer ist sich noch immer sicher, dass ich ihm die Wahrheit über „die Ausländer“ verschweige, und dass da mit Sicherheit Kriminelle dabei sind. Ich führe an, dass im Bereich der von Ausländern begangenen Gewaltdelikte meist auch die Geschädigten aus derselben Ethnie seien, bei den Einbruchstaten aber in den letzten Jahren ein deutlicher Anstieg ausländischer Ban… dann merke ich, dass ich den Mann am Telefon völlig abhänge: „Die hauen sich meist gegenseitig Eine rein, da sind gar nicht oft Deutsche betroffen. Die haben eher untereinander Stress. Is‘ ja auch logisch, wenn man mal überlegt unter welchen Bedingungen Flüchtlinge oft untergebracht werden, dass man da auch mal Streit mit dem Nachbarn hat.“„Und wenn es anders wäre, dann dürften Sie es mir nicht sagen!“ schließt der Anrufer an. Ich berufe mich darauf, dass wir schon über zehn Minuten telefonieren, und dass ich, wenn ich ihm nicht hätte die Wahrheit sagen wollen, schon längst unter einem Vorwand hätte auflegen können.

Inzwischen sind nahezu alle Kollegen einmal durch den Wachbereich gelaufen. Entweder zwinkernd oder Kopf schüttelnd. Mein Telefonat ist ihnen nicht verborgen geblieben. Einer steht da und möchte mir etwas mitteilen, ein Anderer braucht wohl eine Auskunft aus meinem Computer oder möchte mir eine Akte da lassen.

Mein Anrufer bleibt skeptisch. „Dann schauen Sie doch selbst mal in die Kriminalstatistik. Die ist ja kein Geheimnis. Und, ja: ich weiß, wie das mit Statistiken im Allgemeinen ist, aber besser als gefühlte Wahrheit ist sie allemal.“ Anbieten wollte ich es zumindest. Dass er sich die Mühe tatsächlich macht halte ich für unwahrscheinlich.

Unser Gespräch dauert noch weitere 9 Minuten. Wir reden über den Unterschied zwischen gefühlter und tatsächlicher Sicherheit, über logische Fehlschlüsse (das Mädchen wurde von einem Mann angegriffen. Der Mann was Ausländer. –> Ausländer greifen Mädchen an) und über das „komische Gefühl“, was mein Anrufer bei Flüchtlingen hat.

Am Ende bedankt er sich für meine Geduld. „Ich hoffe, ich konnte Sie ein Stück weit beruhigen. Ist ja wichtig für die Polizei, dass man uns nicht nur fragt, sondern auch die Antworten abnimmt. Schicken Sie Ihren Sohn morgen wieder mit dem Bus los. Irgendwo muss der ja auch noch die Hausaufgaben abschreiben…“ versuche ich, zwinkernd zu einem Ende zu kommen. „Sie haben sich so viel Zeit genommen“ sagt er: „Ich weiß das zu schätzen. Sie werden schon ehrlich gewesen sein. Ich spreche noch mal mit meiner Frau, also wegen dem Bus.“ 

„Und wenn Sie sich bei so einem Trugschluss erwischen“ rate ich: „dann machen Sie sich das bewusst. Das Kind wurde von einem verrückten Kriminellen angegriffen. Verrückte Kriminelle greifen Kinder an. Ob der jetzt Ausländer, Veganer oder Tischtennisspieler war, ist dafür unerheblich.“ Der Anrufer schmunzelt als wir auflegen.

„Boah, bist du nett.“ Der Kollege mit der Frage steht überrascht lachend wieder neben mir. „Ich hätte den früher abgewimmelt. Das wär mir zu nervig.“ Wir haben tatsächlich 20 Minuten telefoniert. Am Ende wurde es anstrengend. „Nett zu sein ist manchmal echt anstrengend!“ muss ich mitlachen „Aber der Mann war höflich. Ein bisschen schlicht, aber höflich.“„Trotzdem! Das war doch ’n Trottel, das merkte man ja ohne ihn der Strippe zu haben. Da quatsch‘ ich doch nicht 20 Minuten mit! Ganz im Ernst: du bist zu nett.“ stellt der Kollege fest, als ließe er keinen Widerspruch zu, und deutet auf Display des Telefons, das noch immer die Gesprächsdauer anzeigt. „Was du in der Zeit alles hättest schaffen können…“. Dann legt er mir seinen Papierkram hin und geht.

Hm. Denke ich. Vielleicht habe ich ja in den 20 Minuten sogar was geschafft?!

Und selbst wenn nicht; ich finde, wir alle, nicht nur wir Polizisten, müssen uns mehr Zeit nehmen, füreinander.

Oft vergessen wir auf ’ne Art, dass wir es zwar mit hier und da mit Trotteln zu tun haben, mit Mopperköppen und Schwarzmalern – aber eben immer mit Menschen. Und deren Stimmung, deren Haltung und deren Wirkung auf Andere wird vermutlich nicht besser, wenn wir nicht einfach selbst anfangen, vorzumachen, wie man miteinander umgehen sollte.

Nett nämlich. Jeder. Immer. Wenigstens ein bisschen.

3 Gedanken zu “20 Minuten

  1. Kann ich mich meiner Vorrednerin nur anschließen.
    Habe solche – zugegeben recht ermüdenden – Gespräche schon einigemale im ÖPNV geführt, wenn ich es nciht mit anhören konnte, wie Oma Meier der ganzen S-Bahn erklärte, was für böse „Kinderficker“ (Zitat) diese „Assilanten“ (Lautrein zitiert) seien… Leider nicht immer mit so gutem Ausgang. Bewundere daher deine Geduld.
    Witziger Weise nahmen die älteren Herrschaften da ab und zu gerne auf das Kreuz um meinen Hals oder T-Shirts von kirchlichen Aktionen bezug, nach dem Motto, wie gefällt dir als Christ das? Ich habe vor allem einen Wert im christlichen Abendland zu verteidigen, und das ist Nächstenliebe.
    Auch im Dienst (ehrenamtlicher Sanitäter bei einer großen Hilfsorganisation) wurde ich schon ein paar mal auf Themen wie dieses angesprochen.

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