Durch die Nacht

Karneval liegt hinter uns. Inzwischen sollte jeder Jeck aus dem Rausch erwacht und in der Fastenzeit angekommen sein. Und auch unsere Azubi-Kollegen hat der Alltag wieder. Tausend Auszubildende, so las man in der Presse, sollten an den besonders einsatzbelasteten, tollen Tagen auf der Straße sein und für die Sicherheit der Karnevalisten sorgen. Hier auf dem Dorf allerdings, ein gutes Stündchen entfernt vom Rheinland, waren wir Polizisten mal wieder die einzigen Verkleideten. Was taten also unsere Azubis, während in Düsseldorf der Umzug und in Köln das Unwetter ausfiel? Sie nahmen auf dem Beifahrersitz des Streifenwagens Platz und kamen mit auf Streife. In unserem Fall ging es in einen ganz normalen Nachtdienst. Dann lassen wir uns mal überraschen, was die Nacht so bringt.

21.50 Uhr  – Wir haben unsere Ausrüstung grob gecheckt; Kamera, Alkotest und EC-Zahlungsterminal haben noch ausreichend Akku, im Kofferraum der Krempel ist komplett, die Auszubildende hat ihre Waffe streifenfertig gemacht und die dritte (ausgebildete) Kollegin hat hinten links im Streifenwagen Platz genommen. Kann losgehen – und das tut es auch.

22.00h die Nacht beginnt mit einer Leichensache. Eine alte Dame, über 90, ist in ihrer Wohnung verstorben. Da die Notärztin die Krankengeschichte nicht kannte und die Todesursache nicht sofort ersichtlich war, kamen wir ins Spiel. In der kleinen Wohnung hatte sich die Familie um das Bett der Mutter, Oma und Uroma versammelt. Die hatte  vor gut einer Stunde noch eine ihrer Enkelinnen angerufen. Ihr war nicht gut. Als die Enkelin sich zur Oma ans Bett gesetzt hatte, hatte die alte Dame plötzlich die Hand der Enkelin ergriffen, war rücklings aufs Bett gestürzt und verstorben. Auch die eilig alarmierte Notärztin konnte nicht mehr helfen. Bevor wir uns ein Bild von der Verstorbenen machen können, gilt es erst mal, zu erklären, warum überhaupt die Polizei im Hause ist und dass die Tatsache, dass gleich auch noch die KriPo kommen wird, ein ganz normaler Vorgang ist. Immer eine blöde Situation, aber ich denke es ist ist uns gelungen, unsere Arbeit zu machen und der Familie trotz der zwischenzeitlich fünf Polizisten in der engen Bude einen würdevollen Abschied von Oma zu ermöglichen. Still ist es. Während ich die Dame so friedlich in ihrem Bett liegen sehe kommt mir der Gedanke, dass es vielleicht irgendwie okay ist, mit Anfang 90 irgendwann zu gehen. Schwierig. Ich denke noch ein bisschen darüber nach. Als die Kollegen der Kripo eintreffen, sind wir froh, wieder weg fahren zu können. Im Auto desinfizieren wir uns die Hände, lassen den Einsatz kurz revue passieren und melden uns einsatzklar. Zum Grübeln über den richtigen Zeitpunkt für den Tod bleibt keine Zeit. Wir müssen direkt weiter zu einem Einbruch. Schöner Szenenwechsel. Wir lassen die Trauergemeinde hinter uns und tauschen die leisen Töne gegen die klare, sachliche Sprache am Funk. Die Kollegen fahnden schon. Wir sollen sie unterstützen. Leider finden wir die Täter trotz suche am Boden und aus der Luft nirgends mehr. Aber wir sollen direkt im Anschluss eine neue Chance bekommen.

Noch ein Einbruch – zum Glück hat der Täter diesmal beim Hebeln am Fenster versehentlich die Scheibe eingeschlagen und die Bewohner auf sich aufmerksam gemacht. Wir nehmen die Anzeige auf, verweisen auf Beratungsangebote zum Einbruchsschutz und machen uns noch mal auf die Suche. Leider wieder keine Spur vom Täter Vielleicht sind wir beim nächsten Einsatz erfolgreicher.

Weiter geht es zu einem Hilfeersuchen – eine Jugendliche hatte Stress mit ihrem Freund. Jetzt steht sie da, ohne Geld für ein Taxi ins 20 Minuten entfernte Nachbardorf. Einen Nachtbus dorthin gibt es nicht und in ihrem Fall leider auch keine Familie, die sie abholen könnte. Wir machen auf ’ne Mischung aus Sozialarbeiter und Taxifahrer, schimpfen ein wenig über ihre Planlosigkeit und fahren die Kurze heim. Ausnahmsweise, damit sie hier nachts nicht unter die Räder kommt. Aber besonders clever ist das das nun wirklich nicht. Spätestens wenn sie erwachsen ist sollte sie eher überlegen, wie sie mitten in der Nacht noch nach Hause kommt. Kaum ist die Kurze in ihrer Wohngruppe angekommen, in der sie lebt, und kaum sind wir zurück in unserem Dorf, schickt man uns auch schon weiter.

