Fahrlässige Brandstiftung

„Für euch geht’s zügig in die _______ Straße. Direkt an dem Kreisverkehr brennt ’ne Firma. Feuerwehr rollt.“ – „Verstanden, wir eilen!“ auf geht die wilde Fahrt. Als wir ankommen, bringt sich die Feuerwehr gerade in Stellung und beginnt zu löschen. Die alte Schreinerei scheint nicht mehr zu retten. Der Inhaber hat hier nur noch Gefälligkeitsarbeiten gemacht; Möbel repariert, geschliffen, gestrichen. Sowas. Heute hat er für einen Bekannten einen Jägerzaun aufgearbeitet und die neuen Pfähle in Carbolineum getränkt. Bei Minusgraden sicher eine unangenehme Arbeit, bei der einem schnell die Hände zu Eisklötzen gefrieren. Ach so: Carbolineum ist dieses ölige, nach Teer riechende Mittel, das alten Bahnschwellen und Telegrafenmasten ihre typische schwarze Färbung und lange Haltbarkeit verschafft hat. Da es sich als krebserregend herausgestellt hat, stinkt und die Atemwege reizt, ist es so gut wie verboten. Als Schutz für den Zaun in Nachbars Garten zum Beispiel darf man es nicht mehr verwenden.

Unser alteingesessener Senior-Schreiner hier hatte wohl heimliche Reserven und nahm es  generell mit dem Arbeitsschutz nicht so genau. Wie wäre sonst zu erklären, dass er, um die frostigen Hände in den Minustemperaturen warm zu halten, ab und an den Pinsel bei Seite legte und einen kleinen Gasbrenner zur Hand nahm. Keinen halben Meter von der Wanne mit den Teerdämpfen entfernt fuchtelte er dann mit dem Flammenwerfer herum, bis die Hände wieder aufgetaut waren und die Arbeit weitergehen konnte.

Jetzt steht er neben mir, guckt bedröppelt und hat mir gerade die Geschichte von Carbolineum und Gasflamme erzählt. „Das war aber auch wirklich leichtsinnig!“ schüttle ich den Kopf. „Och wat. Ich mach das schon immer so. Kann ja keiner ahnen, dass irgendwann die ganze Bude in Flammen steht.“ Das sehe ich anders. Wer jahrelang mit dem Feuer spielt, obwohl er weiß, dass Carbolineum wie Zunder brennt, der darf sich nicht wundern wenn er eines Tages die ganze Werkstatt in Schutt und Asche legt. 

Aber wie komme ich eigentlich auf diese Geschichte, die schon etliche Winter zurückliegt? Nun, mir ist etwas ganz ähnliches passiert. Vor einigen Tagen habe ich per WhatsApp ein Video geschickt bekommen. Man sah eine Menschenmasse, dicht gedrängt, größtenteils schwarzhaarige Männer. Mittendrin eingequetscht zwei Blondinen, schreiend, bei dem verzweifelten Versuch sich zu befreien. Das Video sollte die Silvesternacht in Köln zeigen. Die Enge, die Skrupellosigkeit der Täter und die Ausweglosigkeit für die Opfer. Ich war schockiert. Auf den Bildern im TV sah alles weniger dramatisch aus. Ein Kollege hatte das Video. Es war viral von einem Smartphone zum anderen gewandert. Blitzschnell dürfte es tausende Menschen erreicht haben. Die genaue Herkunft? Unbekannt. Aber es wirkte überzeugend, der Kollege schien eine vernünftige Quelle und auch wenn ich nicht 100% sicher sein konnte, dass es wahr ist: ich wollte es weiter teilen, mit den Menschen von denen ich dachte, es würde sie interessieren. „Was soll’s, wird schon gutgehen.“ dachte ich und schickte es an zwei Leute weiter. Gestern dann erfuhr ich: es war eine Internetlüge, ein alter Film aus Ägypten, der mit den Ereignissen in Köln nichts, aber auch rein gar nichts, zu tun hat.

Ich habe Mist gebaut. 

Was man einmal geteilt hat, kann man weder aufhalten noch zurückholen. Es verbreitet sich wie ein Lauffeuer und je größer es wird, desto schneller und einnehmender wird es und desto unaufhaltsamer frisst es sich von Handy zu Handy.

