Alles zu seiner Zeit

„Huch, jetzt ist mir schon wieder der Kuli runtergefallen!“ Die Frau um die 50 bückt sich und verschwindet kurz hinter der Wachtheke. „Oh. Und jetzt das Portmonee!“ 

Unruhig wirkt sie, dabei wollen wir gar nichts von ihr; im Gegenteil – sie ist hier auf der Wache erschienen um eine für uns eher unspektakuläre Anzeige zu erstatten. Vermutlich braucht sie ein Aktenzeichen für die Versicherung. Ihr Auto wurde letzte Nacht beschädigt. Das führt sie jetzt vor und je länger es dauert, desto mehr Kollegen fällt ihre Unruhe auf.

Immerzu kaut sie auf ihren trockenen Lippen, fährt sich durch die Haare und es gelingt ihr nicht mal auch nur drei Sekunden stillzuhalten. „Meine Güte, sind Sie ein Hibbel. Sie machen mich ja hier ein bisschen wahnsinnig…“ scherzt der Kollege, im Übrigen auch nicht gerade die Ruhe selbst: „…sind Sie immer so nervös?“ Ihre Tante hätte Geburtstag, erklärt die Dame, und sei gleichzeitig krank. „Da macht man was mit!“ Dann breitet sie uns völlig nebensächliche Familiengeschichten aus. Ganz schön redselig. Aber freundlich. Immerhin.

Hinter dem Schreibtisch tauschen die Kollegen wissende Blicke aus, bevor der Wachhabende zur Sache kommt: „Ähhhm… sagen Sie mal: Wann haben Sie zuletzt Drogen genommen? Sie sind ja total rappelig.“ – „Ich? Noch nie!“ Jetzt würde unsere Anzeigenerstatterin gerne entrüstet wirken. Dass sie aber gerade zum gefühlt tausendsten Mal irgendwas aufhebt, was sie zuvor schwer ungelenk zu Boden hat purzeln lassen, macht sie nicht gerade glaubwürdiger.

„Ich schlage vor, da Sie ja mit dem Auto hier sind, machen wir mal einen Drogentest. Dann ist die Sache ja schnell aus der Welt…“ sage ich, und denke ‚oder im Gegenteil‘. „Das ist ein Urin-Schnelltest. Sie machen Pipi in einen Becher, wir werten das aus und in einer Minute wissen wir mehr!“ Madame wirkt ertappt: „Muss ich da mitmachen?“  Muss sie nicht, aber so wie sie drauf ist wird uns nichts anderes übrig bleiben als sie auch bei verweigertem Test zur Blutprobe zu bitten. Die ist dann nicht mehr freiwillig. Sie ist einverstanden. Ausgestattet mit Handschuhen, Pipi-Becher und Teststreifen begleite ich sie zum Besucher-WC und lausche, ob sie auch brav ins Becherchen lullert. Schließlich möchte ich ja nicht die Drogen im Abflusswasser testen, oder die im Speichel. Es plätschert. „Wird eh was bei rauskommen!“ murmelt die Geschädigte der Sachbeschädigungsanzeige, die gerade zur Betroffenen einer Ordnungswidrigkeit im Straßenverkehr wird, halblaut. Na guck. So schnell kann man beim Pinkeln die Seiten wechseln. „Was kommt denn ‚bei raus?“ setze ich unsere noch immer plätscheruntermalte WC-Unterhaltung fort. „Marihuana! Hab gekifft, gestern!“ – „Bekifft wirken Sie ja nicht gerade, hibbelig, wie Sie sind. Ich verwette mein Abendbrot, da kommt noch mehr bei rum!“ Ich hätte auch das nächste Frühstück mit verwettet. Man muss auch mal was wagen…

Während sie sich die Hände wäscht träufle ich ihren Urin auf die Teststreifen und erkläre, wie man das Ergebnis abliest. „Wenn bei dem C in der obersten Zeile überall Striche sind, dann ist der Test gültig. Wenn sonst überall auch Striche sind, dann ist das gut für Sie, denn die Stoffe, wo kein Strich ist, die sind auch nicht in Ihrem Urin zu finden. Aber überall, wo Striche fehlen, daaa müssen wir uns noch mal unterhalten.“

Der Test läuft durch. Was das Kiffen angeht hat sie schon mal nicht geschwindelt. Bei THC ist eindeutig keine Linie. „Und warum kommt hier nix bei Kokain? Wann haben Sie denn zuletzt gekokst?“ – „Aaaach, das ist doch schon ewig her. So… zwei Wochen. Ich halte das ja nicht genau nach.“„Und bei Amphetaminen? Sie nehmen ja alles, was nicht bei drei aufm Baum ist bei dem Mischkonsum hier…“ – „Mischkonsum? Ach Quatsch!“ wiegelt die Betroffene ab, während sie sich zum zweiten Mal nach dem Papierhandtuch bückt, das sie aus einer Armlänge Entfernung nicht in den Mülleimer zu werfen in der Lage ist. „Ich nehme das doch nicht gemischt – nee: alles zu seiner Zeit!“

Ach so, natürlich; alles zu seiner Zeit… Als ich dem Kollegen das Testergebnis zeige, grinst er verschmitzt. Dann erklärt er ihr, wie es für sie und ihren Führerschein weitergeht.

Wenn man überlegt, was von so einer Fahrerlaubnis hier auf dem Dorf alles abhängt, ist die Geschichte natürlich am Ende gar nicht komisch. Aber solange die Betroffenen sich selbst stellen und sich so einfach aus dem Verkehr ziehen lassen fällt es uns immerhin leicht, ihnen beizukommen.

Und spätestens wenn der Lappen bei der Führerscheinstelle im Tresor liegt findet die Dame es auch sicherlich nicht mehr ganz so schlimm, dass jemand letzte Nacht ihr Auto beschädigt hat.

 

 

 

2 Gedanken zu “Alles zu seiner Zeit

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