Cengiz‘ Weihnachten

Heiligabend. Nach der schockierenden Nachricht vom Tod des hessischen Kollegen starte ich heute etwas nachdenklich in den Nachtdienst. Es ging direkt trubelig los. Keine Zeit, gemeinsam am Baum zu sitzen. Einbrüche, Unfallfluchten und ein Randalierer beschäftigen uns. Um 01.00 Uhr ist es noch immer unruhig.  Ich bin alleine unterwegs und draußen schüttetet es aus Kübeln. Bisschen trist, diese heilige Nacht.

Auf der Suche nach einer ausgebüxten 14jährigen stelle ich den Streifenwagen am Bahnhof ab und latsche zum Gleis. Bis auf einen Typen in Jogginghose, der mit tief ins Gesicht gezogener Kappe am Fahrkartenautomaten gerade auf dem Display rumtatscht, ist hier niemand. Es regnet Bindfäden, nichts wie zurück in den Wagen. 

„Äh – ‚tschuldigung!“ ruft mich plötzlich schüchtern der junge Mann am Automaten. „Könnten Sie mir vielleicht eventuell kurz weiterhelfen?“ Ich gehe ihm entgegen. „Eventuell vielleicht kann ich das kurz! Kommen Sie hier nicht mehr weg?“ – „Nein. Erst um vier oder so. Keine Ahnung. Ich glaube, ich bin voll lost hier.“

Er schiebt die Kappe hoch, während er auf mich zu kommt, und als ich sein Gesicht sehe, wird mir klar, wie jung er noch ist. „Wie alt bist du überhaupt?“ Cengiz ist gerade 13. Seine Jacke tropft. Die Bündchen der Jogginghose hat er ein Stück hochgekrempelt, damit sie nicht das Wasser aus den Pfützen saugen. Von weiter weg sah er so cool aus, aber im Gegenteil. Ich stehe einem inzwischen sehr erleichterten Kind gegenüber. „Was zur Hölle machst du hier? Es ist Mitten in der Nacht!“„Zur Notapotheke, Tabletten holen, für meine Mama.“ Sie wohnen ein Dorf weiter. Abends hatte sie den Kurzen noch mal los geschickt, mit der Bahn rüber zu uns ins Dorf, wo heute Nacht eine Apotheke Notdienst hat. In der Tasche hat er einen Schmierzettel mit dem Straßennamen und ein Handy mit leerem Akku. Und die Tabletten, die er geholt hat. „Ich kenn mich voll nich aus hier. So ne Frau hat mir den Weg gesagt zur Apotheke. Dann konnte ich mir das nicht merken. Das Handy ist auch leer. Die andere Frau, die hat mich glaub ich verarscht. Dann hatte ich die Apotheke irgendwann und die Apothekenfrau hat mir gesagt, dass um 01.00 Uhr noch ne Bahn kommt. Dann hab ich den Bahnhof nicht gefunden…“ – „…und dann war auch noch das Handy leer. Oh Mann. Deine Mama macht sich bestimmt Sorgen. Komm, Cengiz, ich bring‘ dich mal eben nach Hause.“ 

Wir gehen zum Streifenwagen. „Zieh mal die nasse Jacke aus, ich mach uns mal die Heizung an.“ Alles beschlägt, von dem vielen Wasser. Wo der Kerl wohl die letzten Stunden rumgestromert ist?! Der kürzeste Weg von hier zur Notapotheke dauert zu Fuß vielleicht zehn Minuten. Naja, jetzt ist er ja wieder auf dem richtigen Weg. „Hast du Mamas Telefonnummer? Dann kannst du eben das Polizei-Handy nehmen und Bescheid sagen…“ Die Nummer kennt er nicht. Aber die Viertelstunde bis nach Hause wird sie jetzt auch noch überstehen. Der Kurze ist  ziemlich schüchtern und scheint von dem Ausflug einigermaßen mitgenommen. Passt gar nicht zu seinem obercoolen Äußeren. Zuhause warten Mama und eine kleine Schwester. Mama brauchte die Medizin und ein Auto gibt’s nicht, also musste der Älteste abends noch los. Auch wenn der Älteste gerade erst 13 ist. Vorsichtig frage ich, ob man denn auch Weihnachten gefeiert habe. Ich fürchte ein bisschen, einen wunden Punkt zu treffen, denn die Adresse, die wir ansteuern, ist nicht gerade die beste. „Wir sind ja Moslems, aber ich hab auch was gekriegt: Klamotten und ’n Tablet!“ – „Cool. Kannste morgen mal richtig ausprobieren…“ langsam wird Cengiz‘ Laune besser. Bis zu dem verkorksten Weg zur Apotheke hatte er einen schönen Ferientag. Nur gemeinsam zu Abend gegessen hat die Familie nicht. Ok, Mama scheint ja auch krank zu sein, wer weiß… (Rede ich mir das eigentlich gerade schön? Vermutlich.)

