Chancentod

Weisst du noch, früher, im Supermarkt; du standest da, mit zwei Schokoriegeln in der einen und einem Überraschungsei  in der andern Hand, und versuchtest eilig beides über den viel zu hohen Rand in den Einkaufswagen zu wuckern, als plötzlich Mutti kam.  Mist. Eine mehrstündige Diskussion brach los, über Schokolade an sich, die angemessenen Tagesration pro Kleinkind und die Frage, wer in diesem kleinen Familienunternehmen eigentlich Prokura hat.

Am Ende lagst du heulend bäuchlings vor dem Süßwarenregal, wurdest unter den Arm geklemmt und ins Auto bugsiert. Ohne Schokolade. Nächstes Mal solltest du besser vorbereitet sein. Nur ein Schokoriegel pro Hand. Oder vielleicht erwischtest du Mama dabei, wie sie Lakritze unter dem Gemüse versteckte. Oder sie probierte Schuhe an. Bevor du das Papa petztes gabs sogar zwei Überraschungseier. Und das Mickey Maus Heft. Jackpot.

So weit ist unser heutiger Kunde noch nicht. Jetzt steht er da, mitten in der Nacht, gefesselt bäuchlings über die Motorhaube des Streifenwagens gebeugt. Der Mann um die 40 hat ordentlich getankt. Vermutlich in der Kneipe gegenüber. Dann hat er sich in sein Auto gesetzt, den Schlüssel ins Zündschloss gesteckt und ist eingepennt. Ob das der Plan war, oder ob unser leicht missmutiger Kunde eigentlich die fünf Minuten nach Hause schippern wollte, bevor das Sandmännchen kam – wir wissen es nicht, aber wir können es uns denken. „Eh! ‚Chwollte nich fah’n. Wklch nich! Leeeuuuute. Macht ma‘ die Acht ab!“ – „Nein!“ Oha. Der Kollege spricht Klartext: „Die Acht bleibt dran. Kommen Sie mal ’n bisschen runter. Und wenn die Kollegin sagt, dass jetzt nicht geraucht wird, dann wird jetzt nicht geraucht. Basta!“ „Maaan. Nur weilch eine rauchen will. Ihr stellt euch an. Echt.“ Sein Körper hat sich entspannt, wir lassen ihn sich umdrehen. Von vorne sieht es aus, als habe er rentnermäßig lässig seine Hände auf dem Rücken verschränkt. „Lass’n Deal machen!“ schlägt er vor. Wir müssen ein bisschen schmunzeln, über die Tatsache, dass er uns, gefesselt und gerade wieder losgelassen, so großherzig Geschäfte anbietet: „Lass’n Deeeaaal machen! Ihr macht’ie Acht ab und dann krichich ’n Autoschlüssl. Dann geh ich! Ich wohn‘ ja da!“ In der Richtung, in die er zeigen möchte, wohnt er nicht. Seinen Autoschlüssel wird er nicht bekommen, bevor er grob geschätzt ein Promille weniger hat. Ich fürchte, aus diesem Deal wird nichts. „Passen Sie auf. Wir machen einen anderen Deal: Wir behalten den Autoschlüssel bis Sie morgen früh nüchtern sind und rufen Ihnen ’n Taxi. Wir haben einfach keinen Bock, dass Sie jetzt ’ne Stunde pennen und dann die blöde Idee haben, doch zu fahren. Das wird doch nix…“ 

