Warmbadetag

Wer bei uns sein Schülerpraktikum macht, muss mit Allem rechnen. Leider tut das nicht jeder. Besonders die letzten Praktikantinnen fielen uns zumindest in den ersten Tagen durch eine sehr interessante Kleidungswahl auf. Dass Ballerinas und ein helles, nicht zuzuknöpfendes Mäntelchen mit aufgepuscheltem Polyesterfellkragen über dem bauchfreien Top vielleicht bei einer Verkehrsregelung im Nieselregen eher ungeeignet sind, lernen die jungen Damen dann oft durch leidvolle Erfahrung. Aber am nächsten Tag klappt’s dann meist auch mit den festen Schuhen und der Regenjacke.

Da unsere Schülerpraktis uns meist nur im Frühdienst über die Schultern schauen, erleben sie auch nur einen Ausschnitt unserer Arbeit. Bagatellunfälle, Ladendiebstähle, Hilfeersuchen und was halt sonst anfällt, wenn die Normalos arbeiten und die Rentner beim Einkaufen sind. All die absurden Dinge bleiben ihn deshalb meist verborgen.

Vor einigen Wochen war wieder Schülerpraktikantenzeit. Uns besuchte eine 18 Jahre alte Gesamtschülerin aus Klasse 12, die schon einen Führerschein hatte, äußerlich aber locker noch als 15 Jährige durchgegangen wäre und auch nicht gerade den zupackendsten und robustesten Eindruck machte. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, ihr zu zeigen, dass unser Job mehr bereit hält als freundliche Omis, die beim Ausparken vorm ALDI die Tür vor’s nächste Auto dengeln, und hoffte der Frühdienst böte dazu noch die eine oder andere Chance.

„Heute suchen wir uns mal richtige Arbeit…“ versuchte ich zwinkernd, Spannung herbeizureden. „…irgendein Bürger wird uns heute was Besonderes bieten. Ich sag’s dir!“  Wir fuhren auf Streife.

Keine zehn Minuten später beorderte die Leitstelle eine Streife zu einem Hilfeersuchen. In einem Mehrfamilienhaus sollte aus einer Wohnung Wasser in den Flur fließen. Nix wie hin. Mal sehen, ob die schnieken Stifelleten der Praktikantin geeignet wären, den Flur leer zu saugen. Ihr Glück, dass sie im Zweifel draußen bleiben und sich drücken kann, während wir uns nasse Füße holen.

In Keller angekommen schwante mir Böses. Mit dem Wasser, das knöcheltief aus dem Türspalt der Souterrain-Wohnung ins Treppenhaus quoll, drang ein übler Geruch nach außen. Dieser eine Geruch, bei dem jeder weiß, irgendwas ist faul. Mindestens zu faul zum lüften und Müll rausbringen. Wenn es allerdings ganz schlecht liefe bekäme C. hier gleich mehr traurige Realität geboten als uns beiden lieb ist.

Erstmal Wasser und Strom abstellen, dann einen Überblick verschaffen.

Wir wateten auf Zehenspitzen durch den gefluteten Waschkeller auf die Rückseite. Hier gab es, wegen der Hanglage, Fenster in Hüfthöhe, durch die man vielleicht Einblick in die feuchte Bude hatte. Tatsächlich.

Über die 70er- Jahre Häkelgardinchen hinweg hielt ich die Taschenlampe in die Küche. Niemand da, der den Stapel Abwasch erledigen könnte. Aber mit etwas Glück und noch mehr Wasser erledigte sich das eh bald von allein. Ein paar leere Bierflaschen und ein Plastikbottich dümpelten umher. Die sollten jedenfalls schon sauber sein. Aus dem Spalt des auf Kipp stehenden Fensters drang warme Luft nach draußen. „Fühl mal, C. – heute ist Warmbadetag!“ Manchmal hilft nur, alles nicht zu ernst zu nehmen. Und C. war, wie zu erwarten, irgendwas zwischen neugierig und abgestoßen.

