Turnbeutelbetrüger

Auf dem Weg zur Bushaltestelle schlendere ich auf das ein paar Meter entfernte Wartehäuschen zu, wie jeden Morgen. Ich stehe nicht gerne hier drin. Nur wenn es wirklich stark regnet suchen wir uns zwischen den Pfützen ein trockenes Plätzchen. Die Großen haben die Wände beschmiert. Es ist auch bei schönstem Sonnenschein irgendwie dunkel und, obwohl ich jeden Baum, jede Wurzel und jeden Riss im Gehwegasphalt kenne, fühle ich mich unter dem Wellpappdach fehl am Platz.

An diesem Tag muss ich hinters Häuschen. Hier ist es noch ein bisschen fieser. Der Nachbar hat seinen Rasenschnitt entsorgt, und alte Kunststoffblumentöpfe. Dazu lege ich, mich verstohlen umsehend und mit schlechtem Gewissen, den Beutel mit meinem Schwimmzeug. Den ganz Weg zum Bus habe ich darüber nachgedacht. Jede Woche. Heute tu ich’s. Der Gedanke, mit den Klassenkameraden ins Schulschwimmbecken hopsen zu müssen, liegt mir seit dem Aufstehen tonnenschwer im Magen. Ich kann das nicht gut, reingesprungen bin ich noch nie und nichts läge mir ferner, als mich vom kilometerhohen Startblock kopfüber ins Becken zu stürzen. Ich bin doch nicht lebensmüde. Heute jedenfalls entgehe ich meinem Grundschulalptraum. Wer den Beutel Zuhause vergessen hat, hat keinen Badeanzug, und wer keinen Badeanzug hat, der kann nicht ins Becken. Ich bin so clever. Mit schlechtem Gewissen aber sehr, sehr erleichtert steige ich schließlich in den Bus.

Heute, gute 25 Jahre später, ist das Bushäuschen modernisiert und mit seinen Glaswänden als Turnbeutelversteck völlig ungeeignet. Ich stehe auch nicht an der Haltestelle sondern sitze am Steuer eines Streifenwagens. In dem Auto hinter mir fährt der Polizeiseelsorger. Vorweg fahre ich. Mit einem Hinweis auf das zwar sportliche Äußere und die im Gegensatz dazu eher langweilige Motorisierung hat Robert mich gebeten, nicht so zu rasen, um ihn nicht abzuhängen. Hatte ich eh nicht vor. Ich hab’s nicht eilig. Nicht jetzt. Doch in ein paar Minuten werden wir trotzdem ankommen.

Mitten in der Nacht werden wir gleich ein Ehepaar aus dem Schlaf reißen. Nach einigem Klingeln bittet man uns herein, und in dem gutbürgerlichen Wohnzimmer mit Fliesentischchen und Eichenwohnwand müssen wir ohne Umwege auf den Punkt kommen. Jetzt gibt es keine Ausreden und auch nichts zu relativieren: „Ihr Sohn hat sich das Leben genommen. Der Notarzt konnte ihm nicht mehr helfen!“ Stille. Ungläubige Blicke. Nach dem sehr leisen Gespräch verabschiede ich mich von Seelsorger und Eltern und steige wieder in den Streifenwagen.

Durchatmen. Einsatzklar melden und an die Turnbeutelgeschichte zurück denken, die übrigens kein Happy-End hatte. Meine Mutter, diese verdammte Mrs. Marple, war mir auf die Schliche gekommen. Schon vor der ersten Pause hatte sie mir das Schwimmzeug gebracht. Lug und Betrug waren wohl noch nie so meins.

Der Funk unterbricht meine schweifenden Gedanken. „Hast du die Benachrichtigung durchgeführt? Gut! Dann geht’s jetzt für dich zügig weiter in die _____straße! Größere Schlägerei. Es sind auch Flaschen geflogen.“ Die Leitstelle weiß eben, wie sie mich auf andere Gedanken bringt.

2 Gedanken zu “Turnbeutelbetrüger

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