Vorsicht vor Leuten

Das Jahr ist erst knappe sechs Tage alt, und schon ist die Polizei, vor allem die in NRW, das beherrschende Thema in den Nachrichten.

Im Internet verteidigt ein Gewerkschafter die Einsatzkonzeption der Kölner Silvesternacht. Ein Studio weiter versucht der Kölner Polizeipräsident den Ruf zu retten, soweit er gerade zu retten ist, während die frische Kölner Oberbürgermeisterin das Pferd von hinten aufzäumt und an den gesunden Respekt vor fremden Menschen appelliert.

Politiker rufen medienwirksam nach mehr Polizei – das sind vermutlich sogar die gleichen, die die von cleveren Wissenschaftlern  schon vor Jahren prognostizierten Flüchtlingsströme bis zur letzten Sekunde nicht wahrhaben wollten und den stetigen Personalabbau der Polizei in den letzten Jahren gegen jede Vernunft durchgewinkt haben; die anderen werfen den vorhandenen Polizisten Versagen vor (gegen diesen raubenden Mob ausländischer Straftäter muss man nämlich dringend härter vorgehen)  – das sind vermutlich die, die auch gleich in der ersten Reihe stehen, wenn es darum geht, uns racial Profiling vorzuwerfen.

Ich sitze auf dem heimischen Sofa und versuche zu verstehen, was da gerade passiert.

Haben sich in Köln, Berlin und Hamburg organisierte Gruppen junger Nordafrikaner getroffen, um im Silvestertrubel Frauen auszurauben? Ist es die nächste Stufe dieser Antänzer-Masche? Die ist keineswegs neu, und allein die hohen Fallzahlen an Silvester können ja wohl nicht tagelang die Tagesschau auslasten?! Oder etwa doch? Ihr seht: ich spekuliere.

Eins ist es jedenfalls: Wasser auf die Mühlen derer, die sich in ihren rechten Ansichten bestätigt sehen wollen. Für die Ausländer sowieso kriminell sind, und Flüchtlinge natürlich erst recht.

Wenn ich daran denke, wie in Kürze wahrscheinlich besorgte Bürger rechte Spinner in Köln und anderswo nicht nur das Abendland vor dem Moslem sondern auch noch Frauenrechte vor dem Nordafrikaner verteidigen, dann wird mir jetzt schon schlecht. Und ich fürchte, genau das wird passieren. Es werden sich Menschen aufstacheln lassen. Orientierungslose werden den Rechten nachlaufen und die wiederum gehen als einzige gestärkt aus den Vorfällen hervor. Nicht die Frauen und ihre Selbstbestimmung, nicht die Polizei, sondern die Rechten. Furchtbarer Gedanke.

Dass in den letzten Tagen jüngst wieder eine Kollegin aus Bochum als Bestätigung derer platten Stammtischparolen eine Referenz sein soll, weil sie in ihrer eigenen Wahrnehmung ein pauschales Problem mit ausländischen Männergruppen ausgemacht haben will, regt! mich! auf! Klaro habe auch ich meine Erfahrungen mit respektlosen, distanzlosen und selbstgefälligen Kunden gemacht und mich mit dem aus europäischer Sicht rückschrittlichen Frauenbild mancher zugewanderter Männer herumgeschlagen. Aber irgendwie haben wir uns am Ende durchgesetzt, unsere Maßnahmen getroffen und im besten Falle sogar erklärt. Meine letzten Widerstände, also solche Einsätze, bei denen Worte nicht genügten, hatte ich mit studierten Deutschen mittleren Alters bzw. mit einem psychisch verwirrten deutschen Alkoholiker. Ein Buch über die Probleme der Polizei mit randalierenden Jurastudenten im Allgemeinen gedenke ich dennoch derzeit nicht auf den Markt zu werfen. Auch für eine Ausweisung dieser gesamten Gruppen plädiere ich bis dato nicht. Auch wenn meine Erfahrungen mich deutlich dazu bringen sollten. Ich stehe allerdings nicht so auf Verallgemeinerungen.

Und ich maße mir auch nicht an, aus meinen Erfahrungen allgemeingültig Schlüsse zu ziehen und damit für die Polizei zu sprechen. Das kann ich nämlich nicht.

Genau deshalb würde ich mir auch wünschen, dass nicht eine Kollegin in der Presse als Referenz für die Polizei im Allgemeinen hinzugezogen wird. Spruchreife Aussagen über gesellschaftliche Trends sollten wir denen überlassen, die den Gesamtüberblick haben und dafür bezahlt werden. Deshalb stehen sie ja auch dieser Tage in den Fernsehstudios und versuchen zu erklären, was in Köln, Berlin und Hamburg vorgefallen ist.

Da sollten wir einfachen Polizisten uns vielleicht darauf beschränken, unsere Arbeit zu tun und da, wo wir gebeten werden, aus unserer ganz persönlichen Erfahrung zu erzählen, da sollten wir nicht müde werden zu betonen, dass es genau solche ganz persönlichen Erfahrungen sind.

Oder wir machen es uns besonders leicht, beobachten eine Gruppe ausländisch aussehender Männer beim durch die Innenstädte Marodieren und erkennen daraus direkt ein gesellschaftliches Problem unheimlichen Ausmaßes – ohne Rücksicht auf Statistiken, versteht sich – und verallgemeinern unsere Beobachtung, bis wir selbst auf dem besten Weg sind, uns am virtuellen Stammtisch ein gemütliches Plätzchen zu suchen.

Damit meine ich übrigens nicht, dass wir die Augen vor den Problemen verschließen dürfen.

Ja, diese Typen scheinen aus dem nordafrikanischen Raum zu stammen; ja, gegen solche Straftaten muss die Polizei vorgehen, und ja, man muss klar benennen, wie es zu solchen ausufernden Vorfällen kommen konnte. Es darf nicht passieren, dass Frauen, oder von mir aus auch Männer, Kinder oder ganze Familien sich im Dunklen nicht mehr in Bahnhöfe oder belebte Innenstädte trauen. Mindestens genau so wichtig wie die rein statistische Sicherheit dort ist, dass wir überall in unseren Städten ein sicheres Gefühl haben. Da müssen wir irgendwie (wieder) hin kommen. Bloß: Rechtspopulismus und Stammtischgeschwätz werden uns auf diesem Weg nicht helfen.

Und ein Tipp noch, vom Profi, nicht nur an die Leserinnen: haltet zu Fremden immer einen respektvollen Abstand. Als vernünftig gilt etwa eine Armlänge. Fremde Menschen könnten sich sonst von euch belästigt fühlen. Wirklich.

6 Gedanken zu “Vorsicht vor Leuten

  1. Quark

    Großartig! Vielen Dank für diesen Artikel. Und dann im letzten Satz noch einen draufgesetzt, super.

    (und das sage ich als polizeiliches Gegenüber, das so manches Mal Probleme mit der Akzeptanz diverser polizeilicher Maßnahmen hatte).

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  2. Christin

    Ich stimme dir voll und ganz zu!
    Ich finde es ungerecht der Polizei zu unterstellen sie würde nicht richtig reagieren oder falsch handeln (z.B. nach den Kölner vorfällen). Ich denke eher solche Vorfälle sollten den Politikern ein anlass sein über das Personalprobelm bei der Polizei nochmal scharf nachzudenken!

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