Devon

„Och nööö!“ entfährt es dem Kollegen, als er im Supermarkt die Tür zum Detektivbüro aufstößt. Drinnen sitzt, mit gesenktem Blondschopf verstohlen an seiner Bauchtasche herum knibbelnd, Devon.

Auf dem Tisch vor ihm liegt ein Stapel Kaugummis. Der kleine Gauner wollte sie mitgehen lassen, wie er es vor ein paar Tagen auch bei einem Kumpel gesehen hatte. Zwar hatte er vier Euro gespartes Taschengeld eingesteckt, die Verlockung, den Süßkram einfach mitgehen zu lassen, war aber so groß, dass er es heute einfach mal probierte. Jetzt hatte er den Salat. Eine gute Stunde saß er schon hier. Das Schülerticket gibt nur Namen und Vornamen her und die Telefonnummern der Eltern weiß er nicht.

„Na, dann gehen wir mal rüber zur Wache.“ beschließe ich und stehe auf. „Von da aus erreichen wir sicher Mama oder Papa!“ – „Nein!“ erwidert der Nachwuchsganove entschlossen: „Der Mann hat aber gesagt, ich darf ganz alleine mit mei’m Fahrrad nach Hause.“ Der Detektiv schmunzelt. „Ja… das hab ich aber nur gesagt, damit du nicht die ganze Zeit flennst!“ Dann wendet er sich uns zu: „Sie ahnen nicht, wie der Knirps sich erschrocken hat, als ich ihn angesprochen habe!“ Devon guckt gleich noch ein bisschen bedröppelter und erzählt uns, wie er schon fast am Ausgang war, als ihn auf einmal jemand am Arm schnappte. Er hatte sich wohl schon mit der Beute im Kinderzimmer sitzen sehen, Kaugummiblasen aufpustend.

Wir schieben also sein Fahrrad zur Wache, bemängeln nebenbei, dass nur eine Bremse funktioniert, und ich erkundige mich, ob er eine Idee hat, was denn nun zu tun sei um sich für so einen Bockmist angemessen zu entschuldigen. „Ich glaub, am besten mach ich das wie in der Schule. Ein Entschuldigungsbild malen. Wo man sehen kann, was passiert ist. Und eine Geschichte schreiben. Eine ganze Seite voll. Dass man das auch nicht noch mal macht.“ – „Das will ich wohl hoffen, dass du das nicht nochmal machst!“ versuche ich, streng zu wirken, obwohl ich mich gerade sehr an meine eigene kriminelle Vergangenheit erinnere. Eine Hand voll kleiner Lutscher wanderte nach der Schule bei einem kleinen Supermarkt in meine Hosentasche. Bis ich Zuhause war, hab ich mich nicht getraut, die Hand aus der Tasche zu nehmen. Die ganze Busfahrt dachte ich, dass mich sicher noch jemand ansprechen wird und oder dass, wenn ich Zuhause ankäme, meine Mutter schon längst bescheid wüsste. Nunja. Heute, nachdem  20 Jahre lang Gras über die Sache gewachsen ist, kann ich euch diesen Fauxpas wohl beichten. Der Stress, damals niemandem davon erzählen zu können, das schlechte Gewissen und das Gefühl, doch noch irgendwie überführt zu werden, haben mich jedenfalls so sehr beeindruckt, dass es bei diesem kurzen Ausflug in die Eigentumskriminalität geblieben ist. Und so ist das ja zum Glück bei den meisten kleinen Strauchdieben.

Hoffentlich auch bei Devon, dem man das schlechte Gewissen und vor allem den Schreck noch deutlich ansieht. „Wir rufen jetzt Mama an. Die wird dir schon nicht den Kopf abreißen. Nur vielleicht ein bisschen die Ohren langziehen!“ Hilft ja nix, ihm noch mehr Angst zu machen, finde ich.

Was für uns folgen soll, ist Routine. Mama informieren, ihr den Bengel in die Hand drücken und deutlich darauf hinweisen, dass so kleine Ausflüge in die Illegalität zum Großwerden gehören und sie nicht über reagieren sondern Besonnenheit walten lassen soll. „Mama ist aber nicht da. Die ist arbeiten. Und Papa ist auch arbeiten. Der repariert Autos! Nur meine Schwestern sind Zuhause.“ 13, 11 und 6 sind die Geschwister, die da jeden Tag aufeinander aufpassen. Mittagessen gab’s in der Schule, dann wird Zuhause gewartet, bis die Eltern Feierabend haben. Wie viel Uhr das sein mag, weiß Devon nicht. Er weiß nur, dass er kurz danach schlafen gehen muss. „Manchmal gehe ich ins Jugendzentrum.“ Gute Idee, finde ich. „Geh da morgen mal hin. Wenn ich Zeit habe komme ich vorbei, dann sehen wir uns. Dann möchte ich aber auch in Sachen Entschuldigungsbrief Ergebnisse hören!“ Devon nickt.

