Ein ganz normaler Straftäter

„Was lungert der denn da so rum?“ ein junger Mann hat meine Aufmerksamkeit geweckt. Er steht betont lässig auf der Treppe zum Bahnsteig und beobachtet uns. Kurz noch den Bus durch lassen, dann wende ich den Streifenwagen. „Komm, wir gucken uns den mal an.“ Ich merke, dass der Kollege zögert. Aber dass einer dem anderen die Kontrolle ausredet, kommt nicht vor. Wenn der Schutzmannsblick des einen jemanden im Auge hat, der das Bauchgefühl des Streifenpartners noch nicht hat wachwerden lassen, dann entscheidet man sich gemeinsam zur Kontrolle. Also raus aus dem Wagen und den Knilch nicht mehr aus den Augen lassen. Greift er in seine Taschen? Versteckt er was vor uns? Lässt er was fallen? Während ich wenden musste, hatte er kurz die Chance, all das zu tun. Jetzt nicht mehr.

„Guten Tag, Personenkontrolle!“ Einen Ausweis hat er nicht bei sich, sagt er, und leert seine Taschen. Ein Ticket, das offensichtlich nicht seins ist, ein loser Notizzettel und – na sowas – lange Blättchen. Was er denn so raucht, interessiert uns. „Ich nehme keine Drogen!“ behauptet er stur. Naja – schwindeln ist erlaubt. Niemand muss sich selbst belasten. Aber glauben müssen wir‘s ja nicht. In seinen Klamotten jedenfalls hat er nix Verbotenes. Also doch weggeschmissen, als er uns sah? Was soll er sonst hier wollen, wo er doch gute zwei Regionalbahnstunden entfernt lebt. Angeblich besucht er einen Freund. Dessen Namen allerdings kennt er nicht. Ein absoluter Ausreden-Klassiker.

Als ich gerade beschlossen habe, dass wir diesmal zweiter Sieger sind – hier im Regen die nahen Gebüsche zu durchsuchen scheint mir wenig sinnvoll – hebt der Kollege ein walnussgroßes weißes Päckchen auf, genau da, wo unser Kunde bis eben stand. Volltreffer!

„Wir müssen Sie mitnehmen, um ihre Personalien festzustellen.“ Der junge Mann stellt, polizeierfahren wie er ist, keine Fragen. Er kennt das Spiel. Einsteigen, zur Wache fahren, Finger scannen, Namen sehen, wieder nach Hause gehen. Das Heroin bleibt bei uns.

Der junge Mann ist Zuwanderer aus Nordafrika. Nach Hause zu gehen bedeutet für ihn: in eine Notunterkunft zu gehen, wo er gemeinsam mit zig anderen Zuwanderern unter einfachsten Bedingungen wohnt.

Ändert das was an der Geschichte? Für euch? Für mich? Für unsere Maßnahmen? Der Mann ist amtlich gemeldet, hat also eine Adresse in Deutschland. Er ist registriert und durchläuft, wie tausende andere auch, das Asylverfahren. Ob die Strafanzeige irgendwas an dessen Ausgang ändert, weiß ich nicht. Klar denke auch ich über das Asylrecht nach in diesen Tagen. Und natürlich finde ich, dass sich, wer hier Zuflucht sucht, auch an unsere Gesetze zu halten hat. Ab wann eine Verurteilung dann zur Ausweisung führen sollte, darüber müsste ich allerdings noch lange grübeln. Es gibt sicher Gründe, warum eine Ausweisung im Moment an die Höhe einer verhängten Haftstrafe geknüpft ist. Andererseits gibt es auch Gründe, das Ganze neu zu verhandeln.

Vielleicht verändert die Silvesternacht in Köln ja doch etwas. Das erste Bauernopfer gibt es ja schon. Für uns und unsere Arbeit jedenfalls hat sie nichts bewirkt, bisher. Personal ist knapp, Geld für Ausrüstung ist knapp und die Arbeit nimmt (gefühlt, ich habe gerade keinen belastbaren Zahlen) zu. Unser Überstundenkönig zum Beispiel schleppt nicht weniger als 550 Stunden mit sich rum.

Politiker erklären weiterhin eifrig in Mikrofone, dass man natürlich alles restlos aufklären und vieles besser machen muss. Der Innenminister erklärt, dass er ja eigentlich nichts dazu kann, und wir? Wir werden auch nächste Woche den Dienstplan so auf Kante nähen, dass es irgendwie passt.  Was bleibt uns auch übrig?

Ich bin gespannt, wie viele Zuwanderer noch kommen, wo sie leben und wie sie sich integrieren werden. Ich bin gespannt, ob es uns allen gelingt, so etwas wie eine unaufgeregte Willkommenskultur aufrecht zu erhalten, und dabei bereit zu sein, Straftäter ohne Ansehen ihrer Ethnie auch Straftäter zu nennen. Weil es welche sind.

Wichtig wäre mir nur, dieses Feld nicht den Rechten und ihren pseudorechtsstaatlichen Bürgerwehren zu überlassen. Wo nachts Männergruppen mit Baseballschlägern patrouillieren und sich als Richter und Henker im Namen des Vaterlandes aufführen, liegt einiges im Argen.

