Sorry, Nachbarn, für das Geschrammel.

„Genieße den Tag, und vertraue möglichst wenig auf den folgenden!“ (Horaz)

Toll, Horaz. Spitzenmäßige Idee soweit. Bloß, wisst ihr was: Ich kann das gar nicht! Son bisschen Morgen fänd ich schon nicht verkehrt. Aus Planungsgründen. Ich schiebe nämlich Dinge auf. Viele Dinge. Auch solche, auf die ich rrrrichtig Bock hätte, wenn ich sie endlich mal täte.

Ans Meer müsste ich mal wieder. Und in die Berge. Und Grillen im Garten. Es wird zu wenig gegrillt, oder? Seht ihr: sag ich doch. Mehr Sport wäre cool. Oder öfter mal irgendwo an’n See fahren, rumsitzen und rein gar nichts tun. Wollte ich nicht auch schon immer vernünftig Gitarre spielen lernen? Wozu steht das staubige Teil denn in der Ecke?! Und ’ne Sprache? Polnisch vielleicht.

Wie soll denn das alles heute zu schaffen sein? Also schiebe ich einen Stapel Pläne vor mir her. Halb so schlimm, ich meine: Leute… ich bin Anfang 30. Andere fangen mit 60 noch n Studium an. Heißt ja nicht umsonst: „60 ist das neue 40!“ Also kein Grund zur Hektik bisher. Wäre da nicht mein Beruf, der mir ab und an den Plänestapel mit einem entschiedenen: „Ey, Mädel! Laber nicht‘ sondern mach endlich! Worauf wartest du?“ vor die hoch gelegten Füße pfeffert.

Letzte Woche waren die Kollegen bei so einem Einsatz. In dem chicen Einfamilienhäuschen mit Garten und Hund hatten die Eltern für sich und die beiden Kinder sicher auch Pläne. Viele Pläne. Urlaube, Hobbies, Talente, ach, was weiß denn ich. Ihr ahnt doch, worauf das Alles hier hinausläuft. Seit diesem Vormittag ist in der heilen Familienwelt unseres Einsatzes Essig mit ‚Machen wir morgen!‘ – Die Mutter der Kurzen ist nämlich ganz plötzlich verstorben. Keine Krankheit, kein spektakulärer Unfall, kein gar nix. An diesem Tag lag sie, als ihr Mann nichts ahnend von der Arbeit kam, im Bad. Tot. Einfach so. Mit knappen 40. Und niemand hat vorher bescheid gesagt, dass die Lage ernst ist. So nach dem Motto: „Leute: passt auf, die Zeit wird knapp! Haut ma‘ rein! Schöpft aus dem Vollen, bestellt Sahne, Erdbeersoße und Schokostreusel aufs Eis. Fahrt spontan zum Strand, macht den beklopptesten Quatsch miteinander. Schafft Erinnerungen. Heute! Denn… Morgen ist nich‘!“  

Ich wünsche der Familie, dass sie es mit Horaz gehalten und die Zeit genossen hat, die ihnen zusammen blieb.

Tja, und ich? Ich versuche, meine Lektion in Sachen Demut zu lernen und entstaube mal die Gitarre.

 

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Sorry, Leute: Heute keine Polizeigeschichte. Zumindest nicht so eine wie sonst.

Auf dem Foto bei Facebook steht eine Gruppe junger Männer mit dunkler Haut im See. Im hüfthohen Wasser scheinen sie sich zu unterhalten. Mitten unter ihnen ein blondes Mädchen. Man erkennt ihr Gesicht. Wasser spritzt in ihre Richtung. Was geredet wird? Ich weiß es nicht. Kennen die sich? Bedrängen sie das Mädchen? Braucht sie Hilfe? Ich kann es nicht erkennen.

Mein Hirn versucht, aus meinen Erfahrungen und Erwartungen seine Schlüsse zu ziehen. Ich bremse es aus und lese, was sich andere bei dem Foto gedacht haben.

Die meisten Kommentatoren scheinen sich einig zu sein: „Was packen die das Mädchen an. Ersaufen sollte man die!“ – aha. So läuft der virtuelle Hase. Ich scrolle mich durch eine lange Liste von Hassbotschaften, Hetze und Fremdenfeindlichkeit. Hier geht es schon lange nicht mehr um Fakten. Niemand interessiert sich dafür, was dieses Foto wirklich zeigt. Bloß eine Meinung, die haben sie sich alle gebildet. Junge Männer und Frauen, ihre Kommentare zeugen von einer gescheiterten Beziehung zur deutschen Rechtschreibung, aber stolz sind sie, auf „ihr“ Land. Und Angst haben sie offenbar, vor den Fremden, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen. „Abschlachten, die Fotzen!“ schlägt einer vor. Über dem Kommentar steht sein voller Name. Wenn man den anklickt, sieht man seinen Wohnort, Fotos seiner Familie und seinen Arbeitgeber. Wahnsinn. Ich scrolle weiter. „Ich weiß eine Antwort: 9mm!“ schreibt eine Frau, auf dem Profilfoto lächelt sie freundlich. „Wenn das meine Tochter wäre, hätten diese Bastarde den Tag nicht überlebt!“  

Fassungslos scrolle ich noch ein Stück. Entweder, der Verfasser des Beitrages hat die Kommentare denkender Menschen zwischen den ganzen geistigen Tieffliegern gezielt entfernt oder hier stachelt sich wirklich seit Stunden eine Meute von Ausländerfeinden ungestört gegenseitig auf. Ekelhaft. Ich scrolle und scrolle mich durch etliche Kommentare, verfasst unter Klarnamen von Menschen, die offenen Fremdenhass mit einer frei zu äußernden Meinung verwechseln. Wo leben wir, dass man solche Äußerungen ins Internet posaunen kann, ohne sofort massiven Gegenwind zu bekommen?!

Ich fürchte, es könnte ein bisschen anstrengend werden, aber einfach so hinnehmen kann ich das braune Gelaber nicht mehr. Und wenn es auch Zeit kostet, und Mühe. Wenn ich tausend Beiträge bei Facebook melden muss, bevor einer entfernt wird, wenn ich 100 Screenshots machen und 99 Anzeigen schreiben muss: Mir reicht’s. Ernsthaft.

Online begangene Straftaten kann man anzeigen – zum Beispiel auf den Webseiten der Landespolizei oder ganz analog, auf der nächsten Wache. Also: Schaut nicht weg. Überlasst das Internet nicht denen, die hetzen und hassen. Es ist kein rechtsfreier Raum. Obwohl: weniger „rechts“ wäre in diesen Tagen sicher nicht die schlechteste Idee.