Ich hatte mich bis gestern für äußerst kritisch und aufmerksam gehalten. Ich dachte, ich sei vorsichtig genug, und dass deshalb eigentlich nichts schiefgehen kann. Aber ich muss noch besser aufpassen, noch genauer überprüfen, was ich teile und verdammt noch mal zusehen, dass ich nie wieder ein falsches Lauffeuer entzünde. Hinterher kann man nämlich 1000mal versuchen zu löschen  –  dann ist es zu spät.

Zu viele solcher Feuerchen, zu viele Unwahrheiten und ungeprüfte Quellen sind da draußen im Umlauf, und wir alle müssen aufpassen, dass es uns am Ende nicht wie dem Schreiner geht. Auch er dachte, er passt gut auf, auch er dachte, er hat’s im Griff. 

Dann wurde er leichtsinnig, bis am Ende die Bude plötzlich lichterloh brannte. 

Omma rüstet auf

Noch immer beherrschen Berichte rund um die Ereignisse der Silvesternacht in Köln die Medien. Dass sie die Rechten auf den Plan rufen würden, hatte ich befürchtet. Dass jetzt auch unsere Omis auf’m Dorf ernsthaft verunsichert sind, finde ich äußerst schade. Diese Dame letzte Nacht zum Beispiel konnte offenbar nicht schlafen, weil sie die Sorge um ihre Sicherheit umtrieb:

Oh. Da ist ja die Polizei! Guten Morgen!“ Die Omi am Telefon klingt einigermaßen überrascht, dabei hat sie doch gerade mich auf der Wache angerufen. „Guten Morgen… Sie sind gut, es ist 23.30 Uhr! Was kann ich denn für Sie tun?“ schreie ich durch den Hörer gegen den in Omis Wohnzimmer tönenden Fernseher an. „Bitte?“ Ja, die Dame mit der sehr hohen Piepsstimme hört in der Tat sehr schlecht. „Was ich für Sie tun kann!“ wiederhole ich. Weiterlesen „Omma rüstet auf“

Ein ganz normaler Straftäter

„Was lungert der denn da so rum?“ ein junger Mann hat meine Aufmerksamkeit geweckt. Er steht betont lässig auf der Treppe zum Bahnsteig und beobachtet uns. Kurz noch den Bus durch lassen, dann wende ich den Streifenwagen. „Komm, wir gucken uns den mal an.“ Ich merke, dass der Kollege zögert. Aber dass einer dem anderen die Kontrolle ausredet, kommt nicht vor. Wenn der Schutzmannsblick des einen jemanden im Auge hat, der das Bauchgefühl des Streifenpartners noch nicht hat wachwerden lassen, dann entscheidet man sich gemeinsam zur Kontrolle. Also raus aus dem Wagen und den Knilch nicht mehr aus den Augen lassen. Greift er in seine Taschen? Versteckt er was vor uns? Lässt er was fallen? Während ich wenden musste, hatte er kurz die Chance, all das zu tun. Jetzt nicht mehr.

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Vorsicht vor Leuten

Das Jahr ist erst knappe sechs Tage alt, und schon ist die Polizei, vor allem die in NRW, das beherrschende Thema in den Nachrichten.

Im Internet verteidigt ein Gewerkschafter die Einsatzkonzeption der Kölner Silvesternacht. Ein Studio weiter versucht der Kölner Polizeipräsident den Ruf zu retten, soweit er gerade zu retten ist, während die frische Kölner Oberbürgermeisterin das Pferd von hinten aufzäumt und an den gesunden Respekt vor fremden Menschen appelliert.

Politiker rufen medienwirksam nach mehr Polizei – das sind vermutlich sogar die gleichen, die die von cleveren Wissenschaftlern  schon vor Jahren prognostizierten Flüchtlingsströme bis zur letzten Sekunde nicht wahrhaben wollten und den stetigen Personalabbau der Polizei in den letzten Jahren gegen jede Vernunft durchgewinkt haben; die anderen werfen den vorhandenen Polizisten Versagen vor (gegen diesen raubenden Mob ausländischer Straftäter muss man nämlich dringend härter vorgehen)  – das sind vermutlich die, die auch gleich in der ersten Reihe stehen, wenn es darum geht, uns racial Profiling vorzuwerfen.

Ich sitze auf dem heimischen Sofa und versuche zu verstehen, was da gerade passiert.

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