Göttin am Boden

„Jetzt kommen Sie doch mal aus dem Bad, dann können wir uns doch viel besser unterhalten!“ Der Kollege versucht wirklich alles, um den schreienden Mann aus dem engen Badezimmer zu kooperieren. Bisher beißt er auf Granit. Verpissen sollen wir uns. Das wird wohl nichts. Unser Kunde muss ins Krankenhaus, ob er das nun einsehen kann oder nicht. Noch arbeiten wir daran, dass er gleich denkt, er will. Bisher will er nicht und weiß das auch.

„Ey, lass uns nicht warten bis es gefährlich wird. Wenn wir die Möglichkeit haben, verpacken wir ihn, bevor es hoch her geht!“ Wir sind uns einig: Seine gedrungenen Pranken möchten wir nicht unbedingt aus der Nähe sehen. Klaro schubsen wir nicht grundlos unsere Kundschaft um, aber angreifen lassen wollen wir uns auch nicht.

Nach einer kurzen Klo-Diskussion steht der massige Kerl vom stillen Örtchen auf. Wobei still bei seinem pausenlosen Geschrei eher relativ ist. „Sehr gut! Genau, kommen S…“ Weiter kommt der Kollege nicht. Fertig mit Schönschreiben. Der besoffene Schreihals holt aus und metert ihm ziemlich aus dem Nichts mit ordentlich Schmackes eine gepflegte Rechte neben die Nase. Handgemenge. Erstmal raus aus der tristen Nasszelle. Zum Glück haben wir, etwaiges Rumgeschubse schon während des zähen Verbalgerangels zwischen Badezimmertür und Kloschüssel vorausahnend, Platz geschaffen im Zimmer, und den Holztisch neben den vollgekotzten Mülleimer zur leeren Wodkaflasche geschoben.

Wir schwitzen. Alle. Auch unser Kunde hat nicht gerade sein ideales Kampfgewicht. Was jetzt kommt läuft ehrlicherweise mal wieder nicht ansatzweise so galant und zackzack wie im Training auf der Judomatte. Aber zwischen Bett und Badezimmer, ohne ordentlich Platz und mit einem echten Kontrahenten hatte ich das auch nicht wirklich erwartet. Dass wir alle, samt des Besoffenen, den Einsatz unverletzt zu Ende bringen, das schon eher.

Nach angestrengtem Rangeln und Winden japst unser Angreifer wie ein Mops nachm Sonntagsspaziergang. Seine Versuche, die Kollegen mit Kopfstößen und Tritten an die empfindlichsten Stellen zu treffen, können wir glücklicherweise abwehren.

Jetzt sitzt er, gut verpackt, unverletzt und schnaufend vor uns. Vorbei. Kurz umschauen, ob die Kollegen okay sind. Wo kommen denn die Gipsbrocken auf dem Fußboden her? Kollateralschaden? „Die da ist vom Schrank gefallen!“ stellt ein Kollege fest und zeigt auf ein an Hässlichkeit unüberbotenes Exemplar einer griechischen Gottesbüste von Handballgröße. Für Kopfschutz und glückliche Zufälle ist unsere Heilige offenbar nicht zuständig, sonst wäre sie wohl nicht mitten im Gerangel vom Schrank auf den Holzkopf des Kollegen gepurzelt. Das hätte ganz schön schiefgehen können. Glück gehabt. Das des Tüchtigen, vermutlich.

 „Wir haben eine Person nach Widerstand sicher.“ melde ich am Funk. Geschafft, Gutes Gefühl.

Unser Kunde landet wegen seiner ausschweifenden Vorgeschichte schließlich bruchsicher verpackt per Rettungswagen in der geschlossenen Abteilung der nächsten Psychiatrie. Wir landen, wie so oft, am Schreibtisch und beraten, was wir aus dem Einsatz mitnehmen. Einsatznachbereitung nennt das das Lehrbuch. Wir nennen es Quatschen und beschließen, beim nächstes Mal wirklich nicht zu warten, bis unser Kontrahent zum Schwinger ansetzt. Zumindest, wenn sich der Schlag irgendwie erahnen lässt.

Und noch was nehme mich mit, und zwar, dass ich wirklich stolz bin, in so einem professionellen Team zu arbeiten, das selbst unter Stress, wenn’s gefährlich wird und sogar nach einem Faustschlag ins Gesicht des Kollegen, ruhig und vernünftig weiterarbeitet. In dem fast ohne Worte vier Kollegen am selben Strang (und im Handgemenge vielleicht manchmal auch versehentlich am selben Arm) ziehen, und in dem nie die Gefahr besteht, einer von uns könnte laut werden, die Situation unnötig aufwiegeln oder irgendwelche Rachegelüste hegen.

Sich jederzeit, stets und ständig zu beherrschen, einen Schlag zu kassieren und Momente später beim Anlegen der Handfessel geduldig dem Schläger das Lederarmband vom Handgelenk zu knöstern, damit die Fesseln nicht unnötig drücken, das ist vielleicht einfach nur unser Job – Aber es möge mal jeder selbst überlegen, ob und wie ihm das gelänge.

Diese Besonnenheit schätze ich an meinen Kollegen, und die Tatsache, dass man ohne viele Worte, ohne Hektik und in Ruhe als Team solche Einsätze über die Latte fausten kann.

Bloß an unserem Wissen über griechische Gottheiten müssen wir wohl ein wenig feilen. Vielleicht war’s ja Athene  – Göttin der Kriegskunst und der Weisheit. Das könnte zumindest erklären, warum sie auf diesem Schrank in diesem Zimmer nicht länger stehen wollte.

Ein Gedanke zu “Göttin am Boden

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