„Ich komm noch eben mit rein. Nicht, dass Mama den Streifenwagen vor der Tür sieht und du Ärger bekommst oder so!“ schwindle ich. Denn eigentlich möchte ich nach dem Rechten sehen. Wer schickt denn bitte nachts das Kind los, ohne ein bisschen Geld, ohne Ortskenntnis und mit leerem Handy?

Wir klingeln. Eine Frau in meinem Alter erscheint im Pyjama an der Wohnungstür. Beduselt dreinblickend wischt sie sich den Schlaf aus den Augen: „Kannst du mir mal bitte sagen, wo du so lange warst? Ich hab vier Mal dein Handy angerufen. Die ganze Zeit.“ Hat die schon geschlafen? Nicht ihr Ernst. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich unterbreche sie: „Der Akku ist leer, er konn…“ – „Ja und? Ich rufe die ganze Zeit an oder was? Ich hab schon geschlafen. Er hat ja auch keinen Schlüssel. Jetzt weckt er mich.“ – „Jetzt bin ich erstmal froh, dass Ihr Sohn wieder Zuhause ist. Ich finde, er hat das ziemlich gut gemacht. Außerdem kannte er sich überhaupt nicht aus. Wer hat sich nicht schon mal verlaufen… Ich glaube, es war alles ein bisschen viel für ihn, nachts alleine in ’ner fremden Stadt…“ – „Da kann man ja trotzdem mal sein Handy vorher aufladen.“ Cengiz‘ Mama wettert weiter, während er sich im Bad aus den an ihm klebenden Klamotten schält.

Das führt hier zu nix, beschließe ich, und trete aus der Wohnung kopfschüttelnd zurück in den Hausflur. Auf der Fußmatte hat jemand zwei Euro verloren. Ich drücke sie dem inzwischen trocken angezogenen Jungen in die Hand und wünsche ihm Frohe Weihnachten.

Die vermisste 14jährige ist inzwischen anderswo wieder aufgetaucht. Noch so ne trostlose Familienzusammenführung hätte ich allerdings gerade auch wirklich nicht gebrauchen können.

4 Gedanken zu “Cengiz‘ Weihnachten

  1. Also ich bin ja ein großer Fan von Deinem Blog! Danke für die vielen tollen Artikel, auch diesen hier. Da steckt sehr viel gutes drin, das sollten ruhig mal mehr Leute lesen!
    Ich bin auch ein großer Fan der Polizei (ganz im Sinne von Jan Böhmermann) und war schon mehrfach so dankbar für die Unterstützung. Der sinnlose Tod des Familienvaters in Herborn macht mich traurig. Ich bin so dankbar, dass ihr da seid, wenn es wirklich brennt!
    Wir brauchen Euch!
    Klar, wo gehobelt wird da fallen Späne. Schwarze Schafe gibt es auch überall. Bei Ärzten, bei Pfarrern und warum nicht auch bei der Polizei.
    Aber über allem steht doch, dass ihr Euch für ein kärgliches Gehalt in die Bresche werft wenn der Bürger in Not ist und das ohne Rücksicht auf Rasse, Geschlecht, soziales Ansehen oder Versicherungsstatus.
    Ihr macht einen großartigen Job! Frohe Weihnachten!

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  2. __E__

    Oh je. Das klingt, als ob dein Heiligabend eher bescheiden war. Tut mir Leid.
    Aber ich hoffe, dass Cengiz sich immer daran erinnert, dass sich wenigstens ein Erwachsener wirklich und ehrlich um ihn gesorgt hat. Es ist zwar traurig, dass es niemand aus seiner Familie war, aber es ist ganz sicher besser als nichts.

    Und mir ist gerade auch klar geworden, warum ich Deinen Blog nicht traurig oder düster finde, obwohl Du oft über Einsätze schreibst, die auf den ersten Blick so wirken: Dass es diese Situationen oder Lebensumstände gibt, wusste ich vorher schon. Aber dass es Menschen wie Dich gibt, die sich soviel Mühe geben es für die Betroffenen zumindest ein bißchen erträglicher zu machen, übermalt die Traurigkeit und Düsterniss mit Hoffnung und Zuversicht.

    Ich hoffe Weihnachten war besser als Heiligabend!

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