Tag der offenen Tür

„…meinen Sie denn, Sie finden den Führerschein noch, oder…?“ erkundige ich mich höchstvorsichtig bei der Oma in dem lila Micra. „Näää, ich habbet gleich!“ Irgendwo in den Tiefen der beigen Omageldbörse ist er sicher, der gute alte Lappen. Noch sucht sie allerdings ganz vertieft. „Sie haben ja schon ein bisschen… sagen wir… frech geparkt, hier so mitten vor der Sparkasse. In der Fußgängerzone.“ halte ich zwinkernd das Gespräch am Laufen. „Ach, getz hör’n Se mir aber auf. Die paar Minuten. Werden Se ma nich‘ komisch.“ Sie sucht noch immer. Der Kollege grinst mich an: „Genau, werd mal nicht komisch!“ Ich verkneife mir alle weiteren Kommentare, rücke meinen Gürtel zurecht und ertrage kurz die Stille. Das kann ich ja nicht so gut. Muss ich auch nicht, denn die Mine des Kollegen wird plötzlich ziemlich finster: „Nicht! Sein! Ernst…“ brüllt er: „…da sitzt einer im Auto!“ und setzt zu einem Spurt in Richtung unseres Streifenwagens an, den wir schräg hinter Omis fahrbarem Untersatz geparkt haben.
„Sachma! Ticken Sie noch ganz sauber? Was machen Sie in unserem Wagen?“ – „War offen! Vorne saß ich noch nie!“ lacht der Typ am Steuer des Streifenwagens und macht dazu wilde Lenkbewegungen. Zum Glück ziehen wir immer den Schlüssel ab. „Raus da, aber zackig! Was fällt Ihnen ein?“ ohne viel Nachhelfen pellt sich der Stadtstreicher-Typ aus dem Streifenwagen. Den ernst der Lage scheint er immerhin erkannt zu haben. Mein Blick sucht den Sitz ab. So wie der Kerl riecht ist nicht auszuschließen, dass er gerade den Wagen zur öffentlichen Toilette gemacht hat. Hinten kennen wir das, da kann man die Sitze abwischen. Vorne wärs doppelt fies. Aber alles ist trocken. Zum Glück ist er zumindest untenrum ganz dicht.
Wir checken kurz, ob noch alles an seinem Platz ist. „Hoffentlich hat er nicht gefunkt. Wie peinlich wär das denn?“ mutmaßt der Kollege, als er das Handschuhfach öffnet. „Hör bloß auf…“ schüttle ich den Kopf dazu. Wir suchen einmal die Fächer und Ablagen ab. Alles da.

„Entschuldigen Sie, Frau Wachtmeister?!“ Ach, Omi ist auch noch am Start. Immerhin hat sie die Zeit sinnvoll genutzt: „Ich hab meinen Führerschein gefunden. Brauchen Sie den noch?“ Sie winkt mit dem guten alten grauen Lappen. Mit Schreibschrift. Und sicher mit Hochsteckfrisurenfräuleinfoto innen.
Ich verwarne sie mündlich. Nix wie weg hier, Auto mit Fahrtwind lüften und hoffen, dass nicht so viele Passanten auf unseren blinden Passagier aufmerksam geworden sind. Denn eigentlich gibt’s ja nur zwei goldene Regeln, nach denen man täglich einschreitet:

 1. Gesund nach Hause kommen

2. nicht auf Youtube landen

Falls sich also mal jemand fragt, warum ich den Streifenwagen stets und ständig abschließe, auch wenn ich ihm nur einen Moment lang den Rücken zu wende.

Darum!

6 Gedanken zu “Tag der offenen Tür

  1. __E__

    Hahahahaha…

    Aber ich bin ja schon ein bißchen enttäuscht, dass er erstens nicht gefunkt hat und zweitens es keinen youtube-Beweis gibt (ich habe nachgeschaut) 😉

    Und die Polizei schließt den Streifenwagen nicht ab? Ich bin ja ein kleines bißchen versucht, dass mal nachzuprüfen und dann auf diesen Blog zu verweisen. Aber nur ein kleines bißchen. Wer weiss, ob das alle Polizisten so relativ entspannt sehen wie Du und Dein Kollege…

    Auf jeden Fall Danke fürs teilen, ich musste sehr schmunzeln.

    Gefällt 1 Person

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