Zeit

 Ich hatte letzte Woche Urlaub und war in einem dieser Centerparcs. Einfach mal gar nichts tun, ganze sieben Tage lang. Montags, bei der Anreise, dachte ich noch, die Woche könnte recht lang werden. Ich bin nicht so gut im Zeit vergehen lassen und neige dazu, mich zu langweilen. Am Ende war die Woche dann viel zu kurz – ein seltsames Phänomen: schöne Augenblicke vergehen immer zu schnell. Die Lieblingsband spielt den Abend durch – es fühlt sich an wie ein winziger Moment. Du stellst dich im Freizeitpark gefühlte Stunden in die Warteschlange – die Achterbahnfahrt vergeht wie ein Wimpernschlag. Und je älter ich werde, desto schneller fährt die Achterbahn.

Früher lagen zwischen zwei Weihnachtsfesten ganze Epochen. Zeit genug, die Milchzähne zu verlieren, Super-Mario-Land mehrmals durch zu daddeln und  den Spielzeugkatalog komplett auswendig zu lernen. Mit Preisen. Heutzutage wird mir Mitte März klar, dass ich mich schon ranhalten und die ersten Weihnachtsgeschenke besorgen muss. Nur noch ein paarmal grillen, ein paar Tatorte gucken, ein paar laue Abende auf der Terrasse und schwupp, ist der Sommer  wieder vorüber.

Die innere Uhr kann aber auch anders. Ganz anders. Während der Zahnarzt zum Beispiel zehn Minuten lang nach Karius und Baktus sucht oder man bei der Telekom in der Warteschleife hängt, hält das Teil einfach mal für ’n Stündchen die Zeiger an. Überhaupt hat der innere Zeitmesser wenig Taktgefühl. Je dringender man darauf wartet, dass der Bus, das Gehalt oder die große Liebe endlich kommen möge, desto gemütlicher schlendern die Zeiger weiter. War nicht eben schon viertel nach drei? Was, immernoch Montag? Die Woche ziiieeht sich aber auch wieder. Kennt ihr vermutlich…

Oder, noch schlimmer: habt ihr mal auf die Feuerwehr gewartet? Oder den Rettungsdienst? Ich schon – erfahrungsgemäß brauchen die Jungs und Mädels gefühlt um Stunden länger, je weniger man selbst helfen kann. Ich hasse dieses Gefühl. Dabei sind sie ja tatsächlich meist ziemlich fix zur Stelle. Auf Hilfe warten zu müssen ist einer der beschissensten Zustände, die ich erlebt habe, „getoppt“ nur noch durch das Gefühl, selbst nicht schnell genug helfen zu können. Letztens im Nachtdienst haben sich die morschen Zahnrädchen meiner inneren Analoguhr wieder böse verhakt und die Zeit stand still. Minutenlang. Kollegen hatten es mit einem knasterfahrenen Kriminellen zu tun, der nicht nur besoffen und deshalb total aggressiv, sondern auch noch bewaffnet sein sollte. Sein Plan für die Nacht: „Mit den Bullen abrechnen.“ Ihr könnt euch vorstellen, wie man sich fühlt, nachts in einem Streifenwagen, auf hunderte Meter als Zielscheibe erkennbar, wenn man weiß, dass es jemand auf Polizisten abgesehen hat.

Als wir dann über Funk die Durchsage der Kollegin hörten: „Wir haben das Fahrzeug. Hier oben bei… Warte… Ich muss…“ war die Anspannung auf der Wache förmlich greifbar. Niemand sprach, jeder dachte dasselbe. Verdammt. Wo sind die? Was muss sie? Warum kann sie nicht weitersprechen? Sind die Kollegen ok? Aber am Funk war nichts mehr zu hören, nur diese unerträgliche Stille.

