Vermisst

„Der Wanderweg hinterm Windrad ist ebenfalls negativ. Wir machen erstmal weiter im Rahmen der Streife!“ quäkt es aus dem Funk. Der Kollege und ich schaue einander ratlos an. „Wo der wohl ist?“ frage ich halblaut. „Hm. Keine Ahnung!“  Wir dümpeln durch unseren Fahndungsbereich und überlegen. Jeden Dienstag (und deshalb auch heute) geht Opi also lange spazieren. Er stellt den Mercedes auf eine Anhöhe ab, oder hinter dem Windrad, und latscht los. Die immer gleiche Runde. Ihr Mann brauche die Ruhe der Natur, sagt die Ehefrau. „Das hat er schon immer gemacht! Er ist einfach gerne alleine unterwegs. Vielleicht ist das das Geheimnis von 60 Jahren glücklicher Ehe!“ Jetzt ist er seit Stunden überfällig. Arme Omi. Auf dem Foto, das sie uns mitgegeben hat, lachen beide glücklich in die Kamera. Und jetzt ist Opi wie vom Erdboden verschluckt? Kann doch nicht wahr sein. 

Wir suchen weiter. Wenn Omis Ausführungen über die Wanderlust ihres vermissten Ehemannes auch nur ansatzweise zutreffen, sind die Trampelpfade in den Wäldern der näheren Umgebung zu großen Teilen Opas Verdienst. Und sie wird ihn nach mehr als einem halben Jahrhundert Ehe ja kennen. Bloß: welchen Wanderweg hat er heute genommen?

Die Bereiche, die wir mit dem Streifenwagen abdecken konnten, haben wir überprüft, Spaziergänger angesprochen, sind selbst ein Stück  gelaufen. Kein Spur von dem rüstigen älteren Herren. Was seltsam ist; auch sein Auto finden wir nirgends. Die Strecke nach Hause ist kurz. Im Krankenhaus ist er nicht. Ein Handy hat er nicht. Wir stochern gehörig im Trüben. Wälder gibt es hier reichlich, da auf gut Glück den richtigen Rentner zu finden, wäre mehr als ein glücklicher Zufall. „So kommen wir doch nicht weiter! Da finden wir eher das Bernsteinzimmer als Opi. Stell dir das mal vor, da bist du über 60 Jahre ein Paar und von jetzt auf gleich ist dein Ehemann weg.“  unterbricht der Kollege genervt unser Schweigen. Recht hat er. Leider. Als wir sicher sind, dass Opis Fahrzeug nirgendwo steht, stellen wir die Fahndung für den Moment ein. Wir brauchen mehr Infos, irgendeinen Anhaltspunkt, dann suchen wir weiter. Das seiner Ehefrau zu erklären, fällt uns schwer. Aber uns ist wichtig, dass sie die Wahrheit weiß. So schlimm es für sie auch sein mag, nicht zu wissen, was ihrem Mann zugestoßen ist, und so verzweifelt Omi auch zu sein scheint. Wir werden ihr nichts vormachen. Kein „alles wird gut“ Gequatsche, sondern lieber ein ehrliches: „Wir tun, was wir können, im Augenblick ist das leider nicht viel“.

Sie soll wissen, dass wir gern zupackender, konkreter helfen würden, im Moment aber eine Recherche am Schreibtisch für erfolgversprechender halten. Wir wollen noch einen Blick auf die Karte werfen, mehr Krankenhäuser abtelefonieren und Kontaktpersonen abklappern. Mit Mitte 80 geht man nicht einfach verloren.  Schon gar nicht mitsamt seiner S-Klasse.

Eine gute Stunde später ruft der Wachhabende uns zu sich. „Herr XXXX ist aufgetaucht, die Kölner Kollegen haben ihn gefunden. Haltet euch fest: er war im Puff.“ – „Wie bitte? Alter Schwede. Da hätten wir wirklich als letztes gesucht…“ – „Er war da Stammkunde, sagten die Kölner, kam wohl regelmäßig einmal die Woche.“ Großes Gekicher. „Soviel zum Thema ‚Mein Mann geht einmal die Woche ne große Runde im Wald spazieren‘. Hut ab, in dem Alter…“ lacht der Kollege: „Bloß, wie sind die Kölner denn drauf gekommen, unsere Leitstelle anzurufen?  Nur weil n Opi in den Puff geht ruft ja niemand die Polizei.“ – „Ach so…“ der Kollege zögert „…die Kollegen hatten eine unbekannte männliche Leiche da im Puff liegen. Vielleicht doch n bisschen viel für son 85jährigen Kreislauf, einmal die Woche ’spazieren zu gehen‘. Er hatte keinen Ausweis, aber einen Autoschlüssel in der Tasche. Die Kollegen haben auf dem Parkplatz die Fernbedienung ausprobiert, dann ging sein Auto auf und über das Kennzeichen kamen die dann auf uns. Die haben auch nicht schlecht gestaunt als unsere Leitstelle meinte, er sei auf seinem angeblichen Waldspaziergang vermisst gemeldet worden.“

Der Fall ist also gelöst. Niemand geht einfach so verloren. Aber was für eine Geschichte. Was für eine jahrelange Lüge. Und während ich noch überlege, was ich von Opis Gewohnheiten eigentlich halte, fällt mir auf, dass unser Chef gleich der Ehefrau die Nachricht vom Tod ihres Mannes überbringen muss.

