Amy kämpft sich durch

Amy schläft. Die rosa Bettdecke hebt und senkt sich regelmäßig. Unser Gepolter und das Licht unserer Taschenlampen haben sie nicht geweckt. „Ich möchte sichergehen, dass sie sich nicht schlafend stellt.“ flüstere ich der Kollegin am Fußende des Hochbettes zu und schleiche zu Amy. „Die kriegt den Schock ihres Lebens… mach vorsichtig.“ ermahnt mich J. . Ich bemühe mich:„Amy?“ ich flüstere noch immer: „Wir sind von der Polizei. Wenn du wach bist, dann…“ sie wendet sich tatsächlich zu uns. Ach du scheiße. „Alles ok, Amy. Alles ist ok. Nicht erschrecken. Nicht erschrecken. Nicht erschrecken. Alles gut. Guck: Polizei!“ J. leuchtet ihre Uniform an. „Polizei. Siehst du? Eigentlich wollten wir dich nicht wecken…“

Ja, eigentlich wollten wir sie nicht wecken. Schon allein dass wir hier sind regt mich auf. „… aber wir mussten mal nachgucken ob bei dir alles ok ist. Weißt du? Weil der Papa ist noch bei nem Kumpel, der kann heute Nacht nicht nach Hause kommen. Deshalb hat er uns seinen Schlüssel gegeben, und deshalb guckt jetzt die  Polizei ob Zuhause alles ok ist und du gut schläfst.“ wir flüstern noch immer. Amy blinzelt im Halbschlaf unter der Prinzessinnenbettwäsche zu uns rüber und reibt sich die Augen. Sie ist zehn, und dass Papa bei nem Kumpel ist, ist unsere Notlüge heute Nacht. Dass er gerade auf Droge in der Zelle randaliert muss sie nicht wissen.

„Ja. Papa ist zum Kumpel gegangen. Macht der öfter.“ erzählt Amy und je wacher sie wird, desto mehr gerät sie in Plauderlaune. Mama ist weit weg gezogen, weil sie hier keine Arbeit fand; Papa hat ’ne neue Freundin, mit der er sich immer streitet und abends geht er gern zu seinen Kumpels. Inzwischen hat uns die Wache mitgeteilt, dass er niemanden weiß, der heute nacht auf Amy aufpassen kann. Dass wir sie dann mit dem Jugendamt ins Heim bringen, sagt er, sei „doch gut“. Ich habe mich zum Telefonieren aus dem Kinderzimmer zurückgezogen. Eigentlich wollte ich rüber ins Wohnzimmer, aber unter der riesigen Reichskriegsflagge hinter dem Sofa fühle ich mich dermaßen unwohl, dass ich die Küche vorziehe.

Hier stinkt es. Der Herd ist übel verklebt. Ob die Pfannen und Töpfe sich wohl ohne weiteres voneinander lösen lassen? Auf den Versuch verzichte ich. Auf dem Tisch, neben einem Dönerrest (der trotz Hakenkreuzfahne geschmeckt zu haben scheint) liegt ein Tütchen Marihuana. Wenn ich mir die vielen Tüten mit Leergut und Imbissverpackungen hier so ansehe ahne ich, dass Papa seine Döner für gewöhnlich mit billigem Bier runterspült. Ich beschließe, Amy was zu Trinken zu bringen. Mein Blick schweift: Wo könnte hier ein Glas stehen? In den Oberschränken finde ich ungeöffnete und völlig verschimmelte Aufbackbrötchen. Wusste gar nicht, dass die Masse, die entsteht, wenn man nur ein paar Monate (oder Jahre?) wartet, irgendwann schwarz wird. Kein Glas da. Und auch kein Getränk.

