Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Sorry, Leute: Heute keine Polizeigeschichte. Zumindest nicht so eine wie sonst.

Auf dem Foto bei Facebook steht eine Gruppe junger Männer mit dunkler Haut im See. Im hüfthohen Wasser scheinen sie sich zu unterhalten. Mitten unter ihnen ein blondes Mädchen. Man erkennt ihr Gesicht. Wasser spritzt in ihre Richtung. Was geredet wird? Ich weiß es nicht. Kennen die sich? Bedrängen sie das Mädchen? Braucht sie Hilfe? Ich kann es nicht erkennen.

Mein Hirn versucht, aus meinen Erfahrungen und Erwartungen seine Schlüsse zu ziehen. Ich bremse es aus und lese, was sich andere bei dem Foto gedacht haben.

Die meisten Kommentatoren scheinen sich einig zu sein: „Was packen die das Mädchen an. Ersaufen sollte man die!“ – aha. So läuft der virtuelle Hase. Ich scrolle mich durch eine lange Liste von Hassbotschaften, Hetze und Fremdenfeindlichkeit. Hier geht es schon lange nicht mehr um Fakten. Niemand interessiert sich dafür, was dieses Foto wirklich zeigt. Bloß eine Meinung, die haben sie sich alle gebildet. Junge Männer und Frauen, ihre Kommentare zeugen von einer gescheiterten Beziehung zur deutschen Rechtschreibung, aber stolz sind sie, auf „ihr“ Land. Und Angst haben sie offenbar, vor den Fremden, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen. „Abschlachten, die Fotzen!“ schlägt einer vor. Über dem Kommentar steht sein voller Name. Wenn man den anklickt, sieht man seinen Wohnort, Fotos seiner Familie und seinen Arbeitgeber. Wahnsinn. Ich scrolle weiter. „Ich weiß eine Antwort: 9mm!“ schreibt eine Frau, auf dem Profilfoto lächelt sie freundlich. „Wenn das meine Tochter wäre, hätten diese Bastarde den Tag nicht überlebt!“  

Fassungslos scrolle ich noch ein Stück. Entweder, der Verfasser des Beitrages hat die Kommentare denkender Menschen zwischen den ganzen geistigen Tieffliegern gezielt entfernt oder hier stachelt sich wirklich seit Stunden eine Meute von Ausländerfeinden ungestört gegenseitig auf. Ekelhaft. Ich scrolle und scrolle mich durch etliche Kommentare, verfasst unter Klarnamen von Menschen, die offenen Fremdenhass mit einer frei zu äußernden Meinung verwechseln. Wo leben wir, dass man solche Äußerungen ins Internet posaunen kann, ohne sofort massiven Gegenwind zu bekommen?!

Ich fürchte, es könnte ein bisschen anstrengend werden, aber einfach so hinnehmen kann ich das braune Gelaber nicht mehr. Und wenn es auch Zeit kostet, und Mühe. Wenn ich tausend Beiträge bei Facebook melden muss, bevor einer entfernt wird, wenn ich 100 Screenshots machen und 99 Anzeigen schreiben muss: Mir reicht’s. Ernsthaft.

Online begangene Straftaten kann man anzeigen – zum Beispiel auf den Webseiten der Landespolizei oder ganz analog, auf der nächsten Wache. Also: Schaut nicht weg. Überlasst das Internet nicht denen, die hetzen und hassen. Es ist kein rechtsfreier Raum. Obwohl: weniger „rechts“ wäre in diesen Tagen sicher nicht die schlechteste Idee.

11 Gedanken zu “Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

  1. Christin

    Das Thema ist immer verdammt heikel… Ich finde es unfassbar das die rechte gesinnung noch /wieder in so vielen Köpfen steckt. Richtig so das du das ansprichst! Man kann auch stolz auf sein Land und seine herkunft sein ohne fremdenfeindlich zu sein!

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  2. Serin

    Das finde ich so vorbildlich! Unter welches Verbot fällt denn sowas? Morddrohung? Beleidigung? Und wenn ich zB selbst solche Kommentare bekomme, wie verhalte ich mich dann?

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  3. Leider glauben immer noch Leute sie könnten im Netz machen was sie wollen. Ich bin der Meinung das es immer schlimmer wird, vor allem diese rechte Hetze.
    An irgendwelche Beleidigungen hat man sich ja inzwischen gewöhnt aber wenn öffentlich zum Mord aufgerufen wird ist eine Grenze überschritten!

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  4. Bin gerade über ein nettes Video gestolpert: https://www.facebook.com/EnnoLenze.de/videos/473215166192585/
    Klare Ansage zu den „Ich bin kein Nazi, ABER…“-Schreibern.

    Ich selbst habe kein FB, kann daher nicht so viele Gemeinheiten nachvollziehen, die geschrieben werden, aber schon so sieht man genug, um zu resignieren, was man aber auf keinen Fall tun darf!

    Schlimm fand ich auch, zu beobachten, wie in den letzten Jahren Rassistische Sprüche von allen Seiten auch in der SChule (schon bei den Fünftklässlern) überhand nahmen. Wenn schon in der Fünften ein paar Türken gegen die Kurden pöbeln, „Aufrechtdeutsche“ gegen alle, die ein Kopftuch tragen… Wie sollen die als Erwachsene dann gerecht und menschlich handeln, wenn die SChule es schon nicht schaft, denen solches Benehmen abzugewöhnen. Ich schnauz die schon gerne an „Leute; ihr pöbelt die afrikanischen/Asiatischen/türkischen Mitschüler an, sie hätten hier nichts verloren, aber ihr macht in deren Ländern Urlaub?“ Aber das hilft alles nicht.

    Liebe Grüße
    Jakob

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    1. Ich fürchte es hilft nur, die Orientierungslosen mit Bildung zu bewerfen und die Unbelehrbaren zu blamieren, indem man ihre Argumentationsweise zerlegt und nicht bloß dagegen argumentiert. Aber das kostet Mühe. Viel Mühe.

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  5. A.F.

    Ja ich gebe dir Recht solche Kommentare gehen gar nicht. Leider bringt das Diskutieren mit solchen Leuten fast gar nichts. Einmal habe ich es versucht mit einem Bekannten aus zu diskutieren, das Ende vom Lied war als ihm die Argumente ausgingen hat er mich einfach entfreundet, was aber nicht Schade war. Erschreckend war eher das er, genau wie ich, in seiner Freizeit bei einer großen deutschen Hilfsorganisation mit hilft.

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  6. Es gibt leider immer noch viele, die denken, das Netz sei ein rechtsfreier Raum, in dem sie so richtig vom Leder ziehen können. Ich finde es erschreckend, was da für Hetze passiert – und das eben nicht von der Klientel, von der man das aufgrund ihrer politischen Einstellung erwartet, sondern von Otto Normalwohntnebenmirundwerhättedasgedacht.

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