Mein Bild von dem irgendwie ganz niedlichen Nachwuchsganoven hat sich gewandelt, denn seine Geschichte macht mich wütend.  Warum ist niemand Zuhause, wenn er aus der Schule kommt? Warum passen 13jährige regelmäßig auf 6jährige auf und was ist, wenn das mal schiefgeht? Weshalb repariert niemand Devons kaputtes Fahrrad und warum findet seine Mutter all das völlig normal? Mist alles.

Als ich den Kriminalfall auf der Wache zu Papier bringe, frage ich mich, was die Schreiberei überhaupt soll. Bestraft wird der Stöpsel mit seinen 10 Jahren sowieso nicht und am Ende wandert die Anzeige sicher bloß auf irgendeinen Aktenstapel, ohne je zu irgendwas geführt zu haben. Schreiben muss ich sie natürlich trotzdem, und so zwinge ich mich, die Hoffnung einfach nicht aufzugeben. Vielleicht gebe ich ja doch noch einen Anstoß, einen kleinen Schubser in die richtige Richtung. Vielleicht hilft meine Anzeige dem Jugendamt, vielleicht geht Devon morgen ins Jugendzentrum und baut keinen Mist mehr. Vielleicht hat er heute was Wichtiges über Recht und Unrecht gelernt.

Vielleicht… aber auch nicht.

4 Gedanken zu “Devon

  1. __E__

    Ach. Doof.

    Der arme Devon tut mir richtig leid. Hast Du es denn ins Jugendzentrum geschafft?

    Leider gibt es echt viele Kinder für die sich anscheinend niemand so richtig interessiert. Vor ein paar Monaten hat mich ein wildfremder Junge auf der Straße angesprochen, ob ich ihm seinen Schnürsenkel binden könne. Und dann ist er bis zum Supermarkt neben mir hergelaufen und hat mir erst seinen Schultag aus der 1. Klasse und dann seine ganze Familiengeschichte erzählt. Es war so klar, dass ich an diesem Tag (und wahrscheinlich mindestens die ganze Woche) der erste Erwachsene war, der ihm zugehört und auch mal nachgefragt hat. Ich hatte ein richtige schlechtes Gewissen als ich dann irgendwann doch einkaufen gegangen bin, statt weiter darüber zu reden warum es nicht cool ist, Hakan einen Kung-Fu-Tritt gegen den Kopf zu geben. Anscheinend wurden da zu Hause Filme geschaut, die ich definitiv nicht altersgerecht für Erstklässler halte, aus denen der Kleine aber seine Konfliktlösungsstrategien abgeschaut hat.

    Ich hoffe auf jeden Fall, dass Dein Einsatz (oder irgendjemandes Einsatz) DEN Unterschied für Devon macht. Manchmal reicht ja ein kleiner Schubs in die richtige Richtung, wenn die Dinge auf der Kippe stehen. Man weiß halt nie, bei wem es hilft. Aber da ich vermute, dass Du schon den einen oder anderen Schubs gegeben hast, hast Du vermutlich auch schon ein paar „Treffer“ gelandet. Und das ist schon verdammt cool 🙂

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  2. Tina

    Aaalso- auch ich bin ähnlich aufgewachsen. Seit der ersten Klasse ging ich nach der Schule alleine nach Hause (in die ich morgens alleine gegangen war), erledigte alleine die Hausaufgaben und traf mich am Nachmittag mit meinen Freunden. Meine Eltern kamen oft nach 18 Uhr nach Hause. Den Abendbrottisch hatte ich zu decken.
    Abitur und Fachhochschulabschluss hab ich trotzdem erreicht.
    Manchmal geht es eben nicht anders. Vielleicht verdient der Vater zu wenig, als dass es für 6 Personen reicht. Auch wenn wir uns es oftmals anders wünschen, geht es manchmal einfach nicht anders. Da bleibt das kaputte Fahrrad leider auf der Strecke.

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    1. Danke für deinen Kommentar!

      Mist ist das trotzdem. Es sollte einfach Zeit für die Kinder bleiben, trotz Job.
      Und das ist kein Vorwurf an die Eltern. Es sollte einfach so sein, dass man arbeiten und davon leben kann und trotzdem jemand da ist wenn die Kurzen nach Hause kommen.

      Finde ich.

      Mann muss ja Wünsche haben.

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