Macht

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Na, klingelt da was bei euch? Keine Angst, ich werde jetzt weder in eine staatsrechtliche Betrachtung polizeilicher Arbeit abschweifen noch über Form und Inhalt unseres wirklich ziemlich hervorragenden Grundgesetzes schwafeln. Ich las bloß, dass einem Bundespolizisten vorgeworfen wird, einen Flüchtling misshandelt zu haben. Und darüber geriet ich ins Grübeln. 

Gestern Morgen, als ich zum Frühdienst kam, hatte der Nachtdienst Gefangene gemacht. Drei junge Männer saßen in den Zellen. Einer, der zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden war. Nun war er den Auflagen nicht nachgekommen und würde ins Gefängnis müssen. Der Kerl war sehr kooperativ, freundlich und hatte deshalb auch von der Kollegin schon etwas zu Lesen bekommen, gegen die Langweile. In dem kargen Raum mit den grauen Betonwänden und der Gummi-Matratze, ohne Uhr, ohne Ausblick und ohne Kontakt zur Außenwelt kann die Zeit schon lang werden.

In Zelle Zwei begrüßte mich unhöflich und kurz angebunden ein Mann, der auf einem Volksfest eine junge Frau mit einem Messer bedroht hatte. Da man annahm, er sei nicht (nur) kriminell sondern auch ziemlich verwirrt, stand ihm eine psychiatrische Untersuchung bevor. Mir war der Typ nicht ganz geheuer, denn ich wusste von seinen Stimmungsschwankungen und seinem Hang zur grundlosen Angriffslust. Also blieb ich skeptisch und quatschte mit ihm nur das Nötigste.

Gast Nummer drei war sturzbetrunken mit drei Promille nach einem Saufgelage bei uns gelandet, nachdem er versucht hatte, die Kollegen zu treten und ihnen Kopfnüsse zu geben. Auch ihn kenne ich schon seit Jahren. Eigentlich war er immer ganz gut zu beruhigen. Diesmal allerdings maulte er mich sofort an, dass er mir auf die Fresse hauen und mich dann anzeigen werde. Naja. Vielleicht würde er seine Meinung nochmal überdenken, wenn er zwei Promille weniger hat. So lange durfte er noch ein bisschen weiterschlafen.

Man macht sich nicht immer klar, was es bedeutet, „die Zellen voll“ zu haben. Man packt die persönlichen Gegenstände der Gefangenen in praktische kleine Kisten, lässt die Gefangenen Schuhe und Jacken ausziehen, durchsucht sie mehr als gründlich und schließt die Tür ab. Spätestens dann sind sie ausgeliefert. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass ihnen nichts passiert, dass man ihnen zwar die Freiheit nimmt, aber die Würde lässt; dass man ihnen ermöglicht, zur Toilette zu gehen, sich zu waschen oder einen Becher Wasser zu trinken.

Klar, alle Drei waren völlig zu Recht bei mir. Versteht mich nicht falsch. Ich habe kein Mitleid und auch kein Problem damit, die Schlüssel hinter ihnen umzudrehen.  Aber mir ist klar, dass diese Menschen mir ausgeliefert sind. Und dass es bei allem Frust über vollgepinkelte Zellen, über Beleidigungen und Provokationen immer Grenzen geben muss. Wir müssen uns beherrschen können. Immer.

Wenn an dem, was durch die Presse geht, auch nur ein Fünkchen Wahrheit ist, wenn sich wirklich ein Kollege der Bundespolizei derart verhalten und dadurch strafbar gemacht hat, dann gibt es nicht nur ein Opfer. Nicht nur der Gefangene hat unter dem Vorfall zu leiden, sondern auch das Vertrauen in die Polizei. Und ich hoffe, dass diese Geschichte restlos aufgeklärt wird.

 Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

Auch das steht im Grundgesetz. Und das zählt für den Bundespolizisten genau so wie für seinen Gefangenen. Ich bin überzeugt, dass man ihn nicht schonen wird, wenn die Ermittlungen zeigen sollten, dass er sich tatsächlich so aufgeführt hat, wie es die Pressemeldungen befürchten lassen.

Denn:

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.