„Nä! ‚chnehm kein Taxi. Geh’ch hal’zu Fuß!“ Unser Gegenüber bleibt hartnäckig, aber den Autoschlüssel haben wir schon. Sein Portmonee und ein bisschen Krempel aus seinen Taschen liegt noch auf unserer Motorhaube. Ihm wird es nicht passen, aber er kann jetzt seinen Kram nehmen und nach Hause gehen. „Seien Sie vernünftig, reißen sich ein bisschen zusammen und gehen nach Hause. Gefesselt haben wir Sie gerade schon, wir wollen Sie nicht auch noch mitnehmen müssen…“ – „Dürfen Sie gar nich‘!“ Es enspinnt sich ein Ping-Pong-Dialog: „Doch. Dürfen wir!“ – „Nein!“ – „Doch. Und wir machen das auch!“ – „Dann will’ch jetzt erstmal alle eure Dienstnummern!“ – „Sowas gibt’s in NRW nicht, ich sage Ihnen meinen Namen. Passen Sie auf!“ Der Kollege buchstabiert ihn sogar. „Ich will aber die Dienstnummern.“ Man könnte meinen, er stampft gleich mit dem Fuß auf oder wirft sich trommelnd auf den Boden. Nur ohne Schokoladenei in der Hand. „Ich. Will. Die. Dienstnummern.“ Nun versucht auch ein zweiter Kollege sich an einer Erklärung mit anderen Worten. Vergebens. „Passen Sie auf: Sie gehen jetzt nach Hause ins Bett; wir fahren; den Schlüssel behalten wir bis morgen früh, okay?“ – „Vo’wegen.“ Erwidert er ziemlich genervt: „Alles rechtswidrig! Rauchen darf’ch jawohl. Un’den Schlüssel hol’ch auch gleich ab. So. Und… (Pause. Ihm scheint ein Licht aufzugehen) Wo sind üb’haupt eure Polizeihüte???

Wir müssen ein bisschen lachen. Situationskomik. Er muss jetzt dringend iiirgendwas an unserer Entscheidung finden, das er rechtlich angreifen kann. Irgendwas muss doch da sein. Was das Rauchen und das Sicherstellen des Schlüssels angeht, scheint er seine Felle schwimmen zu sehen. Aber jetzt hat er uns, jetzt sind wir am A*s*h: wir haben keine Hüte auf. Verdammt.

„Reißen Sie sich zusammen und gehen Sie. Wir kommen hier heute auf keinen Nenner mehr!“ unterbinden wir jede weitere Diskussion und verabschieden uns. Rauchen darf er dann jetzt auch wieder, und endlich nach Hause gehen. Er ist ein freier Mensch.

Ich wette, in vielen Streifenwagen des Landes hätte er sich jetzt schon hinten rechts wiedergefunden. Ich hätte es keinem Kollegen übelnehmen können. Unsere Geduld neigte sich allerdings auch dem Ende zu. Aber so hatte er ja den Absprung gerade noch geschafft. Sein Glück (oder Pech?) war, dass die Wache nur 500m entfernt auf seinem Heimweg lag. Was sprach also dagegen, schnurstracks hin zu torkeln und den Wachhabenden so lange von der Arbeit abzuhalten, bis er sich nach einem überdeutlichen Platzverweis auf dem Gehweg wiederfand? Bloß: irgendwie musste doch an den Schlüssel und die Dienstnummern zu kommen sein… Schließlich war das doch alles rechtswidrig. Die Beamten hatten ja ihre Hüte nicht auf. Also entgegen aller Warnungen und Platzverweise flux wieder reingewankt in die Amtsstube, und den Wachbetrieb so penetrant  gestört, bis man ihn dann schlussendlich doch wieder beachten musste. Ich habe selten so unnachgiebige und beratungsresistente Menschen getroffen wie unseren Mr. Chancentod. Aber schließlich hatte er bisher weder unsere Dienstnummern, noch war der Fauxpas mit den fehlenden Hüten ausreichend diskutiert.

Wo Mutti ihn nun früher kommentarlos ohne Schnuckerkram  aus dem Supermarkt manövriert hätte, schoben wir ihn am Ende der kleinen Machtprobe dann doch noch in die Zelle. Hier konnte  er seinen Rausch ausschlafen – bestimmt  bequemer als im Auto. Und am nächsten Morgen durfte er dann auch direkt den Schlüssel wieder mitnehmen.

Bloß hätte er die Zeit dazwischen auch durchaus im eigenen Bett verbringen können, wenn er einfach eine der 1000 Chancen genutzt hätte, dorthin zu verschwinden. Also: wenn eine handvoll Polizisten euch demnächst zehnmal anrät, doch besser jetzt zu gehen, fragt nicht nach Dienstnummern. Und erst recht nicht nach Polizeihüten.

Die Dinger heißen „Dienstmütze“.

2 Gedanken zu “Chancentod

  1. Toto

    Entschuldigung für eine vielleicht nicht so intelligente Frage, aber stimmt es, das man als Polizist(in), bei seinen Amtshandlungen eigentlich immer die Dienstmütze tragen muss!!, weil die Handlung sonst anfechtbar wäre ? Wurde zumindest eine ganze Zeit lang von allen möglichen Seiten behauptet bzw.geäussert

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