Omma rüstet auf

Noch immer beherrschen Berichte rund um die Ereignisse der Silvesternacht in Köln die Medien. Dass sie die Rechten auf den Plan rufen würden, hatte ich befürchtet. Dass jetzt auch unsere Omis auf’m Dorf ernsthaft verunsichert sind, finde ich äußerst schade. Diese Dame letzte Nacht zum Beispiel konnte offenbar nicht schlafen, weil sie die Sorge um ihre Sicherheit umtrieb:

Oh. Da ist ja die Polizei! Guten Morgen!“ Die Omi am Telefon klingt einigermaßen überrascht, dabei hat sie doch gerade mich auf der Wache angerufen. „Guten Morgen… Sie sind gut, es ist 23.30 Uhr! Was kann ich denn für Sie tun?“ schreie ich durch den Hörer gegen den in Omis Wohnzimmer tönenden Fernseher an. „Bitte?“ Ja, die Dame mit der sehr hohen Piepsstimme hört in der Tat sehr schlecht. „Was ich für Sie tun kann!“ wiederhole ich. Sie ist gefühlte 120, vor meinem inneren Auge ist sie klein und sitzt gerade in einem omamäßigen beigen Ohrensessel. Vermutlich. „Ach so. Ja. Ich habe Sie ja angerufen…“ fällt der Dame plötzlich wieder ein: „…weil ich eine Frage habe, die mir den Schlaf raubt.“ – „Raus mit der Sprache!“ ich bin gespannt, worüber die alte Dame beim Fernsehen wohl nachdenkt. – „Entschuldigen Sie: Wie bitte?“ – „Ihre Frage!“ In Herrgottsnamen, lass es bitte eine simple Frage sein, sonst bin ich gleich heiser von der vielen Schreierei. „Ich sehe gerade Nachrichten. Und ich bin ja schwerbehindert. Ich kann ja nicht mehr so gut sehen, wissen Sie?“ Sehen ist hier gerade nicht das Problem, finde ich, lasse sie aber weiterreden: „Und da wollte ich fragen, ob eine Schwerbehinderte Pfefferspray kaufen darf.“ Oh nein. Es ist wirklich soweit. In einer Silvesternacht eskaliert die Lage in Köln und zwei Wochen später rennen auf einmal die Omis in die Waffengeschäfte. Lauthals erkläre ich, dass ich Pfefferspray in ungeübten Seniorenhänden nicht so eine gute Idee finde, wo es doch leicht in die falschen Finger gelangen und Omi eher schaden als nutzen könnte. Noch dazu bin ich nicht sicher, ob seh- und hörgeschädigte Omis überhaupt mit Pfefferspray hantieren sollten. Um eine Alternative zu bieten, schlage ich einen Schrillalarm vor, den Omi auslösen könnte um auf sich aufmerksam zu machen, wenn sie sich in Gefahr wähnt. „Neeneeneeneeee, mir kann keiner das Pfefferspray wegnehmen…“ jetzt schreit auch Omi: „Ich hab‘ mir so überlegt, ich schlage einfach wild mit dem Krückstock um mich, dann kann ich mit der anderen Hand lossprühen!“ Oha. Nahkampf-Omi in Action. „Ich finde das keine gute Idee; wenn der Täter Ihnen das wegnimmt, weil er sie überrascht, dann kann er Sie damit einsprühen. Die Gefahr ist ganz bestimmt größer als der Nutzen!“ rate ich weiter mit aller Entschiedenheit von Bewaffnung ab. „Falls Sie sich unsicher fühlen, draußen, dann kann ich Ihnen anbieten, tagsüber mal mit Kollegen von mir zu sprechen, die sich mit Prävention noch besser auske…“ sie unterbricht entschlossen „Nein, denn ich bin Brillenträgerin. Man kann mir also gar nichts in die Augen sprühen!“ – „Hören Sie: So ein Pfefferspray reizt die Atemwege, sie werden sehr husten und kaum Luft bekommen, wenn man sie einsprüht. Ich habe das selbst schon ein paar mal erlebt. Das ist wirklich unangenehm. Sie haben mich angerufen und um einen Rat gebeten; ich habe Ihnen einen Rat gegeben, den Sie nicht hören wollten. Nehmen Sie ihn doch trotzdem an. Er kommt doch vom Profi…“ schreie ich zwinkernd. „Na, wenn Sie das sagen…“ geht doch, denke ich, in der Annahme Omi überzeugt zu haben. „Wenn Sie nein sagen, dann frage ich eben jemand‘ anders'“ schreit sie schnippisch gegen den Fernsehdröhnton im Hintergrund an, bevor sie auflegt.

