Rummel

Die Kirmes ist im Dorf.

Zu den ganz normal Einsätzen, die uns Tag für Tag beschäftigen, gesellen sich diese Woche auch noch ein paar Exoten. So meldete am Tag des großen Kirmes-Umzuges zum Beispiel ein Kollege über Funk, dass gegenüber des Supermarktes gerade eine Ritterburg gegen ein geparktes Auto gefahren sei. Ritter kamen glücklicherweise nicht zu Schaden. 

Während nun also die Kollegen den Unfall zwischen Burg und Auto aufnahmen saß ich auf der Wache und versuchte das stets und ständig bimmelnde Telefon zu bändigen.  Gerade hatte ich eine völlig aufgeregte Dame am Ohr, die immerzu „Hören Sie! Ich vergesse mich gleich! I c h  v e r g e s s e   m i c h  g l e i c h!“ ausrufend darüber Beschwerde führte, während des besagten Kirmeszuges ihr Fahrzeug ordnungsgemäß aus dem Zugweg entfernt zu haben, nun aber aus dem Fenster auf eine Reihe von Falschparkern zu blicken. Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass sie selbst nun weiter weg zu parken hätte während wildfremde Kirmesbesucher ihren Lieblingsparkplatz belegten, wolle sie in keinem Falle hinnehmen und sich mindestens beim Ordnungsamt, darüber hinaus aber selbstredend auch bei der Presse beschweren. Ja, das geht natürlich auch nicht, dass ein dahergelaufener Falschparker das Glück hat, nicht abgeschleppt worden zu sein, und das auch noch auf ihrem Lieblingsparkplatz. Dass sie den Platz gerade gar nicht braucht, da sie ja weder wegfahren noch nach Hause kommen möchte tut gerade nichts zur Sache. Diesen Fall werde ich nicht lösen können und verweise ans Ordnungsamt.

Vielleicht kann ich dem nächsten Anrufer weiterhelfen, denn es bimmelt schon wieder. Ich sage mein Sprüchlein auf und suche eine freie Ecke auf meinem Notizzettel. Eine Frau mittleren Alters quiekt aufgeregt in mein Ohr: „Polizei? Ja? Gut: Hören Sie! Mein Mann, der ist bei der Freiwilligen Feuerwehr. Deshalb kann der sehr gut schießen, und…“ Ich schiebe den Notizzettel bei Seite. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich mich für die folgende Geschichte zurücklehnen kann. „…und wir gehen jedes Jahr auf die Kirmes. Jedes Jahr. Und weil wir wirklich sehr gut sind, gewinnen wir immer. Verstehen Sie? Mein Mann hat das meinem Sohn auch sehr gut beigebracht.“ Wow. Ein wahrer Schützenkönig also. Was das wohl mit der Feuerwehr zu tun hat? Ich spare mir die Nachfrage. Vielleicht kann ich die quietschende Dame ein bisschen in Richtung ihrer Frage lenken: „Und lassen Sie mich raten: dieses Jahr haben Sie nichts gewonnen?“ – „Nein. Nichts. Nur ein Plättchen hat mein Sohn runtergeschossen. Nur ein einziges Plättchen. Das habe ich mir natürlich geben lassen, als Beweismittel. Ich denke, das ist Betrug.“ Auch diesen Fall werde ich nicht zur vollen Zufriedenheit der Beschwerdeführerin lösen können. Sie möchte sich jetzt beim Schießbudenmann persönlich darüber beschweren, dass Sie nichts gewonnen hat. Kann ja auch wirklich nicht angehen, dass die Superschützen ohne Hauptgewinn nach Hause gehen. Ihr werdet mir beipflichten.

Nächster Anruf. Wieder in Sachen Kirmes. Am anderen Ende ist der Losverkäufer. Er beklagt sich darüber, dass am Karussell gegenüber die Musik zu laut wummert, dass er keine Lose verkauft. Auch ihn verweise ich an das Ordnungsamt. Falls also jemand das große Los ziehen möchte: an der Lautstärke dürfte es nicht mehr scheitern.

Ein paar Tage geht das jetzt hier noch so. Seltsame Beschwerden über völlig unnütz gesperrte Straßen, Geschichten von am Shaker verloren gegangenen Kindern und am Entchenangeln gefundenen iPods. Abends dann streiten sich betrunkene Männer um betrunkene Frauen und noch später schickt man die Kollegen zu Schlägereien, deren Grund so recht keiner mehr weiß. Warum auch?

Aber in ein paar Tagen, wenn die Ritterburg wieder in der Garage und die Losbude in einer anderen Stadt steht, kann ich dann auch wieder mit einer normalen Polizeigeschichte dienen.

Wobei. Was ist schon normal?

 

 

6 Gedanken zu “Rummel

  1. __E__

    Meine Tante hat mir gerade am Telefron berichtet, dass sie sich beschweren möchte, dass der Schützenumzug dieses Jahr NICHT durch ihre Straße geht und sie darüber nicht persönlich informiert wurde sondern es wie alle anderen aus der Zeitung erfahren hat. Sie weiß nur noch nicht so genau, wo sie sich beschweren soll. Ich darf sie also guten Gewissens an die Polizei verweisen? 😉

    Von der Parkplatzdame ist es doch sehr rücksichtsvoll, die Polizei zu informieren, dass sie sich gleich bei Ordnungsamt und Presse beklagen wird. Nicht, dass nachher jemand behauptet sie habe niemanden gewarnt.

    Ich wünsche starke Nerven und harmlose Einsätze.

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  2. InDubioProReo

    Kaum zu glauben, dass erwachsene Leute ernsthaft eine Notrufleitung mit solchen Kinkerlitzchen behelligen. Ist das nicht Mißbrauch des Notrufs und strafbar?

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      1. InDubioProReo

        Vielleicht liegt es u.a. daran, das die Polizei eine bundeseinheitliche Rufnummer hat, die auch jeder kennt. Wer kennt schon die Rufnummer des Ordnungsamtes auswendig? Also schlägt erstmal alles bei der Polizei auf.

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      2. Diesen Einwand würde ich gelten lassen, wenn ich am Notruf säße und die Menschen, die bei mir am Telefon sind, nicht erst die Nummer der Wache googeln müssten.

        Ich nehme es aber niemandem übel. Er muss nur damit leben, dass wir nicht jeden Fall selbst lösen können sondern auch mal jemanden weiterleiten oder vertrösten. 🙂

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