Weihnachten

Wenn es draußen kalt ist, und drinnen gemütlich; wenn der Schnee im Auto langsam auf der Fußmatte schmilzt, während die Lüftung mühevoll versucht, die vom Eiskratzen schockgefrosteten Finger aufzutauen, und wenn der Nachbar einem einen abfahrtslauftauglichen Schneehügel vor die Einfahrt schippt, dann fühlt es sich wie Weihnachten an. Wer allerdings in den letzten Wochen auch nur einen kurzen Blick aus dem Fenster geworfen hat, der hat den Nachbarn vielleicht beim Rasenmähen beobachtet, zumindest solange ihm die Wäsche, die in der lauen Sonne auf der Leine im Garten trocknete, nicht die Sicht genommen hat. Während manche noch immer versuchen, die Krokusse mit spitzen: „Sachma, spinnt ihr? Jetzt doch nicht!“- Rufen zurück in die Beete zu stopfen, ist Weihnachten geworden. Überall wird gewichtelt. Frauen kaufen Socken, Männer Töpfe. Am Ende wird umgetauscht. In den Fenstern hängen Lichterketten, in den Wohnzimmern sind die Bäume geschmückt und am 24. rennt jeder noch mal schnell los. Geschenkpapier kaufen. Wie viel Öl muss noch gleich ins Fondue? Wo gibt’s denn hier Raclettkäse – den kauft man so selten.

Pünktlich an Heiligabend sitzen dann alle unter den Bäumen. Sie packen Socken und Töpfe aus, bedanken sich artig und fragen sich, warum sie das dreizehnte Raclettpfännchen nicht einfach haben stehen lassen. So ist das, an Weihnachten. So wird es auch im nächsten Jahr sein. Bloß – leider nicht für alle.

In Herborn in Hessen hat gestern Morgen ein 46 Jahre alter Kollege seine letzte Schicht geleistet. Morgens um sieben, so steht es in der Pressemitteilung, hatten er und sein etwa gleichalter Streifenpartner einen Einsatz am Bahnhof. Ein Fahrgast wollte sich vom Zugpersonal nicht kontrollieren lassen. Solche Einsätze sind Alltag. Solche Einsätze verkauft man uns mit den Worten: „Fahrt doch mal eben…“ Und von genau solch einem „mal eben“ Einsatz ist der Kollege nicht zurückgekehrt. Der Mann, den die beiden hätten kontrollieren sollen, hat einen Kollegen erstochen und einen zweiten so schwer verletzt, dass zwischenzeitlich Lebensgefahr bestand. Ich wünsche der Familie des Getöteten die Kraft, diese unfassbare Tat zu verarbeiten. Auch dem Schwerverletzten wünsche ich, dass er die Hilfe und Unterstützung erfährt, die er jetzt braucht, um mit dem, was passiert ist, irgendwann umgehen zu können. Und auch den übrigen Kollegen, die zwar nicht direkt dem Tod ins Auge geblickt, die aber anschließend den Einsatz zu Ende gebracht haben, kann ich nur wünschen, dass es ihnen gelingt, den Vorfall zu verarbeiten.

Unsere Streifenwagen tragen Trauerflor als Zeichen unserer Anteilnahme. Und glaubt mir, das ist keine leere Floskel. Jeden, den ich gestern am Heiligabend im Nachtdienst getroffen habe, hat diese völlig sinnlose Tat sehr betroffen. 

Herborn war nah letzte Nacht, vermutlich nicht nur uns. Passt gut auf euch auf.

Kommt sicher nach Hause. 

#thinblueline                                       #weseeyouPolizeiHessen      #wirseheneuch

 

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