Um das wieder ins Reine zu bringen brauchen wir neben Personal, Material und Zuversicht auch eins: Rückendeckung. Wenn in der Kantine des Innenministeriums seit Wochen das Essen fad schmeckt weil die Köche  versuchen, aus ein paar kargen Zutaten ein ***Menü zu kreieren, dann kann der Küchenchef schließlich auch nicht sagen: „Tja, Pech! Aber an mir liegts natürlich nicht – Ich stand nämlich gar  nicht selbst am Herd.“

Wäre schön, wenn der Innenminister sich auf die Seite seiner Polizei schlüge und sich nicht zu distanzieren versuchte. Klappt eh nicht. Ist sein Laden.

4 Gedanken zu “Ein ganz normaler Straftäter

  1. Bloggergram

    Das ist die Sache, die mich aufregt.
    Immer wird auf die Polizei geschimpft, aber dann wieder fleißig Personal abgebaut.
    Eure Kölner Kollegen hatten ja sogar mit einer schwierigen Lage gerechnet und viel zusätzliches Personal angefordert – aber noch nicht mal die Hälfte bekommen. Aber darüber wird praktisch nicht berichtet. _Das_ ist in meinen Augen der eigentliche Skandel an dem ganzen.

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  2. Das Schlimme ist ja – das soll jetzt bitte nicht herzlos klingen! – nicht nur das Geschehen an sich, sondern auch die (versuchte) Vertuschung. Ein weitere Schlag gegen die Opfer, zum kotzen. Und man ist versucht zu fragen, was noch alles verschwiegen wurde …
    Wir leben in einem Land und in einer Zeit, in dem und in der die Poilzei dem Gesetz verpflichtet ist und nicht eigenen Interessen, der Politik oder sonstwem.
    Der Polizist schützt die Stadt und seine Einwohner.
    Aber niemals (!) darf sie sich aufspielen oder instrumentalisieren lassen, um etwas zu vertuschen. Wir sind Bürger, keine Unmündigen, die die Wahrheit nicht verkraften! Und wir haben verdammt nochmal auch ein Recht darauf, vorgewarnt zu werde!
    Schon die Toten Hosen sangen „Auch lesbische schwarze Behinderte können ätzend sein!“
    Deine Auffassung, liebe, ähhhh, wie heißt Du denn?, ist genau die Richtige: Man muss tun, was Gesetz ist, was richtig ist, muss alle gleich behandeln nach Recht und Gesetz. Die Gleichheit vor dem Gesetz musste hart erkämpft werden. Und ich bin froh, in einem Rechtstaat wie diesem leben zu dürfen.
    Ergänzend dazu muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich mich einfach mal danach sehne, dass einer aufsteht und sagt: „Ja, ich habe Scheiße gebaut, bitte entschuldigt mich, es tut mir Leid!“
    Aber da kommt einem ironischer Weise wohl anders herum das Recht in die Quere, denn wer Schuld einräumt, kann verklagt werden …

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  3. Ralf

    Ich bin auch für eine Gleichbehandlung. Was bedeutet das im Bezug auf die Abschiebung?
    Eine Abschiebung ist dann und nur dann gerechtfertigt wenn einem Deutschen für die gleiche Straftat die Verbannung droht.

    zu den Vorfällen in Köln.
    Die Gefahr eines Jugendlichen Opfer einer Jugendbande zu werden ist deutlich größer als die eines Erwachsenen. Ähnliches gilt sicher auch für Flüchtlinge. Deshalb muß man sehr genau hinsehn ob sich die Täter sexuelle Belästigungen und Vergewaltigungen an weiblichen Flüchtlingen schuldig gemacht haben. Eine Befragung der Frauen in den betroffenen Flüchtlingsheimen halte ich auch deshalb für sinvoll weil damit die Polizei als kompetenter Ansprechparter für solche Dinge ins Spiel kommt. Ich gehe aber davon aus da solche Befragungen erfolgen und nur nicht an die große Glocke gehängt werden.

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  4. Hana Mond

    Das ewige Problem: Die Politiker wollen Lösungen finden, aber kosten dürfen die nix. Läuft ja mit der „Inklusion“ genauso – wir machen, aber Ausbildung für die betroffenen Lehrer gibts nicht, das würd ja Geld kosten.
    Mehr Polizei? Klar – ach Moment, das kostet was? Ne, dann nicht …
    Manch ein Politiker ist doch ein wenig weltfremd.

    Bei Abschiebungen ist es so eine Sache – wohin sollen die Leute? Zurück ins Kriegsgebiet, in Lebensgefahr, weil sie einmal gegen das Gesetz verstoßen haben? Da muss man mMn sehr genau abwägen … „Wir nehmen euch auf, aber nur die netten, die keine Probleme haben, klarzukommen“?
    Und was ist mit den deutschen Tätern? Auch ins Kriegsgebiet schicken? Wenn nein – warum muss man die Asylbewerber härter bestrafen als die Deutschen? Weil sie nicht das Glück hatten, hier geboren worden zu sein?
    Ich finde diese Fragestellung ziemlich schwierig und komplex.

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