Hirsche und Hühnchen

Ein halbes Jahr war hier Stille. Aber aufgegeben habe ich diese Seite nicht. Dass mal mehr, mal weniger passiert, war schon immer so und wird wohl auch so bleiben.

Ich starte ganz unaufgeregt mit meinem Lieblingsanruf dieser Nachtdienstwoche. Eigentlich hatte ich mich gerade google Maps hingegeben, um mit einer Kollegin, eine Übersichtskarte über die letzten Einbrüche des Nachbardorfs und mögliche Fluchtwege und Aufenthaltsorte der Täter zu basteln, als unsere Bastelstunde von Frau S. unterbrochen wird.

Während ich mir den Hörer schnappe, wärmt sich die Kollegin ihr Essen auf. Reis mit Hühnchen. Riecht verlockend. Aber ich habe ja zu tun: „Die Polizei, Guten Morgen. Wie kann ich helfen?“

Eine alte Dame ist in der Leitung. Sie spricht leise, wirkt für 01.30 Uhr aber noch recht aufgeweckt: „Ich muss Sie mal was fragen. Sagen Sie: darf man Tiere einfach so abknallen…?“ 

Ich lasse eine Pause. Da wird ja wohl hoffentlich eine Erklärung zur Frage mitgeliefert. „…denn im Fernsehen, da war eine Sendung, da wurde ein Hirsch erschossen. Ist sowas erlaubt?“

Als wüsste eine Omi hier auf dem Dorf nicht, dass es Jäger gibt. Ich helfe auf die Sprünge: „Naja, es wird ja durchaus gejagt. Da wird wohl auch ab und an mal ein Hirsch erlegt. Davon werden Sie ja schon mal gehört haben, dass es sowas gibt!“

Jetzt wird sie bestimmend: „Na hören Sie mal. Das finde ich aber gar nicht gut. Einfach so. Und dann noch im Wald.“

Ich entgegne Augen zwinkernd, dass Hirsche nunmal im Wald wohnen und ich eigentlich ganz froh bin, dass im Wald gejagt wird und nicht etwa in der Stadt. Zu Späßen ist Frau S. allerdings nicht aufgelegt: „Na, machen Sie sich nur lustig. Ich finde das gemein. Tiere sollte man nicht töten!“

Im Augenwinkel sehe ich, wie die Kollegin sich genüsslich ein Stück Huhn einverleibt.

Okay, denke ich, setze ich mal zur Gegenfrage an: „Sind Sie denn Vegetarierin?“ Das wäre natürlich konsequent und so gern ich selbst auch Fleisch esse, so sehr respektiere ich auch die Entscheidung, es nicht zu tun. Besser für uns alle ist Fleischverzicht vermutlich angesichts der Nachrichten von Tiertransporten, Massentierhaltung und Wasserverbrauch in der Fleischproduktion.

„Ich bin halbe Vegetarierin! Naja, und meine Katze, die isst auch Fleisch.“ – „Zu welchem Teil sind Sie denn Vegetarierin? Sie essen nur Tiere, die glücklich sterben? Oder aus Bio-Produktion? Oder von lokalen Bauern?“

„Nein, ich esse jedenfalls keine Tiere, die einfach im Wald erschossen werden. Das ist doch hinterhältig. Die Hirsche, die ahnen nichts, und dann werden sie abgeknallt. Sowas unterstütze ich nicht. Punkt.“

Erstaunlich, denke ich, dann bin ich ja auch halbe Vegetarierin, Wild aus der Gegend habe ich noch nie gegessen, und bemühe mich ihr zu erklären, warum ich Schweine durch ganz Europa zu chauffieren oder Hähnchen in engen Mastbetrieben zu halten, deutlich bedenklicher finde. Ohne Erfolg, allerdings. „Die ahnen wenigstens, was ihnen blüht.“ argumentiert Frau S. entschlossen. Für mich nach wie vor kein tröstlicher Gedanke für ein verängstigtes Schweinchen auf einem engen Transporter irgendwo auf der A2.

Und währen ich noch überlege, dass ich wirklich besser auf die Herkunft des Fleisches achten sollte, und während Frau S. sich erbost, dass ich auf dem völlig falschen Dampfer sei und sie sich den Anruf auch hätte sparen können, zwinkert mir die Kollegin zu und beißt in ihr letztes Stück Hühnchen.

 

3 Gedanken zu “Hirsche und Hühnchen

  1. Tauchaussie

    Leute gibt’s… Anstatt sich einfach zu freuen, dass das Tier in der freien Natur leben durfte und „schonend“ (im Vergleich zu manch anderer Tötungsmethoden) erlegt wurde…

    Grüße von einer Vegetarierin

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