Jeder Polizist hat einen Diensteid geleistet. Ich kann mich noch sehr gut an den Tag erinnern. Fein rausgeputzt, einigermaßen stolz und mit erhobenen Fingern stand ich da und hörte mich sagen: „Ich schwöre, dass ich das mir übertragene Amt nach bestem Wissen und Können verwalten, Verfassung und Gesetze befolgen und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde.“ Meine Eltern haben ein bisschen applaudiert, und dann lag es irgendwann an mir, diese Zeilen mit Leben zu füllen. 

Vielleicht hätte man den einen oder anderen Kollegen mal zwischendurch daran erinnern sollen.

Die Kollegen, mit denen ich bisher zu tun gehabt habe, haben jedenfalls ihr Bestes dazu getan, entsprechend zu handeln.  Hier ist jedem klar: es gibt keinen Platz für Übergriffe und Gewalt.

Und wenn es unter uns schwarze Schafe gibt, die ihre Macht über Menschen nutzen um an der Gewaltenteilung vorbei zu versuchen, Richter und Henker nach irgendwelchen kruden Vorstellungen von Recht und Unrecht zu sein, oder die sich womöglich aus purer Lust an Gewalt an ihrem Gegenüber vergreifen, dann möge man sie aussortieren, bevor sie ihren Gefangenen noch mehr schaden können, und noch dazu dem Ansehen der gesamten Polizei. Denn wir alle werden es am Ende ausbaden. Wir sind auf das Vertrauen der Menschen angewiesen. Wir werden es nicht aufs Spiel setzen. Wir sind ein bunter Haufen verschiedener Typen, der mit „Kollegen“, die sich an Schwächeren vergreifen, rein gar nichts zu tun haben will.

11 Gedanken zu “Macht

    1. Oha. Nein.
      Ich bin von Herzen dagegen und möchte bitte, dass jeder ist, wie er ist.

      Eine Horde leicht mopsiger, zeitweise übertrieben strenger, meist zur Spießigkeit neigender Polizistinnen wäre keine gute Idee.

      😉

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  1. Je mehr man von dieser Wache hört, umso mehr drängt sich mir der Gedanke auf, dass da ganz extrem was schief gelaufen ist – wer lässt sich die (angeblich sogar entsicherte) Waffe an den Kopf halten und sagt hinterher nichts? Wer schaut da als Kollege zu? Wer meldet nicht gleich die erste Whatsappnachricht? So ein Verhalten erwartet man (allerhöchstens) von pubertierenden Zehntklässlern, die sich cool vorkommen, aber doch nicht von erwachsenen Menschen, die noch dazu bei der Polizei arbeiten? Aber von dieser Wache auf „die Polizei“ zu schliessen wäre falsch – es zeigt sich eben wieder einmal, dass es überall Idioten gibt, die eine zeitlang durchs Raster fallen. Danke, dass Sie so sind wie Sie sind. 🙂

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  2. kerrha

    Dein post spricht mir aus dem Herzen. Genau das ist das Problem mit der Macht, dass sie zum Mißbrauch verführt. Und wenn die soziale Kontrolle in der Dienststelle aus welchen Gründen auch immer nicht (mehr) funktioniert, können solche Machtmißbräuche entstehen…………………….

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  3. Anna

    Ich habe das Blog erst jetzt entdeckt, bei dem Thema möchte ich allerdings auch nach der Zeit einen Kommentar abgeben.

    Ich komme aus einer ländlichen Gegend in der in den 80er und 90ern bei der lokalen Polizei wirklich nicht alles im Reinen war (übersteigerte Machtanwendungen und recht radikale Maßnahmen bei Jugendlichen die abends zu spät auf der Straße angetroffen wurden). Als Kind wurde mir Mitte der 80er schon vermittelt dass man Kontakt mit der Polizei auf jeden Fall vermeiden sollte, die Polizei war der Schwarze Mann der die bösen Kinder holt. Der Standpunkt war, wenn ein Polizist es will kann er einem alles antun, man hat keine Chance. Zum Abschluss der Volksschule hat die Klassenlehrerin uns auf den Weg gegeben das wir alles werden könnten, nur ihr bitte nicht die Schande antun und Polizist werden.
    Ende der 90er wurde das Problem in der lokalen Wache gelöst… mindestens 1 Polizist war wohl in einen Waffenhändlerring verstrickt (nein ich scherze nicht)

