amtlicher Einbruch

Diesen Einsatzort zu finden ist keine Kunst. Das Blaulicht der Feuerwehr spiegelt sich schon hunderte Meter weit in den Fenstern, bevor wir eintreffen.

Ein junger Mann hat  gegen 04 Uhr nachts den Rettungsdienst gerufen und angegeben, jeden Moment bewusstlos zusammenzubrechen. In der Wohnung brennt Licht. Sonst rührt sich nichts. Der Mieter ist uns kein Unbekannter und was unsere Systeme über ihn preisgeben, macht ihn erstmal nicht sympathisch. In der Vergangenheit ist er eher negativ aufgefallen und steckt deshalb deutlich in der Kategorie „schwieriger Kunde“. Diesmal scheint er Hilfe zu brauchen und da er nicht öffnet, tun wir’s. 

„Hilflose Person hinter verschlossener Tür“ heißen solche Einsätze bei uns, „P-Tür“ kürzt die Feuerwehr ab, und so sammelt sich ein buntes Grüppchen aus Rettungsdienst, Feuerwehr und Polizei im Altbau-Treppenhaus.

Als wir im dritten Stock dazu stoßen haben die beiden Chef-Einbrecher sich schon ans Werk begeben. Die massive Holztür erweist sich allerdings als stur. Es wird gebohrt, gedrückt und gezogen. Nichts tut sich. „Scheiß Kassettentür!“ moppert der Feuerwehrmann, der mit fortschreitender Zeit zu immer derberen Werkzeugen greift und gerade den Akkuschrauber beiseite gelegt hat. Auch gegen das Brecheisen wehrt sich die Tür nach Kräften. Der Kollege schwitzt und flucht, die hinteren Reihen frotzeln. „Also jeder ordentliche Einbrecher wäre da schon drin. Und hätte die Wohnung durchsucht. Und wäre geflüchtet. Und hätte schon Kundschaft für die Beute.“ Sprüche, die die inzwischen sichtbar schwitzenden Jungs ganz vorne sicher besonders gerne hören. Aber sie wissen ja, wo es herkommt. Zwischenzeitlich wirft sich einer der Kollegen mit Schmackes mit der Schulter gegen die Tür. Und prallt ab. Langsam wird aus einer technische Türöffnung eine Art Duell ‚Mann gegen Altbau‘.

Inzwischen hat ‚Mann‘ alle Werkzeuge bei Seite geschafft und sich für die rustikale Art des Einschreitens entschieden. Nach gut 15 Minuten Gewucker soll der 42er Schlüssel helfen. Der Kollege dreht sich mit rücklings zur Tür und keilt aus wie ein Schwarzwälder Kaltblut. Es rummst. Einmal, zweimal… siebenmal. „Komm, einmal noch! Gleich is‘ offen.“ wird er von hinten ermutigt. Sprüche verkneifen wir uns, bevor er gleich auch in unsere Richtung Pferdeküsse verteilt.

Mit dem etwa 10. oder 11. Tritt bricht sein Fuß schließlich ein Loch ins Holz. Verschlossen ist die Bude aber noch immer. Immerhin: es geht voran. Durch die Öffnung passt noch keiner, ein Schlüssel steckt nicht. Aber langsam haben die Kollegen die Tür mürbe gemacht. Noch zwei-, dreimal Hebeln, und sie springt auf. Sofort ziehen sich die beiden Handwerker vom Eingang zurück und geben den Weg frei, für die Retter. So lange haben wir lange nicht gebraucht, um irgendwo rein zu kommen.

Jetzt aber, endlich, kann geholfen werden. Bzw. könnte. Denn in der Wohnung ist niemand. Nicht in Küche, Wohnzimmer und Bad, auch nicht in den Schränken oder darauf. Und auch unter dem Bett nicht.

Die Feuerwehr repariert notdürftig das Loch in der Tür, setzt einen neuen Schließzylinder ein und packt ihren Kram zusammen. Ihr Chef-Einbrecher wirkt unzufrieden. Er hätte den Fall gern schneller gelöst und scheint ein wenig bei der Ehre gepackt. Jetzt aber ist sein Job hier erledigt. Fahndung ist unsere Sache.

Wir besetzen den Streifenwagen und drehen eine Runde im Nahbereich, während wir das Ergebnis der Handyortung abwarten. Ihn so zu finden wäre irgendwas zwischen Zufall und Glück des Tüchtigen. Erst recht, wenn er wirklich hilflos irgendwo liegt.

Aber nach einigen Runden durchs Dorf begegnet uns tatsächlich ein Fußgänger, der passen könnte. Ruhig, besonnen und zum Glück wohlauf zeigt er uns in der Kontrolle seinen Ausweis. „Herr ____, gut, Sie so quietschlebendig zu sehen!“ Er ist sichtlich überrascht. Dass wir nicht nur klingeln und dann unverrichteter Dinge wieder gehen, wenn niemand öffnet, scheint ihm nicht einzuleuchten. „Es ging wieder besser mit dem Kreislauf. Da wollte ich lieber ein bisschen frische Luft schnappen!“

Dass er uns nicht hinhalten, veräppeln oder bewusst Arbeit machen wollte, nehmen wir ihm ab. Er wirkt eher naiv als kriminell.

Und während wir den Einsatz kurz vor Feierabend zum Abschluss bringen, haben die Einbrecher von der Feuerwehr sich bestimmt schon frisch gemacht und wieder zur Ruhe begeben.

Und vermutlich wälzt sich einer der Jungs unruhig  hin und her und träumt von sehr, sehr robusten Altbautüren.

Mach dir nix draus, L. – die nächste Tür bezwingt ihr wieder schneller!

Ein Gedanke zu “amtlicher Einbruch

  1. Stephan B

    Hallo, hier ist einer der beiden „Chef Einbrecher“ … nein nicht L. mit Schuhgröße 42 … sondern S. der andere (44 wen es interessiert).
    Ich kann den Ausführungen des wunderbaren Textes nur beschämt zustimmen. Nichts ist erfreulicher als zur frühen Stunde aus dem „Ruhemodus“ aufzuschrecken um einem bekannten Elitebürger zur Hilfe zu eilen! Mit stolz geschwellter Brust tritt man der besagten Tür entgegen, siegessicher der zuvor gewonnenen Schlachten, mit allem was moderne Feuerwehrtechnik zu bieten hat. Doch das einzige was zerbricht ist das eigene Ego. Zumal der besagte Rettungsdienst und die Polizei aus dem Bekanntenkreis stammt!
    Als L. mit dem Fuß in die Tür trat und eine Art moderne katzenklappe schuf, wäre ich am liebsten durch selbige verschwunden! … aber… letztendlich sind wir froh, dass unser Elitebürger wohl auf ist.
    Noch ein Tipp an alle die ihr Haus gegen Einbrüche sichern wollen: schei.. auf fünffach Verriegelung und Doppelzapfen …. Altbautüren sind das Wahre ….solange die Einbrecher aus den Feuerwehrreihen kommen!!!

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