Gyrosnotstand

Feiertag. 18h Uhr. Das Dorf hat offenbar soeben kollektiv Hunger bekommen und nur einer der örtlichen Imbissbetreiber ist geschäftstüchtig auf diesen Umstand eingestellt und clever genug, seine Klitsche zu öffnen. Diesem für ihn äußerst glücklichen Zufall seines heutigen Gyros-, Pommes- und Pizzamonopols ist nicht nur die Schlange vor der Theke geschuldet, sondern auch die gefechtsmäßige Parksituation auf der Straße. Oder besser: dem Gehweg.

Als ich mit dem Streifenwagen langsam vor den Laden rolle um das Chaos ein wenig zu lichten winkt mir eifrig der erste Kunde. „Gehen Sie da nicht hin! Ehrlich.“ Warnt er mich, als er sich mit dem Kopf zu meinem Beifahrerfenster gebeugt hat. Geistig bin ich auf die nun folgende Diskussion über Sinn und Unsinn der Ahnung von Parkverstößen eingestellt. „Weil, ganz ehrlich, ich übertreibe nicht, der braucht für Gyros eine Stunde gerade. Bis du drankommst. Ich bin auch gerade erst hier. Eine Stunde. Ich schwöre!“ Das erklärt natürlich einiges. Wegen des Gyrosnachschubproblems stapeln sich also drinnen die Kunden und draußen ihre Autos. 

Wissen Sie zufällig wem der Smart hier auf dem Behindertenparkplatz gehört?“ frage ich den hungrigen Hilfssheriff, wo ich ihn gerade schon mal da habe: „Der muss hier nämlich als erstes weg!“ – „Ja. Ich äh… der gehört ‚m Kumpel von mir.“ druckst der Mann rum und deutet hampelnd auf den Imbisseingang.  „Dann rufen Sie den Kumpel doch mal bitte raus. Den möchte ich gern mal sprechen… oder hätte ich fragen sollen, wer damit fährt? Das sind doch ganz offensichtlich Sie?!“ Der Mann nickt. 

1:0 für mich nach diesem echt laienhaften Ablenkungsmanöver.

„Na, dann nutzen wir mal Ihre Wartezeit, würde ich sagen, und Sie zeigen mir bitte mal Führer- und Fahrzeugschein.“ Zögerlich schlendert der Mittzwanziger im feinsten Feiertagsoutift (Joggingplinte und Schlabberpulli) zu seinem Kleinwagen.

35.- Euro kostet Ihr First-Class- Parkplatz mit extra Rangierfläche. Sie können da jetzt was zu sagen, dass ich Ihnen das vorwerfe, müssen Sie aber natürlich nicht. Sie können das per EC-Karte bei…“ mit den Papieren in der Hand unterbricht mich mein Kunde. „Ok, nä. Ich würd ja da auch sonst nicht parken, aber ma‘ ganz ehrlich jetzt; ganz ehrlich: Sehen Sie hier irgendwo ’n Behinderten!“ 

Hat er das jetzt wirklich gesagt? 

Ein bisschen fassungslos versuche ich dem joggingbehosten Mann zu erklären, weshalb die ohnehin schon raren Behindertenparkplätze für jeden, der kein echtes Problem damit hat, sein Gyros ein paar Meter zum Auto zu tragen, absolut Tabu sind. Er erträgt meine Ausführungen tapfer, nickt der Form halber und parkt brav seinen Kleinwagen um. Ob er mich inhaltlich verstanden hat; keine Ahnung.

Aber er hat ja beim Warten auf sein Gyros jetzt noch locker 45 Minuten Zeit, darüber nachzudenken.

9 Gedanken zu “Gyrosnotstand

  1. Hurra! Endlich ein neuer Blogbeitrag. Hoffentlich kommen in Zukunft wieder rägelmäsiger Geschichten. Damit, das manche Menschen keine Rücksicht zeigen, muss man sich nach einiger Zeit leider abfinden. In jedem Beruf der viel mit Menschen zu tun hat.

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      1. Darauf freu ich mich! Ich werde auch probieren mal wieder einen Beitrag fertig zu bekommen. Habe sicher schon 5 interessante Beiträge begonnen zu schreiben -fertig, hab ich aber noch keinen.

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  2. __E__

    Ich hätte dazu mal eine Frage. Und, als Präambel, die Frage bitte nicht mit dem Subtext „Faule Polizei, tut nie was“ lesen.

    Nach welchen Kriterien entscheidest Du bei Parkverstößen (heißt das so?) einzugreifen?

    Oder sind außerhalb Berlins die Autofahrer so disziplinert, dass sich die Frage gar nicht stellt?

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    1. Wie bei allen Ordnungswidrkeiten entscheidet die Polizei auch bei Parkverstößen (genau so heißt das) nach „pflichtgemäßem Ermessen“ ob und wie sie einschreitet. Auf Deutsch: wir schauen uns den Einzelfall an und wägen ab: einschreiten oder nicht, und wenn ja: mit Verwarngeld oder ohne.