Und plötzlich bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob jeder von uns immer die ganze Wahrheit erfahren sollte. Ob er sie überhaupt wissen möchte.

Schwierig, oder? Was denkt ihr?

9 Gedanken zu “Vermisst

  1. Puh … das ist hart, zusammen mit dem Tod des Partners eine 60 Jahre währende Lüge und ebenso langen Betrug erfahren zu müssen … da möchte ich weder in den Schuhen der Omi noch in den Schuhen des Chefs stecken.

    Die Wahrheit nützt solange, wie es noch Erklärungen geben kann, wie Veränderungen und Gespräche möglich sind – in diesem Fall wär es wohl besser, sie würde/hätte es nie erfahren und einfach die Erinnerungen an den Partner ohne Makel erhalten können. Denn sie kann ja weder mehr etwas ändern noch wird sie Fragen beantwortet bekommen …

    Danke fürs Teilen der Geschichte!

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  2. Schwieriges Thema. Ich überlege gerade, was ich machen würde, wenn meine Frau mit 85 von mir noch nächtliche Höchstleistungen erwarten würde und ich die nicht bieten könnte. Hätte ich etwas dagegen, wenn sie sich ihre Bedürfnisse woanders stillen würde, wenn es nichts anderes als Sex ist? Das ändert sicher nichts daran, dass man ein Leben lang glücklich miteinander war und weiterhin sein kann. Ich weiß es nicht. Was ich mir aber wünsche ist, dass ich mit meiner Partnerin in 60 Jahren offen über so etwas reden kann.

    Nebenbei bemerkt gab es letzte Woche bei uns eine ähnliche Suche. Zwei Radler haben sich auf dem Dorf aus den Augen verloren. Oma ist in die nächste Stadt weitergefahren, weil sie ihn dort vermutet hat. Ist auf die Polizeiwache gegangen. Deine Kollegen haben alles abgesucht. Die Dunkelheit drohte einzusetzen und man hat einen Polizeihubschrauber in die Spur geschickt. Was hatte Opi gemacht? Sich vor Schreck erstmal in den Dorfkrug gesetzt und nach einem anständigen Abendessen und einem Gläschen Bier dann versucht, die Fährte vom Frauchen zu finden.

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  3. __E__

    Oh je. Nach 60 Jahren zu zweit auf einmal alleine dazustehen ist sicher nicht einfach. Ich hoffe Omi hat Familie und Freunde, die sich kümmern.
    Und eine Todesnachricht hoffe ich auch nie überbringen zu müssen, ganz unabhängig von den Umständen.

    Ob Omi allerdings tatsächlich so ahnungslos war? Der Mensch ist schließlich ein Meister im Verdrängen und Ignorieren der Anzeichen. Und wenn Omi tatsächlich 60 Jahre lang in dieser Konstellation – wissend oder unwissend – mit Opi glücklich war, dann klingt das für mich nach einem ziemlich guten Leben.

    Um auf die Frage zurück zu kommen: Ich finde, erfahren sollte man die ganze Wahrheit immer. Hoffentlich kann man sich mit ihr arrangieren oder sie erfolgreich verdrängen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich es in irgendeiner Situation gut fände, wenn jemand die Entscheidung was ich wissen darf für mich trifft. Hinterher wünschen, man hätte es nie erfahren – ja klar. Aber diese Entscheidung für jemand anderen treffen? Das hat für mich etwas Entmündigendes.

    Und ich schließ mich Hana Mond an: Dank fürs Teilen. Jetzt ist die kurze Arbeitspause doch etwas länger geworden und hat mich zu tiefschürfenderen Gedanken angeregt als erwartet. Auch dafür Danke 🙂

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  4. Nein, sie sollte nicht erfahren, wo er wirklich verstarb!
    Dieses Gefühl bei den Beileidsbekundungen – zur Trauer und der Bestürzung über dieses Geheimnis ihres Mannes auch noch Freunden, Bekannten und Verwandten nicht ins Gesicht sagen zu wollen oder zu können, was der Mann tat…

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  5. Ulli

    Schwierig. Wenn sie wirklich ahnungslos war, dann wäre es wahrscheinlich besser/schöner, wenn sie nach 60 Ehejahren dieses Geheimnis ihres Mannes nicht erfahren müsste – andererseits hat der die Nachricht übermittelnde Polizist ja nicht die Wahl, ob er es ihr sagt oder nicht. Ich habe mich vor vielen Jahren entschieden, einer mir sehr nahe stehenden Verwandten nicht zu sagen, dass ihr Mann mich in meiner Jugend mehrfach begrapscht hat. Vielleicht war es ein Fehler, aber als Jugendliche wollte ich sie nicht traurig machen und mittlerweile ist der Mann tot und das ganze schon 25 Jahre her, da hilft es auch niemandem mehr, wenn ich jetzt auspacke. Im Gegenteil, es würde ihr den Boden unter den Füßen weg reißen, wenn sie es wüsste und glücklicher wäre auch niemand.

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