Als ich ins Kinderzimmer zurückkomme liest J. gerade ‚megastarke Schülerwitze‘ vor. Die sind zwar immer noch genau so unlustig wie vor 25 Jahren, füllen allerdings die Lücken, in denen uns kein Smalltalk einfällt. Amy hat angefangen, ein paar Sachen zu packen. Dass sie den Rest der Nacht woanders schläft nimmt sie tapfer hin. Insgesamt wirkt sie tough. Sorgen macht sie sich, sagt sie, nur um ihren Vater. Wir versprechen, dass er sich morgen meldet und ihm nichts passiert ist. Amy packt. Sie holt die Zahnbürste aus dem Bad. Auch hier lasse ich den Blick schweifen. Was ich sehe ist sozusagen die logische Fortsetzung der Küche. Abstoßend hoch 1000. Ein Stapel Kippen im Waschbecken, Urinspritzer neben dem Klo. Alles klebt und ein sauberes Handtuch kann Amy nicht finden. Dass sie so gepflegt wirkt ist ein kleines Wunder für uns. Clever ist sie obendrein, geht zum Sport, erzählt von etlichen Freundinnen und davon, dass sie Klassensprecherin ist. Wahnsinn. „Ich geh auch zum Karate!“ erzählt sie stolz: „…weil Papa sagt, dass man sich auch verteidigen können muss. Aber wenn ich elf bin, dann geh ich tanzen. Weil das machen meine Freundinnen. Oh: guckt mal: mein Zahn wackelt!“

Kampfsport, denke ich, kann ihr nicht schaden. Sicher gut für’s Selbstvertrauen. Auch wenn ich angesichts der häßlichen Fahne im Wohnzimmer Papas Motivlage, seinen blond gelockten Spross zu einer Kämpferin zu machen, für zweifelhaft halte.

Als der Bereitschaftsdienst des Jugendamtes kommt, hat Amy ihre sieben Sachen gepackt, das Lieblingskuscheltier oben auf den Beutel gesetzt und zieht sich Schuhe an. Wir haben im Kinderzimmer das Licht eingeschaltet. Auch hier stapelt Vaddern also Leergut. Und auch hier wird der Müll nicht entsorgt.

Wenigstens die nächsten paar Tage wird Amy hier nicht wohnen, sagt der Jugendamts-Beamte. Dann wird der Vater verpflichtet, aufzuräumen und eine Grundhygiene wieder herzustellen. Außerdem wird man eine Familienhilfe installieren.

„Und dann?“ frage ich. „Dann… wird man weitersehen!“

Mir ist klar, dass es ein extrem hohes Gut ist, bei seinen Eltern aufzuwachsen, dass es eine Bindung zwischen Papa und Kind gibt, die man nicht gefährden darf. An Amy sieht man sehr gut, wie viel diese Bindung bedeutet. Sie sorgt sich um den Typen, der für dieses stinkende Chaos hier verantwortlich ist, der sie nächtelang sich selbst überlässt und sie noch nicht mal ins Bett bringt.

Die Kurze wirkt robust, hat Freunde und Erfolg in der Schule. Wir kennen sie jetzt gut eine Stunde und sind beeindruckt von diesem lebhaften Stöpsel mit dem Wackelzahn, der uns irgendwie das Gefühl gibt, aus Papas Leergut- und Drogen- Leben das für sie Beste zu machen.

Dass sie in ein paar Tagen wieder hier wohnen soll, macht mich wütend und es kotzt mich an, dass ich ihr nicht helfen kann.

Niemand sollte so wohnen. Schon gar kein Kind. Aber wenn das jemand schaffen kann hier raus zu kommen, dann diese blonde Karate-Prinzessin mit Wackelzahn. Ich bin sicher: Amy kämpft sich durch.

2 Gedanken zu “Amy kämpft sich durch

  1. Nils solfert

    So ein wichtiger und gut geschriebener Text.
    Danke für eure wertvolle Arbeit! Ihr seid so viel mehr als nur Polizei. Ihr seid die Guten, ich bin froh, dass es Euch gibt.
    Und Amy wünsche ich alles erdenklich Gute!

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