Von Messern, Hunden und Dämonen

„Bitte was hat die Frau gemacht? Ich habe die Leitstelle nicht richtig verstanden!“ vergewissert sich die Kollegin neben mir, während ich den Streifenwagen wende und Blaulicht und Martinshorn einschalte. „Die hat erst ihren Hund erstochen und dann sich, und dann ist sie nach Hause gegangen… weil ihr ein Dämon in ihrem Hund erschienen ist.“ – okay, ganz so war es vermutlich nicht. Aber das ist, was ich verstanden habe. 

Wir sprechen uns kurz ab. „Hast du die Schutzweste drunter?“ – „Ja?! Ok.“ – „Wenn da wirklich ’n Messer im Spiel ist, werd‘ ich sicher nicht ewig diskutieren…erst recht nicht mit so ’ner Verwirrten, die ’se kommen sieht!“ – Eigentlich denken wir nur laut, denn wir sind uns einig. Einsätze mit Messerträgern sind generell riskant. Wenn dann auch noch Dämonen im Spiel sind, macht es die Sache nicht besser. Aber wer einem Polizisten mit einer Klinge in der Hand gegenübertritt, ob mit oder ohne Dämon, der sollte sich im Klaren darüber sein, was er tut.

Wir fahren erstmal in die Wohnung der Melderin und klopfen die Fakten ab. Die verwirrte Nachbarin – sie wohnt ein paar Häuser weiter – kam unangekündigt samt Hund zu Besuch. Sie war völlig aufgeregt, redete wirr, ein Dämon sei in ihren Hund gefahren. Die Besuchte verstand nur Bahnhof. Auf einmal griff die Verwirrte in die nächstbeste Küchenschublade, nahm sich ein Gemüsemesser und stach sofort ihrem bis dahin geliebten, alten Hund in den Bauch und anschließend sich selbst in die Brust. Dann ließ sie eine völlig verstörte Wohnungsinhaberin und das Messer zurück und verschwand mit dem verletzten Hund genauso so eilig, wie sie gekommen war, wieder nach Hause.

Auf dem Teppich ist Blut. Das Messer ist verbogen und die Feuerwehr ist gerade an der Adresse der Dämonisierten. Wir fahren auch schnell hin. Die Feuerwehr treffen wir vor dem Haus. Nach einer zweiten Absprache – inzwischen sind wir zu fünf Kollegen – stehen wir vor der Wohnungstür. Mehrparteienhaus. Obergeschoss. Einfache Wohnungen. Der Flurboden ist gekachelt. Die Wände sind zumindest augenscheinlich massiv. Die Wohnungstür liegt schräg vor uns und ich habe die Ahnung, dass die Dame uns hat kommen sehen. Sie weiß jetzt, dass wir vor der Tür stehen. Und sie weiß, dass wir was von ihr wollen. Zwar wollen wir nur sichergehen, dass man ihr aus ihrer ganz offenbar akuten psychischen Störung hilft. Aber wer sagt uns, dass in ihrer Welt nicht nur der Hund gerade von Dämonen befallen ist… sondern… wir vielleicht…

Zwei Typen Mensch können mir ernsthaft Kopfschmerzen bereiten. Solche, die meinen, nichts mehr zu verlieren zu haben und solche, wie unsere Kundin hier, die den Überblick verlieren und nicht mehr wissen, was sie tun. Wo Argumente nicht helfen und Messer im Spiel sind, da steigt die Anspannung.

Noch während wir uns kurz absprechen, wie genau wir je nach Lage vorgehen werden, schafft unsere Kundin Fakten und öffnet die Wohnungstür. Unsere Gespräche verstummen. Ein Kollege und ich ziehen die Dienstwaffen. Ich bin bis in die letzte Faser angespannt. Aber es läuft nach Plan. Sie folgt unseren Anweisungen, kommt hervor und zeigt ihre Hände. Puh. Alles sicher.

Kurz darauf können die Kollegen die Dame an die Rettungskräfte übergeben. Sie ist, genau wie ihr Hund, offenbar nur oberflächlich verletzt und scheint, auch genau wie ihr Hund, mit der Situation völlig überfordert.

Nach einer Weile des Wartens und Organisierens sind beide in guten Händen. Sie in der Klinik, der Hund bei der Nachbarin.

Als wir gemeinsam mit dem Ordnungsamt noch auf den Tierarzt warten, erzählt der Kollege von ähnlichen Einsätzen. Von Messern, Verwirrten und davon, dass für uns die Einsätze bisher immer glücklich endeten. „Ich möchte mit Ihnen trotzdem nicht tauschen.“ schüttelt der Ordnungsbeamte den Kopf: „Das wäre nichts für mich!“ – „Och,..“ erwidere ich: „…ich würde mich nie beschweren über sowas. Ich habe mir den Job ja ausgesucht. Ich wusste ja, was alles passieren kann…“ Vermutlich hält der Ordnungsbeamte uns jetzt für besonders risikobereit. Oder mutig. Vielleicht hat er sogar ein bisschen Recht.

Aber um sein Bild nicht zu zerstören sollte er besser nicht sehen, wie ich gerade unter Vorhalt eines Wanderschuhs, eines alten Handtuchs und einer eingerollten Zeitschrift die mehrere Millimeter große Spinne entsorgt habe, die hinter dem Schreibtisch an der Wand lang krabbelte.

Auf Verwirrte mit Messern fühle ich mich irgendwie besser vorbereitet.

Ein Gedanke zu “Von Messern, Hunden und Dämonen

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