Sekunden vergingen. Vielleicht Minuten, ich kann es nicht sagen. In meinem Kopf war es eine Ewigkeit. Nicht zu wissen, ob Kollegen etwas passiert ist und sie nicht fragen zu können ist wirklich schrecklich. Wieder spielte meine innere Uhr einen ihrer Lieblingsstreiche und zog Sekunden wie Tage hin, bis eine Kollegin sich endlich meldete. Außer Atem war sie und rief nach Unterstützung – aber immerhin: sie meldete sich. Aus allen Richtungen flogen Streifenwagen zum Einsatzort. Es gibt keinen dringenderen Einsatz als Hilferufe von Kollegen. Am Ende waren zwei Kollegen leicht verletzt. Eine Nachricht, die mich immer erschüttert und mir klarmacht, wie gefährlich unser Beruf werden kann.

Am Ende ging aber auch hinter einem Straftäter die Zellentür zu, und die Zeit in der Zelle, die wird sich ganz schön ziehen, so ohne Uhr, ohne Super Mario und ohne Spielzeugkatalog.

5 Gedanken zu “Zeit

  1. Lutz

    Das kann ich mir vorstellen. Ich habe früher(tm), als das noch ging, aus Neugier oft mit einem Scanner das Geschehen in der Nacht verfolgt. So im Bett liegend, Decke über dem Kopf und Kopfhörer auf den Ohren…
    Einmal habe ich so einen Hilferuf mitbekommen, ursprünglich waren es wohl „nur“ zwei Besoffene, die sich in einer Kneipe geprügelt hatten. Aber dann kam die Rückmeldung, das da bestimmt ein dutzend Leute in die Schlägerei verwickelt wären und das sie Verstärkung jetzt gut gebrauchen könnten.
    Ich fand es sehr spannend zu hören, wie viele Wagen plötzlich am Funk waren.

    Gefällt mir

      1. Lutz

        Jetzt mit Tetra ist das ja auch schon deutlich komplizierter geworden. 🙂
        Aber ein paar schöne Sachen hab ich schon mitbekommen, über die ich selbst heute noch schmunzeln muss.

        Gefällt mir

  2. Micha

    Hallo,
    ich bin gerade über einen anderen Blog auf deinen gestoßen und kämpfe mich nun durch die Artikel (übrigens bis hier sehr gut 🙂 ).. daher auch der Kommentar zu diesem „alten“ Artikel:
    Was mich immer schon interessiert: man hört immer wieder, das die Polizei besonders intensiv und mit besonders viel Aufwand einen Täter sucht oder mit besonders vielen Kräften vor Ort ist, sobald ein Polizist selbst das Opfer ist. Nur WARUM? Sind Polizisten schlimmere Opfer als alle anderen Menschen? Ob nun Oma Sieglinde oder Streifenhörnchen Susanne überfallen wird… beide haben diese Gewalteinwirkung sicher nicht verdient. Warum wird nicht bei beiden Opfern mit der gleichen Intensität nach dem Täter gefahndet? Wenn man die Äußerungen mal verfolgt, wird immer wieder … zumindest verbal … auf dicke Hose gemacht, wenn Kollegen betroffen sind. „Aus allen Richtungen flogen Streifenwagen zum Einsatzort.“ – wäre das auch so gewesen, wenn kein Polizist als Opfer beteiligt gewesen wäre? Ich möchte gerne unterstellen, das ich unrecht habe und einfach nur über die Medien ein falscher subjektiver Eindruck vermittelt wird. Ich halte es nur grundsätzlich für bedenklich, wenn der Eindruck entsteht, das es bei den Opfern eine Zeiklassengesellschaft in der Form Polizist / alle Anderen gibt.
    Ansonsten freue ich mich noch auf viele interessante Beiträge in deinem Blog.

    Gefällt mir

    1. Selbst wenn ich angestrengt nachdenken fällt mir nicht so recht ein, wie du zu diesem Eindruck kommen könntest.
      Vielleicht ist es so, dass bei Gewalt gegen Polizisten auch schon mal schwerere Delikte im Hintergrund passieren, derentwegen dann ein besonders großer Fahndungsaufwand betrieben wird. Oder es wird nicht über jede Fahndung medial so berichtet wie in den Fällen, die Polizisten betreffen. Zum Glück erregen Angriffe auf Polizisten besonderes mediales Interesse.

      Ansonsten sag ich einfach mal: Nö. Wüsste ich jetzt nicht, wie das käme.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s