Das nächste Fenster erlaubte uns einen Blick ins Wohnzimmer. Hier schwamm im vom langfloorigen Teppich schmutzgetrübten Wasser ein wahres Vermögen an Pfandflaschen umher und man hätte keinen Schritt waten können, ohne auf etwas zu treten. Überall trieben leeres Geschirr, Rechnungen, Leergut, Zigarettenschachteln, CDs, Kleidung und anderer Hausrat um den Fliesentisch. Links in der Ecke, für uns nicht gut sichtbar, stand das Sofa. Darauf lag eine Decke, unter der Form und Richtung nach zu urteilen eventuell der Wohnungsinhaber lag. Ich bollerte gegen die Scheibe und die Fensterbank: „Herr ____ die Polizei ist da, aufwachen!“ Nichts rührte sich. „Lebt der nicht mehr?“ fragte C. „Wir werden es gleich herausfinden.“ entgegnete ich: „Die Feuerwehr ist schon bestellt.“ Kurz darauf waren die Jungs mit dem großen roten Auto vorgefahren. Durch das gekippte Fenster kletterte ihr Azubi in die Küche und stapfte in seinen Stiefel rüber ins Wohnzimmer. „Und? Isser tot?“ fragte der Kollege von außen. „Ja! Oder, warte, nein! Äh: Herr ____?“ Er bewegte sich tatsächlich.

Kurz darauf wateten dann auch die Rettungskräfte durch die von innen geöffnete Wohnungstür, während sich der Inhalt der Wohnung samt Vorlegeteppich und Pfandsammelsurium in den Kellerflur ergoss. In Richtung Waschkeller war ordentlich Strömung. Nur: wo kam das Wasser eigentlich her?

Der Mieter wurde langsam wach, betrunken zwar, aber sonst wohlauf. „Herr ____ – wir müssen mal hier aus gehen. Ihre ganze Wohnung steht unter Wasser!“ beschloss der Notarzt, der sich vor dem trüben Tümpel auf einen Stuhl gerettet hatte. „Ich weiß! Die Badewannenarmatur ist mir abgebrochen. Ich war gestern Abend inner Wanne!“„Und dann haben Sie sich einfach aufs Sofa schlafen gelegt?“ – „Na wat soll ich denn machen? Oder seh ich etwa aus als wär ich Klempner?“ Ja. Da hatte er Recht, der gute Herr ___. Klempner schien er nicht zu sein, sonst wäre ihm klar gewesen dass der Wannenabfluss die aus der Badezimmerwand strömenden Wassermassen nicht auffangen konnte, und dass ihm über Nacht irgendwann unweigerlich das Pfand wegschwamm. Auf dem Sofa allerdings war es noch immer gemütlich trocken. „Stehen Sie mal auf und kommen Sie mal mit uns raus hier!“ Herr ___ zierte sich: Nä! Da krieg ich ja ganz nasse Füße!“ Ach was. Aber dagegen konnte nun auch die Feuerwehr nicht helfen.

Kurz darauf war Herr ____ im Rettungswagen gut unter. Die übrigen Mieter fingen an, die Habseligkeiten ihrer Keller in die Regale zu retten und am Telefon erklärte einer dem Vermieter, dass wohl mehr als nur eine neue Badewannenarmatur fällig wäre, um das zweieinhalb-Zimmer-Aquarium des Herrn ____ wieder bewohnbar zu machen.

Wieder im Streifenwagen kamen die Praktikantin und ich ins Gespräch. Übers Verwahrlosen, über Alkohol, über’s Alleinsein und über Stinkefüße. Und ich hoffe, auf dem Weg zu ihrer Bewerbung habe ich der vielleicht zukünftigen Kollegen zeigen können, dass das Polizeileben ein wenig mehr parat hält als Parkverstöße und Ladendiebe.

Viel Erfolg auf deinem Weg, C.! Vielleicht sieht man sich ja im praktischen Teil der Ausbildung wieder!

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