Abschalten

Ich gebe zu, ich blogge wenig in den letzten Wochen, und zwar aus gutem Grund. Ich habe Urlaub. Die Uniform baumelt gelangweilt im Spind. Ans Telefon müssen andere gehen und sich anhören, dass Nachbar X Nachbarn Y beinahe zugeparkt hätte oder Mieterin A in der Mülltonne von Rentnerin B ihr Katzenstreu entsorgt.

Ich nutze die Zeit und reise mit Freundin Lisa nach Berlin. Raus aus dem Dorf in die große Stadt. Herrlich. Bei Sonnenschein schlendern wir am Spreeufer durch den frisch aufgehübschten Tretpower Park. Wenn die Baustellen der vielen neuen Wege und Beete endlich weg sind, ist es hier mit Sicherheit noch hundertmal schöner. Aber auch so lässt es sich flanieren. Auf dem Weg zur S-Bahn kommt uns ein junger Mann entgegen gelaufen. Irgendwie passt er nicht ins Gesamtbild. Warum joggt er zwischen die Bauwagen? Obwohl hier irgendwas zum Himmel stinkt, zwinge ich mich, das Gespräch mit der Freundin nicht zu unterbrechen. Dass ich überall Straftäter wittere kann meiner Umwelt sicher gehörig auf den Senkel gehen. Reicht schon, dass mir privat im Auto ständig Menschen ohne Gurt, ohne TÜV und mit Handy in der Hand auffallen. Und was hätte ich tun sollen? Hinterherlaufen? Wohl kaum. Vor allem, weil bisher nur mein Polizisteninstinkt findet, dass irgendwas im Busch ist. Den Leuten um mich herum scheint der junge Mann gar nicht aufgefallen zu sein.

Ich blicke meinem Verdächtigen noch kurz hinterher und beschließe, dass ich mal wieder Gespenster gesehen habe. Inzwischen ist er auf dem Hof zwischen abgestellten Baumaschinen verschwunden. Wir sind gute 20 Meter weiter getrödelt, als plötzlich zwei Kollegen im Einsatzanzug 150m vor uns im Park auftauchen. Argh. Mist. Mein Gedanke war also doch richtig. Ich winke wild und gestikuliere den Kollegen, dass ich weiß, was sie suchen: „Der ist hier!“ Sie sprinten. Bis auf den Helm im vollen Körperschutz – ich möchte nicht tauschen bei dem schönen Wetter. Als sie bei uns sind, beschreibe ich den Bengel kurz. Er muss eigentlich noch auf dem Baugrundstück sein.

Nur schwer kann ich mich von der Szene losreißen, schlendere aber, um nicht völlig duschgeknallt zu wirken, mit Lisa weiter an dem Baugrundstück vorbei in Richtung Bahnhof.

“ Verrückt. Ich dachte wirklich, das wär ’n Jogger!“ lacht sie. Ich dachte das nicht. Und mich wurmt tierisch, nicht schnell genug geschaltet zu haben. Jedem blutigen Polizei-Anfänger bringt man bei, dem ersten, spontanen Gedanken zu folgen und seinem Instinkt zu vertrauen. Außerdem wüsste ich wirklich zu gern, ob die Kollegen ihn noch gekriegt haben. Jetzt bemühe ich mich aber erstmal, zurück in den Urlaubsmodus zu schalten. Ein Eis dürfte helfen, und die Erkenntnis, dass es nichts bringt, schmollend mitten im Treptower Park stehen zu bleiben.

In der nächsten Woche geht es dann für ein paar Tage nach Holland. Falls ich wieder irgendwo in einen Einsatz platze, erfahrt ihr es als Erste. Versprochen.

5 Gedanken zu “Abschalten

  1. Bloggergramm

    Das kenn ich nur zu gut. Habe mal eine Weile als ziviler Angestellter bei der Polizei in einer großen Stadt im Ruhrgebiet gearbeitet.
    Es ist mehr als einmal vorgekommen, das man nach dem Dienst noch mal zusammen was trinken oder im Sommer ein Eis essen gegangen ist. Und das dann plötzlich erst einer, dann alle (Beamten-)Kollegen in eine Richtung schauten, aufsprangen und im Laufschritt (und mehr als einmal mit einem „Halt, Polizei! Stehenbleiben!“) um die nächste Hausecke verschwanden….

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  2. Das Mütteräquivalent dazu ist, wenn man mit Freunden in einem Cafe Kuchen ist und sich beherrschen muss, danach nicht sofort den Tisch abzuräumen, bevor die Kleinen noch Blödsinn mit dem guten Porzellan anstellen … 😀
    Wünsche schönen Urlaub! 🙂

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  3. __E__

    Wie schön mal wieder was von Dir zu lesen. Ich habe mich sehr gefreut, als die Nachricht vom Kleinstadtrevier in meine Inbox geflattert ist.

    Da bin ich froh, dass ich meine Arbeit zwar hin und wieder im Alltag sehe, aber nie so, dass ich eingreifen müsste (oder auch nur könnte).
    Die Menschen, die mit Handy in der Hand Auto fahren fallen mir aber auch auf (und ärgern mich). Auf die TÜV-Plakette schaue ich hingegen nicht mal bei meinem eigenen Auto 😉

    Und was hättest Du denn nun gemacht, wenn Du im Treptower Park von Anfang an Deinem Instinkt gefolgt wärst?

    Ich wünsche Dir auf jeden Fall einen schönen Urlaub ohne Polizeiarbeit und hoffe, dass das Wetter in Holland besser ist als hier.

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