Im Hintergrund

Unser Beruf hat viele Facetten. Einige davon habe ich in den letzten Jahren hier vorzustellen versucht. Oft ist es stressig, ab und zu spannend und manchmal auch gefährlich. Meistens geht es um das ganz normale Leben, manchmal um den Tod. Mir macht es nach wie vor Spaß, sich all dem zu stellen. Ich mag die Unwägbarkeiten und möchte nicht mit einem reinen Schreibtischjob tauschen.

In der letzten Spätdienstwoche zum Beispiel habe ich einigen Falschparkern Geld aus der Tasche gezogen, Unfälle aufgenommen, Drogen sichergestellt, war beim Schießtraining und habe reichlich Papierkram erledigt. Rein statistisch ist wahrscheinlich auch die kommende Woche ähnlich unspektakulär. Vielleicht fangen wir Straftäter, vielleicht rufen Menschen an und stellen seltsame Fragen, vielleicht weisen wir Verwirrte in die Psychiatrie ein und schicken Besoffene Kneipengäste nach Hause. Mit etwas Pech müssen wir sie dazu zwingen, sie zu Boden bringen oder sonst wie Hand anlegen.

Ich habe in dieser Woche auch einer Mutter mitgeteilt, dass ihr Mitte 30jähriger Sohn sich totgesoffen hat. Natürlich habe ich es anders formuliert. Schon einige Stunden zuvor hatte die Mutter besorgt den Notruf gewählt, nachdem sie ihren Sohn nicht erreichen konnte und er auch die Tür nicht öffnete. Sie fürchtet, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte. Die Kollegen fanden ihn leblos in seinem Bett vor, das Zimmer verwahrlost, überall leere Wodkaflaschen. Offenbar die einzige Nahrung, die er in seinen letzten Tagen noch zu sich nahm. Jetzt war es also mein Part, der Mutter die traurige Nachricht zu überbringen. Glücklicherweise konnte ich auch dieses Mal auf die Unterstützung unseres Polizeiseelsorgers R. zählen. R. ist super! Ein sehr zugewandter Mensch, der seine Worte besonnen wählt, und wenn ich mir aussuchen könnte, wen ich zum Überbringen egal welcher Nachricht mitnehme, meine Wahl fiele wohl auf ihn.

Wie immer bei Todesbenachrichtigungen haben wir uns auf der Wache getroffen, ich habe R. kurz über die Todesumstände des Verstorbenen eingewiesen und dann sind wir losgefahren. Unsere Aufgaben waren klar verteilt. Ich werde klingeln, uns vorstellen, um Einlass bitten und mich nach dem Namen desjenigen erkundigen, der uns öffnet. Da sind wir. Eine Stadtvilla in einer der besseren Gegenden. Vor der Tür stehen zwei teure Autos. Ein drittes ist halb zugewuchert. Offenbar kann man es sich erlauben, es ungenutzt herumstehen zu lassen. Im Gegensatz zu den Nachbarhäusern ist der Vorgarten verwahrlost. Die Koniferen kratzen seit Jahren am Putz, der Wein ist wilder als sein Name verspricht und das Unkraut in den Fugen hat den Fußweg zur Tür völlig überwuchert. Vor der Tür steht eine Reihe leerer Rotweinflaschen. Der Sohn, der bis zuletzt in der Nachbarstadt lebte, scheint nicht der einzige zu sein, der in dieser Familie dem Alkohol anheim gefallen ist.

Ich klingele. Jemand kommt. Ich atme durch, dann öffnet eine Frau im Bademantel. „Guten Tag. Sind Sie die Mutter von ____ _______?“ Sie bejaht. Ich stelle mich und R. kurz mit Namen vor. Dann komme ich auf den Punkt. „Ich weiß, dass sie sich seit heute Nachmittag Sorgen um Ihren Sohn machen. Leider ist Ihre schlimmste Befürchtung wahr geworden. Wir haben Ihren Sohn tot in seiner Wohnung gefunden. Der Notarzt konnte ihm nicht mehr helfen.“ Jetzt ist es raus. Die Mutter führt uns vorbei an zwei verfilzten Hundwelpen durch eine dunkle Diele in die Küche. „Setzen Sie sich doch!“ schlage ich vor. Auch sie bittet uns in der winzigen 70er Jahre Küche Platz zu nehmen. R. räumt ein paar volle Tüten mit Papiermüll von den Stühlen während ich versuche, die leckenden Hunde von meinen Beinen zurück zu schieben. Die Mutter starrt auf eine Bierdose auf dem übervollen Tisch.