    Mein persönliches Problem ist dass diese „schwarzen Schafe“ und die Reaktion der Gemeinde dazu geführt hat dass ich an Phobie grenzende Angst vor Polizeikräften habe, eine Verkehrskontrolle kann schon mal dazu führen dass mir vor Angst schon mal die letzte Mahlzeit wieder hochkommt.
    Da diese Reaktion doch recht ungewöhnlich ist 😉 hat das schon mindestens einmal dazu geführt dass als ich frisch in eine neue Bleibe gezogen war (vorher leerstehendes Häuschen) und die Nachbarn besorgt Einbrecher vermutet haben die wahrscheinlich anfangs durchaus angemessen vorgehenden Beamten die Situation einer vor Angst recht verwirrten jungen Frau im Nachthemd falsch gedeutet haben und sie es nicht bei der Kontrolle von Ausweis und Meldebestätigung belassen haben sondern das gesamte Haus (ohne Ergebnis) durchsucht haben während ich im Dezember barfuß im Garten gestanden bin….. Die Reaktion der Beamten war verständlich aber für mich nicht gerade angenehm.

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  4. Ich hab übrigens neulich auch noch einmal an diesen Artikel gedacht. Nämlich als ich den Bericht über die Verurteilung eines Polizisten gelesen habe, der bei den Blockupy-Protesten auf einen Demonstranten eingeprügelt hatte: http://www.fr-online.de/frankfurt/blockupy-demo-pruegelnder-polizist-verurteilt-,1472798,31294210.html Nicht dass wir uns falsch verstehen: Das waren schlimme Krawalle und jeder einzelne Randalierer soll zu empfindlichen Strafen verurteilt werden. Schön aber auch zu wissen, dass es nicht überall wie in dem Fall aus deinem Artikel läuft, sondern dass woanders auch die Kontrollmechanismen innerhalb der Polizei greifen.

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  5. Almuth

    Zum Thema ‚Angst vor der Polizei (bezugnehmend auf obigen Kommentar, nicht auf den Eintrag selbst): Es gibt ja durchaus Leute, die das haben- und das vielleicht aus Gründen, die nicht sofort ersichtlich sind.
    Wenn man z. B. (was ja auch bei ’normalen‘ dt. Staatsbürgern vorkommt) tw. im Ausland lebt oder aufgewachsen ist, verbindet man mit (polizeiähnlichen) Uniformen im Allgemeinem nicht immer und überall (und v. A. nicht in Stresssituationen) etwas Positives. Auch wenn einem das vom Verstand her klar ist- die Emotionen sind eben meist doch schneller.
    Oder wenn allein die Präsens dieser Berufsgruppe sehr schlechte Gefühle in einem auslöst- weil sie einen nämlich an mehrere sehr schlimme Ereignisse erinnert (wo niemand etwas falsch gemacht hat, sondern ganz im Gegenteil) Man möchte sich eigentlich gern bedanken- und traut sich doch nicht…

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  6. Lisa

    Der Post ist eine Weile älter, aber ich habe trotzdem irgendwie noch das Bedürfnis, zu kommentieren.
    Danke erstmal für den sehr schönen Blog, es macht Spaß hier zu lesen 🙂
    Ich habe einige Bundespolizisten im Freundeskreis. Und manchmal höre ich da Sachen, die mich sprachlos machen. Wenn es da ein schwarzes Schaf gibt, dass sich wieder und wieder Diszis wegen verschiedenster Fehltritte einhandelt, aber am Ende nichts dabei raus kommt, und Vorgesetzte augenscheinlich die Akte nicht lesen, sogar Kommentare bringen wie „Wir brauchen mehr Leute wie Sie“- dann bin ich fassungslos. Manchmal versagt offenbar die zuständige Führungsebene – und die Kollegen selbst sind nicht glücklich damit. Bei besagtem schwarzen Schaf frage ich mich, ob er als aktives Gewerkschaftsmitglied (!) irgendwie unantastbar ist. Anders kann ich mir das kaum erklären.
    Naja, in der (großen) Dienststelle werden auch Sachen gestohlen… Manchmal mag man an der Menschheit verzweifeln, wenn ausgerechnet Polizisten so drauf sind.

    Umso lieber lese ich von den netten, menschlichen Polizisten, den echten Freunden und Helfern, an die ich trotzdem glaube. Euch ein Danke!

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