Eine Party soll aus dem Ruder gelaufen sein. Zum Abschied hat man sich angeblich gegenseitig was aufs Auge gehauen. Zum Glück ist alles halb so wild. Die Streithähne machen sich gerade auf den Heimweg und haben überhaupt keinen Bock auf uns. Angerufen haben will plötzlich auch niemand mehr. Wir drängen uns lieber nicht auf, schicken die Besoffenen nach Hause, bevor das Besäufnis wirklich noch ausartet, und verschwinden wieder. Zu unseren schriftlichen Arbeiten kommen wir allerdings noch immer nicht, denn die Leitstelle hat schon den nächsten Einsatz für uns, eine Ruhestörung.

Von der Straße aus hören wir lautes Schlagergetöse. Wolfgang Petry grölt vor, die Meute stimmt ein. „Geil, geil, geil, wir sind die Größten…“ Naja. Die Lautesten seid ihr in jedem Falle, denke ich, und wir suchen uns zwischen den Häusern einen Weg zur Party-Gartenhütte. Die Feier ist am Siedepunkt. Auf dem Rasen liegen umgeworfene Gartenstühle, das Lagerfeuer ist fast verglüht und die Scheiben der Laube sind von innen beschlagen. Respekt, Freunde. Die Party-Gang tanzt Pogo zu Wolle Petry. Ab und zu sieht man schweißnasse Hände von innen gegen die Scheibe patschen, wenn wieder ein Tänzer zu ausufernd zu pogen scheint. Na dann wollen wir mal. Die Auszubildende schlägt gegen die Laubentür. In Erwartung neuer Partygäste (klar, ist ja auch kurz vor vier, da kann man schon mal dazustoßen) taumelt einer der Tänzer am Fenster vorbei und öffnet uns. „Scheeeeiiiiße, die Bullen!“ Schlagartig wird Wolle Petry noch vor dem Schlussrefrain abgewürgt. Die Gesellschaft, bestehend aus sage und schreibe drei jungen Männern, atmet schwer. Ein Junggesellenabschied feiert den letzten Abend in Freiheit. Wir ermahnen zur Ruhe, wünschen noch einen schönen Abend und verabschieden uns. Den Ohrwurm nehmen wir mit.

„Geil, geil, geil“ summend fahren wir zur Wache. Endlich Zeit für ein bisschen Papierkram. Gegen 05 Uhr allerdings müssen wir noch mal los.

Ein Mann hat auf dem Weg zur Arbeit ein Reh übersehen. Angefahren liegt es auf der Straße. Schon auf der Anfahrt schmieden wir einen Plan. Die Praktikantin hat noch nie ein Tier erlöst. Ich finde, dass sie sich die Sache mal ansehen und dann entscheiden sollte, ob sie es sich zutraut. Ich biete an, das Tier so von der Fahrbahn zu ziehen, dass sie gefahrlos schießen kann. Teamwork. Der junge Rehbock liegt schwer verletzt auf dem Asphalt. Er blutet aus einer großen Wunde am Bauch und hat offenbar die Beine gebrochen. Ich fasse mir ein Herz und zerre ihn hinter die Leitplanke. Er bewegt sich kaum, atmet schwer und starrt uns an. Begeistert scheint die Praktikantin von unserer Arbeitsteilung nicht zu sein, aber man wächst mit seinen Aufgaben. Wir sprechen uns kurz ab, wie und von wo sie das Tier erlösen kann, dann halten sich alle die Ohren zu. Peng. Bambi ist erlöst, die Kollegin macht aufgeregt ein paar Schritte rückwärts, dann steckt sie die Waffe weg. „Das war wirklich laut!“ findet sie: „Schon was anderes als auf der Schießbahn!“ Der sterbende Bock zuckt noch einige Male. Wir beobachten kurz, ob  er tödlich getroffen ist und wirklich nicht mehr leiden muss. Alles ok. Das Tier ist tot. „Haste gut gemacht!“ finde ich, und suche die Einschussstelle. Die Praktikantin ist noch immer aufgeregt, aber auch sichtlich erleichtert, dass es auf Anhieb geklappt hat. Den Schreibkram, also die Unfallmitteilung, nimmt uns die Kollegin im Streifenwagen ab. Wir quatschen über den ersten Schuss auf ein Tier und freuen uns auf den Feierabend. In 30 Minuten kommt die Ablösung.

