Affen?

Mal wieder ist ein Nachtdienst zu Ende. Eine angenehme Nacht war das. Sommerliches Wetter, wenige Einsätze – vor allem wenig zu schreiben –  durchweg freundliche Bürger und nette Kollegen auf dem Auto. Auf dem Heimweg setzt neben der Müdigkeit auch noch der Frühstückshunger ein. Was liegt also näher als ein kurzer Stopp bei meinem Stammfrühstücksimbiss. Mir ist ein Rätsel, wie die Betreiberin es jeden Morgen schafft, um 04 Uhr mit frischen Brötchen im Kofferraum den Laden aufzuschließen. Ich ziehe sowieso meinen Hut vor den Menschen, die den Mut besitzen, sich mit einem kleinen Geschäft selbstständig zu machen. Das Ganze auch noch zu solchen unfassbaren Uhrzeiten. Ich könnte das nicht.

Kurz vor 6 parke ich vor dem kleinen Laden und latsche in ausgebuffter Jogginghose schon im Halbschlaf an die Theke. „Ein Spiegeleibrötchen bitte!“ – „Also wie immer!“ lacht die freundliche Verkäuferin und greift in die Auslage: „Wir haben uns ja lange nicht gesehen. Hatten Sie Nachtschicht?“ Ich bejahe. „Sind nicht gerade die Auszubildenden da? Die Tochter meiner Bekannten ist glaube ich jetzt im Praktikum. Die war ganz aufgeregt!“ Auch das bejahe ich: „Genau, die sind im ersten Praktikum; das erste Mal in der Uniform bewaffnet ran an den Bürger… ist ja auch spannend!“ Wir halten Smalltalk und ich nehme mir noch einen Kakao aus dem Kühlschrank. Auf dem Hocker am Fenster sitzt ein untersetzter Herr in Arbeitskleidung. Hat wohl Frühschicht in einer Spedition hier in der Nähe. Vor ihm steht ein Pappbecher mit Kaffee. Es passt ihm nicht, dass ich direkt neben ihm den Kühlschrank öffne und er dazu ein Stück bei Seite rücken muss. Während ich das tue tratsche ich noch immer mit der Chefin. Sie mutmaßt, dass es sicher nicht einfach sei für so junge Leute, immer den richtigen Tonfall zu treffen: „Sie haben es ja auch mit allen möglichen Typen zu tun. Vom Anwalt bis zum Penner…“ Recht hat sie und fährt fort: „…da muss man schon ein Talent für haben. Vielleicht haben wir die gleiche Kundschaft! Ach so: das macht dann 2,20 Euro “ – „Ganz sicher haben wir die gleiche Kundschaft…“ finde ich und reiche einen 5-Euro-Schein rüber: „…da muss man schnell erkennen, mit wem man wie reden muss. Aber das lernt man mit…“ Der Mann am Fenster unterbricht mich: „Ach, von wegen, ihr Bullen redet doch eh mit jedem wie mit som Kernasi. Weil ihr meint ihr könnt euch alles erlauben. Affen!“ – „Wie bitte?“ ich drehe mich zu dem Typen um. Er starrt auf den Kaffee vor sich: „Sagen Sie das noch mal!“ Nun wiederum fällt mir die Chefin ins Wort: Nein! Gar nichts sagt er!“ Dann wendet sie sich dem Typen zu: „Sie haben doch sicherlich ausgetrunken! Dann gehen Sie bitte! Wenn Sie sich besser benehmen können, können Sie wiederkommen.“ Er scheint verstanden zu haben und schlurft durch die Tür.

Ich nehme, noch immer völlig verdattert, mein Wechselgeld entgegen und bedanke mich bei der Verkäuferin. „Das war aber deutlich. Vielen Dank!“ – „Na hören Sie mal… wo kämen wir denn hin, wenn so einer hier meint er hätte Oberwasser? So, und jetzt kommen Sie gut nach Hause und lassen sich das Brötchen schmecken. Und: denken Sie nicht an den. Denken Sie an die vielen netten Leute!“

Was für ein verdammt wichtiger Hinweis, denke ich, als ich mich  verabschiede. Und wohl der einzige Weg, nicht den Glauben an die Menschheit zu verlieren. An die beim Bäcker nicht, und auch nicht die bei Facebook oder sonstwo.

