Rad ab

Zwischen den Einsätzen eines normal-chaotischen Spätdienstes fahren die Kollegin und ich an einem liegengebliebenen Auto vorbei. Der Fahrer, ein junger Erwachsener von kräftiger Statur, hat ganz offenbar Schwierigkeiten beim Reifenwechsel. Vorne rechts ist der Wagen aufgebockt. Der Reifen ist runter. Seine Mitfahrerinnen samt Baby stehen sich die Beine in den Bauch und warten wohl schon länger darauf, dass die Fahrt weitergeht. Ob er sich veräppelt vorkommt, wenn jetzt ausgerechnet zwei Frauen fragen, ob er Hilfe braucht? Egal.

Die Kollegin quatscht ihn an: „Können wir helfen?“ Genervt beugt sich der Nachwuchsmechaniker von seinem Dreirad hoch. „Ja. Mir ist der Reifen geplatzt. Ich bin noch auf den Grünstreifen, aber jetzt steht die Karre schräg. Ich hab’se aufgebockt gekriegt, aber der neue Reifen passt nicht drunter.“

Er hat ’n Rad ab und keinen Platz für ’n neues. Dumm gelaufen. Aber der gelbe Engel sollte helfen können. Wir rufen ’n Pannenfahrzeug. Eigentlich könnte die Geschichte jetzt danke-tschüß-mäßig enden, aber jetzt hatten wir einmal unsere Nase hier dran, da wollten wir natürlich wissen, warum dem Liegengebliebenen bei Tempo 50 innerorts der Reifen um die Ohren geflogen war. Technisch sah alles okay aus. Am Auto lag’s also wohl schonmal nicht, der Fahrer gibt sich ahnungslos. Gucken wir uns also mal den Ort des Geschehens näher an.

Ausgangs eines Tunnels hatte unser Bruchpilot die Wahl. Geradeaus Bahnschienen folgen, die zuvor noch in der Fahrbahn verliefen, oder halblinks schwenken und der Straße folgen? Den Kratzspuren am Bordstein zufolge dürfte er sich für eine gewagte Kombination beider Routen entschieden haben und erst den Schienen gefolgt zu sein, bis ihm sein Missgeschick nach ein paar Metern klar wurde, er seine Teilzeitbeschäftigung als Lokführer kurzerhand an den Nagel hängte, Kurs hart links hielt und mit Schmackes über den Monsterbordstein zurück auf die Straße dengelte. Dass es dabei nur das Vorderrad und nicht den halben Unterboden dahinraffte: reine Glückssache.

Wie er darauf kam, nicht einfach rückwärts zu setzen, zurück auf die Straße und weiter? Hat ihm vielleicht irgendwas die Sinne vernebelt? Klar wollen wir das wissen und gucken uns den Knilch nochmal genauer an. Alkohol war’s nicht. Betäubungsmittel vielleicht? „Drogen? Ich? Aaach… das ist schon eeeewig, her, dass ich mal gekifft habe.“ Ewig sind in seiner Welt wohl schon ein paar Tage, denn die interessante Reaktion seiner Pupillen und ein Drogentest erklären seine kurze Irrfahrt am Ende.

Sollte unser Bruchpilot irgendwann nochmal eine Reifenpanne haben und zwei Polizistinnen böten ihm Pannenhilfe an, ich bin nicht sicher, ob er nochmal dankend annähme. Aber in näherer Zukunft sollte sich diese Frage nicht stellen. Denn jetzt, wo der ADAC den neuen Reifen montiert hat, hapert es bei unserem Kunden an was anderem.

Er hat keinen Führerschein mehr.

11 Gedanken zu “Rad ab

      1. Naja. Ich hatte während der Schulzeit einige Kumpels, die regelmäßig (lies: fast täglich) gekifft haben und ich musste sie nur anschauen (nein, nicht in die Augen, einfach den ganzen Menschen) um zu wissen, ob sie high waren oder nicht. Ich habe das auch dann gesehen, wenn außenstehende ihnen nichts angemerkt haben. Als Freundin merkt man sowas doch? Ich wäre nie bei meinen bekifften Kumpels ins Auto gestiegen – allerdings waren die sowieso immer froh, wenn ich gefahren bin. 🙂

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  1. __E__

    Ich bin vor ein par Tagen über Deinen Bolg gestolpert und habe schon fleißig geschmökert. Vielen Dank für die vielen Geschichten, mit denen Du mich am Alltag einer Polizistin teilnehmen lässt. Sie sind nicht nur super geschrieben, sondern geben mir auch einen Einblick in eine Welt, die ich so gar nicht kenne. Toll!
    Und außerdem bin ich beeindruckt, mit wieviel Humor und Lässigkeit Du die abstrusen, aber teilweise auch sehr traurigen und verletzenden Situationen nimmst. Ich glaube da kann man auch schnell bitter werden. Bei Dir hat man beim Lesen aber immer das Gefühl, dass Dein Beruf auch Deine Berufung ist. Ich wünsche Dir, dass das auch immer so bleibt. Und bitte lass Deine Leser auch weiterhin daran teilhaben. Dein Blog kommt sofort in meine Leseliste.

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