Als wir der Leitstelle Einsatzende melden, werden wir allerdings noch mal weiter geschickt. Die Kollegen im Nachbardorf sind ausgelastet und ein Taxifahrer hat Streit mit seinem Fahrgast. Naaa super – das war’s wohl mit dem pünktlichen Feierabend. Nach 15 Minuten Fahrt mit Blaulicht treffen wir auf einen genervt wartenden Taxifahrer und einen rotzevoll auf dem Beifahrersitz schlummernden Fahrgast. Den bulligen Typen kriegen wir kaum wach. Erst nachdem ich ihm ein paar mal böse in den Oberarm gezwickt habe, spricht er mit uns. Naja, sprechen wäre übertrieben. Streit übrigens auch. Der Fahrer wollte die Sache wohl dringender machen, als sie war. Ich soll mal meine Basis chillen, lallt der Besoffski, und versucht mich an der Jacke festzuhalten. Ob er überhaupt geschnallt hat, dass wir von der Polizei sind? Bevor er ausfallend wird und um ihn gefahrlos nach Hause oder ins Bett zu schaffen, fesseln wir ihn erstmal. Dann purzelt er unbeholfen aus dem Taxi auf den Gehweg. Wie er heißt? Wo er wohnt? Keine Ahnung. Nur, dass ich meine Basis chillen soll, das wiederholt er vorsichtshalber mehrmals. „Würd ich ja gerne, Sie Spaßvogel, aber ich hätte eigentlich in zehn Minuten Feierabend und angesichts meines etwas schwierigen Kunden hier bin ich gerade nicht im besten Chill-Modus!“ Kollegen vom Frühdienst der Nachbarstadt kommen dazu, können uns den Knilch allerdings leider nicht abnehmen, denn noch bevor wir ihn in ihr Auto hieven können, müssen die Kollegen zu einem Familienstreit. Wir falten den Zweimetermann also in unseren Streifenwagen, kutschieren ihn drei Straßen weiter nach Hause und lassen uns einen Ausweis zeigen.

Nach der toten Omma, den zwei Einbrüchen, der jugendlichen Gestrandeten, den Streithähnen, die uns dann doch nicht brauchten, der Drei-Mann-Wolle-Petry-Pogo-Party, dem erschossenen Bambi und dem hochachtungsvollen Taxipreis-Preller reicht es uns für heute.

Und jetzt dürfen wir auch endlich zur Wache fahren. Feierabend!

6 Gedanken zu “Durch die Nacht

  1. A.F.

    Hallo Frau Polizistin, interessante Nacht hattest du da und ich hab da mal ne Frage:
    Warum erschießt ihr das Reh und nicht der zuständige Revierjäger? Ich dachte immer (und in meinem Bundesland ist das glaube ich auch so), das so was der zuständige Jagdpächter machen muss und auch sollte, da seine Munition und Gewehre sicherlich besser geeignet sind als eure 9X19 mm Parabellum. Ah und noch eine Frage: Was für Munitionsarten schießt ihr eigentlich? Habt ihr noch Vollmantelgeschosse oder doch Teilmantelgeschosse?

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      1. A.F.

        Das war ja flott. Danke für die Infos.
        Und nun kann ich auch meine Gedanken zu deinem ersten Erlebnis dieser Nacht in geordnete Bahnen lenken. Da wir alle sterben müssen ist das wie wirklich eine große Sache. Ich glaube mit um die 90 ohne langes Leiden im Beisein von Familie sterben zu dürfen ist gar nicht so schlecht, vor allem wenn man die Alternativen bedenkt, besonders in dem alter. Ich kenne auch andere Sachen eine Freundin von mir ist mit 19 plötzlich verstorben und das war ein wirklicher Schock und mein Opa ist nach langem Kampf mit dem Krebs gestorben, was auf eine andere Art schrecklich war und ich finde es immer noch Schade das ich mich nicht von ihm verabschieden durfte/konnte, weil er und meine Eltern entschieden hatten, das ich noch ein schönes Ferienlager in den Sommerferien haben soll. Allerdings kann ich auch die Entscheidung meiner Eltern und den Wunsch meines Opas verstehen, denn das wir Enkel glücklich waren und mit ihm eine wunderbare zeit hatten war immer sein größtes Glück. Also um auf dein Erlebnis zurück zukommen: Ich glaube die Frau hatte unheimliches Glück plötzlich, in hohem Alter und im Beisein ihrer liebsten oder zumindest eines Teils derer sterben zu dürfen.

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      2. So ähnlich habe ich das in dem Moment auch empfunden. Aber wenn die Angehörigen trauern sind solche Gedanken natürlich schwierig zu formulieren.

        Ich denke, auch sie werden es mit entsprechendem Abstand auch so ähnlich sehen.

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  2. __E__

    Ui da war ja einiges los in der Nacht. Oder geht das immer so? Auf jeden Fall vielen Dank für den Bericht. Er ist wie immer toll geschrieben.

    Aber Bambi erschiessen??? Alleine schon deswegen wäre ich vermutlich eine verdammt schlechte Polizistin. (Mir ist schon klar, dass der Gnadenschuss dem Tier unnötige Qualen erspart.) Respekt an die Praktikantin, die das ja anscheinend sehr souverän gemeistert hat.

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    1. Ja, die Praktikantin hat das wirklich gut gemacht, auch wenn es aufregend war. Man wächst ja mit seinen Aufgaben…

      Es ist nicht jede Nacht so wie diese, aber was besonderes ist so eine Nacht auch nicht. Das ist ja das schöne: man weiß nie, was einen erwartet.
      🙂

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