10 Gedanken zu “Affen?

  1. InDubioProReo

    Ziemliche Frechheit von dem Typen. Übergriffe gegenüber Helfern (Polizei,Feuerwehr, Rettungsdienste usw.), auch verbal, scheinen häufig zu sein. Zum Glück gibt es aber auch die andere Sorte noch, die euch und euren Einsatz wertschätzt. Vielen Dank allen Helfern!

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  2. Ich werde nie verstehen, warum manche (und ich hoffe, es sind wirklich nur „manche“ und nicht „viele“!) Menschen meinen, sie müssten andere Leute beschimpfen, noch dazu, wenn es Polizisten, Feuerwehrmänner und Rettungsdienstler sind.. Wie InDubioProReo schon geschrieben hat: es gibt auch noch die Sorte Mensch, die Euch und Euren Einsatz wertschätzt. Nur haben wir – warum auch immer – im Vergleich zu den Menschen, die nicht zu Euren Fans gehören, größere Hemmungen, Euch auf der Straße ein „Dankeschön un mögen Sie immer gesund und unverletzt nach Hause kommen!“ entgegen zu schmettern. Aber es gibt uns und vielleicht überwinden wir unsere Schüchternheit ja mal. 😉

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      1. Ich arbeite an meiner „Schüchternheit“ und habe einigen Polizisten, die die Absperrungen für die Montagsmärsche aufgebaut haben, schon gedankt und ihnen keine Zwischenfälle gewünscht (die Montagsmärsche gehen z.T. direkt an meinem Büro durch). Ich habe beruflich hin und wieder mit Polizisten zu tun und das sind jedes Mal wirklich tolle Tage und bei „meinen“ Polizisten habe ich diese Berührungs“ängste“ auch nicht, da fällt mir ein „Danke“ und zwei Kuchen backen für die Dienststelle ganz leicht, aber diese Jungs und Mädels kenne ich ja dann schon. Einfach so einen mir unbekannten Polizisten ansprechen, das kostet immer noch ein bisschen viel Überwindung (und ich ärgere mich jedes Mal über mich selber, wenn ich es nicht gemacht habe). Aber, wie gesagt: ich arbeite dran. 🙂

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      2. Gestern festgestellt; wenn man zwei Polizisten, die bei der Messe Düsseldorf für unsere Sicherheit sorgen, jeweils eine Rose überreicht und sagt, dass man einfach mal danke sagen möchte, dann tut das 1. gar nicht weh und 2. ist der erst ungläubige und dann fröhliche Gesichtsausdruck der beiden unbezahlbar.

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  3. Uwe D.

    Genau DAS sind die Situationen, die runter gehen wie Öl und mich in meinem Beruf den Glauben an die Menschheit nicht ganz verlieren lassen! Hut ab vor soviel Zivilcourage!

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  4. __E__

    Ach Mensch, das ist doch doof. Tut mir Leid, dass Du Dir sowas anhören musst. Aber eine coole Reaktion von der Verkäuferin.

    Wie oft bekommst Du denn so ganz unvermittelte Kommentare zu hören, von Unbeteiligten, die sich einfach so in Situationen einmischen?
    Und hast Du schon je so einen von Ulli angesprochenen Dank bekommen?
    Es widerstrebt mir ja, das zu machen, weil es heißen würde, dass die Wertschätzung Eurer Arbeit nicht selbstverständlich ist. Aber ich hoffe doch sehr, dass ich mich einmischen würde, wenn jemand Polizei, Rettungsdienst, Feuerwehr… anpöbelt.

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  5. Ich schätze, dieses Problem haben viele, die eine Uniform tragen: da wird man schonmal nicht als Mensch gesehen, sondern eben nur noch als Träger einer Uniform, die einem – durch den Mensch, der in ihr steckte – schonmal was getan hat.
    Oder aber, der Typ war einfach genervt, todmüde und hat Dich als Ventil benutzt. Also einmal „Pffff!“ und dann weg mit dem aus Deinem Kopf. 🙂

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