Ja. So kann man das natürlich auch machen.

Waffen in Privatbesitz führen, so denke ich, zu einem falschen Gefühl von Sicherheit. Tatsächlich sind sie wenig hilfreich. Wer sich mit einer Waffe gegen einen Angriff verteidigt läuft nicht nur Gefahr, falsch oder über zu reagieren sondern kann auch selbst schnell derjenige sein, gegen den sich am Ende das Strafverfahren richtet. Außerdem können Waffen in die falschen Hände geraten und werden im schlimmsten Fall gegen euch gerichtet. Oder sie geraten in die Hände eurer Kinder. Nicht auszudenken. In der Silvesternacht in Köln hätten auch bis an die Zähne bewaffnete Frauen sicher wenige Möglichkeiten gehabt, sich sinnvoll zu verteidigen (so meine Vermutung). Was passiert wäre, wenn in dieser unfassbaren Menschenmasse auch noch jemand eine Waffe eingesetzt hätte, mag ich mir gar nicht ausmalen.

Falls ihr also  auch so ne Omi habt, die sich angesichts der Nachrichtenlage unsicher fühlt, erklärt ihr, was die Silvesternacht in Köln ganz konkret mit ihrem Leben zu tun hat und helft ihr, die richtigen Ansprechpartner in Sachen Prävention zu finden. Vielleicht besorgt ihr ihr auch so einen Schrillalarm.

Es wäre für alle sicherer und wirkt sogar bei Brillenträgern.

9 Gedanken zu “Omma rüstet auf

  1. Schwieriges Thema, süße Omi, klase geschrieben, 😀
    Mein früherer Kampfsportmeister pflegte immer zu sagen, man solle erst dann mit einer Waffe herumlaufen, wenn man sie beherrschen würde. Anderfalls riskiere man, den Angreifer auch noch mit einer Waffe auszustatten.
    Da ist was dran.

    Habe übrigens schon miterlebt, wie sich ein Jugendlicher mit Pfefferspray selbst ausgeknockt hat, er hatte im Eifer des Gefechts nicht auf die Windrichtung geachtet ><

    Gefällt 1 Person

  2. Simone

    erst gestern hab ich was bei ebay entdeckt….
    http://www.ebay.de/itm/281907196216?clk_rvr_id=965981788633&rmvSB=true
    eine (Hand)Tasche mit aufgedruckter Pistole in 3D-Effekt…..

    so schwachsinnig ich das auch finde, aber das wäre fast was für die Pfefferspray-Omi. Würde zwar für einige Grinser und vielleicht die ein oder andere Kontrolle + Kopfschüttel führen, aber bevor sie noch mit gefährlichen Materialien rumhantiert….

    Gefällt mir

      1. Quark

        Geht das nicht schon in Richtung Anscheinswaffe? Nicht auszudenken, wenn Omma (oder wer auch immer damit dann rumfuchtelt) dann auch noch einen SEK-Einsatz auslöst…

        Gefällt mir

  3. Uwe

    Nun, was soll ich Dir sagen:

    Fakt 1: Auf unserer Nebenwache erscheinen täglich 4-5 Bürger, die sich nach einem „kleinen Waffenschein“ erkundigen.
    Fakt 2: Die Stelle, die die Scheine ausstellt vermeldete heute 2 Minate Wartezeit!
    Fakt 3: Top 20 Bestseller bei Amazon unter „Sport und Freizeit“ sind CS/CN Gas und Pfefferspray.
    Die private Afrüstung läuft! 😳🙄

    Gefällt mir

  4. Diese private Aufrüstung macht mir wesentlich mehr Angst als der Gedanke daran, dass ich überfallen, angefasst oder vergewaltigt werden könnte – das heisst jetzt nicht, dass ich nicht eine von denen bin, die auf dem Heimweg nachts die Schlüssel nicht zwischen den Fingern hätte, nein, das mache ich schon auch, aber das muss, zusammen mit meiner Stimme zum Schreien und meinen Füssen zum Treten, als Verteidigung reichen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s