Irgendwann ist hier etwas kolossal aus dem Ruder gelaufen. Der Zeitpunkt scheint länger zurück zu liegen. Seit Jahren soll ihr Sohn schwer alkoholkrank gewesen sein. Auch sie selbst wirkt gesundheitlich angeschlagen. Gemeinsam mit R. erklären wir ihr die Todesumstände. Zwischendurch herrscht Stille. Nur die Hunde drängen sich auf. Das Radio hat R. ausgeschaltet. Schon nach wenigen Minuten hat er seine Rolle in diesem Einsatz erklärt. Die Damen nimmt seine seelsorgerische Hilfe gern in Anspruch. Ihre Konfession spielt dabei übrigens keine Rolle, was ich für eine äußerst angenehme Tatsache halte.

Bald kann ich mich verabschieden. „Ich finde allein raus, danke! Alles Gute für Sie!“ Vorbei am Papiermüll und den Hunden mache ich mich auf den Weg zur Tür. Raus aus der renovierungsbedürftigen Stadtvilla, weg von den Koniferen an der Fassade und den Alkoholproblemen der Bewohner und auch sonst raus aus ihrem Leben.

Zurück im Streifenwagen wird mir wieder bewusst, was für einen verrückten Beruf ich da habe. Vorgang lesen, Seelsorger rufen, Nachricht überbringen und für immer wieder verschwinden.

Für R. gilt das übrigens nicht. Er wird noch bleiben, bis die drängendsten Fragen gestellt sind, auch die, auf die es vermutlich keine Antworten gibt. Vielleicht wird er sogar in einigen Tagen die Beerdigung leiten. Sein Einblick ist tiefer.

Wie er arbeitet, wie wir arbeiten, was uns an der Arbeit des anderen wichtig ist und was wir voneinander lernen können, konnte ich R. vor einiger Zeit wieder eine ganze Schicht lang im Streifenwagen ausfragen, als er mich einen Spätdienst lang auf Streife begleitete. Denn R. steht nicht nur parat, wenn unsere Bürger Seelsorge brauchen, sondern auch, wenn wir selbst seine Hilfe nötig hätten.

Ich hoffe, nicht in diese Lage zu geraten. Falls doch, dann weiß ich allerdings, dass wir wirklich einen tollen Seelsorger an unserer Seite haben.

Dafür und für deine wertvolle Arbeit sage ich Danke, R.!

7 Gedanken zu “Im Hintergrund

  1. Uwe D.

    Immer wieder das Schlimmste, was man in unserem Beruf tun muss! … und noch schlimmer wird’s, wenn es ein kleines Kind betrifft. Gut, dass es Seelsorger egal welcher Art gibt, die uns bei dieser schweren Aufgabe unterstützen! Ich bin jedes mal froh, wenn ich bei der Überbringung einer Todesnachricht einen solchen „Profi“ an meiner Seite habe. Auch ich möchte mich an dieser Stelle für deren Arbeit herzlich bedanken!

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  2. __E__

    Wie wird denn festgelegt, wer die Todesnachricht überbringen muss?

    Und, falls die Frage nicht zu persönlich ist, was sind für Dich die schlimmeren, schwerer auszuhaltenden Einsätze?

    Wie immer vielen Dank für die Einblicke 🙂

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  3. Bei uns werden Todesbenachrichtigungen durch den Dienstgruppenleiter (bzw den Vertreter) überbracht.

    Mich persönlich belasten Einsätze mehr, bei denen ich helfen möchte, aber nicht kann. Erfolglose Reanimationen zum Beispiel, oder wenn ich am Funk höre, dass weiter entfernt Kollegen dringend Unterstützung brauchen. Das macht mir deutlich mehr Stress. Bei Benachrichtigungen egal welcher Art bin ich ja nur der Überbringer der Nachricht und kann an dem Geschehen nichts ändern. Deshalb kann es mich nicht so sehr treffen.

    Ich hoffe, das hat deine Frage beantwortet. 🙂

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    1. __E__

      Danke für die Antwort 😀

      Und ich geh jetzt mal google fragen was genau ein Dienstgruppenleiter ist.
      Bei Bedarf erbitte ich dann weitere Informationen im Internetre4 meines Vertrauens.😉

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  4. Die Notfallseelsorge, psychosoziale Notfallversorgung, Krisenintervention oder wie sie auch gerade heißen sind echte Goldstücke. Auch wenn ich sie selbst noch nicht gebraucht habe, allein das Wissen, daß es die Leute gibt, ist Gold wert.

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