      Ich schaue zum Beipiel: stört derjenige jemanden? Wie „dreist“ ist sein Verhalten? Welche Außenwirkung hat es, wenn ich hier einschreite? Schreckt es Nachahmer ab? (Gerade hier auf dem Dorf spricht sich schnell rum, wenn wir in Straße X oder Y strenger oder weniger streng hinschauen.) Und wie wirkt es, wenn ich den Verstoß erkennbar gesehen haben muss, aber einfach ohne einzuschreiten vorbeifahre? Denken die Leute, die mich sehen, dann genau das, was du eben nicht meintest: ‚Ah guck, da kann man also einfach ganz frech quer den Gehweg blockieren und die Polizei hält noch nicht mal an und verwarnt…‘

      Ob eine mündliche Verwarnung ausreicht oder es Geld kostet hängt dann sehr von der ehrlichen Einsicht des Betroffenen ab, und natürlich vom Verstoß. Es gibt Verstöße, die ich selten mit Geld verwarne, das sind meist die, die einem „passieren“ können. Fahrlässig. Und die dreisten, die demjenigen auch klar sein müssen, die kosten meist Geld. Zum Beispiel parken in Feuerwehrbewegungsflächen oder auf Behindertenparkplätzen. Aber auch da mag es Ausnahmen geben, die mal mit ner mündlichen Verwarnung davon kommen.

      Die Höhe des Verwarungsgeldes ist übrigens deutschlandweit einheitlich festgelegt und steht im sogenannten „Bundeseinheitlichen Tatbestandskatalog“. Den findest du online und kannst mal schauen, was alles geregelt ist und wie teuer es wird.

      Viel Spaß beim Stöbern und lass dich nicht erwischen, wenn du was verlockend günstiges gefunden hast. 😉

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      1. __E__

        Vielen Dank für die ausführliche Antwort und die Leseempfehlung. Ich habe gerade gegoogelt, aber 558 Seiten??? Wer soll denn das alles lesen? Und musst Du das mehr oder weniger auswendig können?

        Aber es geht ja schon sehr vielversprechend los:
        „Sie ließen beim Befahren der Straße die im Verkehr erforderliche Rücksicht außer Acht und beschmutzten dabei Andere“
        Wofür man alles Bußgelder bekommen könnte… Und wer bitte denkt sich aus, dass gewisse Verstöße genau 217,50€ kosten sollten?

        Eine wirklich amüsante Abendlektüre, aber leider sehr bürokratisch geschrieben. Ich widme mich dann doch lieber wieder meinem Buch.
        Und keine Sorge, ich habe nichts verlockend günstiges gefunden 😇

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      2. Natürlich kennt das niemand auswendig. Die Gängigsten Tatbestände kennt man, bei den übrigens sucht man nach dem entsprechenden § oder nach Stichwort. Inzwischen gibt es da auch Apps (die man dan auf dem privaten Smartphone nutzt – so modern sind wir ja noch nicht…)

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  3. __E__

    Ich meinte nicht auswendig mit Nummer und so. Aber immerhin müsstest Du wissen, dass es einen eigenen § für das Beschmutzen Anderer gibt (ja, der begeistert mich) und dass das nicht allgemein unter rücksichtsloses Verhalten fällt. Wird je irgendwer deswegen zu einem Bußgeld verdonnert? Und führt irgendwer Statistiken, damit man Karteileichen, die kein Mensch je anwendet, irgendwann mal entsorgen kann?

    Was macht man ohne privates Smartphone unterwegs? Habt Ihr im Streifenwagen das Kompendium dabei?

    Ich habe nie so richtig darüber nachgedacht, wie Bußgelder geregelt sind und bin ein bißchen fasziniert von der Welt der Bürokratie, die ich hier gerade für mich entdeckt habe. 😊

    (Und wenn ich Dich mit meiner Begeisterung für Dinge, deren Existenz man sich irgendwie hätte denken können und die für Dich ziemlich alltäglich sind, nerve, dann hör ruhig auf zu antworten. Ich kann mich recht ausdauernd begeistern)

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    1. Wir haben auf dem Streifenwagen den Tatbestandskatalog als Buch in A5. Ein kleiner, dicker Wälzer. Was da drin steht lernen wir nicht, sondern im Gegenteil: wir lernen, wie man sich richtig verhält. Wenn uns dann ein Verstoß auffällt, den wir ahnden möchten, blättern wir in dem entsprechenden § oder im Stichwortverzeichnis und finden dort den entsprechenden Preis und die Tatbestandsnummer. Jeder Verstoß hat eine Nummer. Haste vielleicht schon gesehen. Die lautet dann zB 123624 – dabei steht die 1 für einen Verstoß aus der StVO (und nicht etwa StVZO oder FEV oder was auch immer) die folgenden beiden Ziffern 23 sind der § in der StVO und die drei übrigen Ziffern sind eine Indididualnummer. So weiß man schon mal, wo man grob suchen muss und kann sich dann mit ein paar Eselsbrücken auch die wichtigsten Nummern merken. Gurt, Gehwegparken, Abbiegen über die durchgezogene Linie, STOP-Schild… was halt gerne mal anfällt.

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