Ins kalte Wasser

Die letzten Wochen hatten leider keine Polizeigeschichten auf Lager, die man hier öffentlich ausbreiten könnte. Deshalb zappen wir heute noch einmal zurück in einen sommerlichen Nachtdienst vor einigen Jahren.


„Der Wagen muss in die Werkstatt! Ich fahr morgen damit in‘ Urlaub!“ Da wäre ich mir anstelle des Beifahrers nicht so sicher. Im Gegensatz zu ihm bin ich aber auch nüchtern und nicht vor ’ner halben Minute mit 70 Sachen vor’n Baum gefahren worden. „Wir kriegen das schon irgendwie hin!“ lüge ich ihn an. Er möchte aussteigen. Dem Fahrer haben wir das gerade verboten. Wäre auch schwierig geworden, immerhin sieht man unter seiner kurzen Hose den linken Oberschenkelknochen aus der Haut ragen. Das hat er allerdings noch nicht gepeilt – die Hormonachterbahn in seinem Kopf verteilt fleißig Freifahrten.

Der Beifahrer scheint zumindest noch alle Körperteile an den richtigen Stellen zu haben. „Ob Sie wollen oder nicht – ich steig jetzt aus. Sach ma… wie sieht denn mein Auto aus? Ach du scheiße!“ ärgert er sich über den Baumstamm, der die Position seines linken Vorderrades eingenommen hat. Ok, ich lasse ihn aussteigen und lotse ihn auf die Wiese neben der Motorhaube. „Das Auto kommt schon wieder in Ordnung!“ schwindele ich weiter und hoffe, dass das auch für den Fahreroberschenkel gilt. „Ich hab extra meinen Kumpel fahren lassen, der ist nicht nüchterner als ich.“ Ganz, ganz toller Plan, hat trotzdem nur bis zu diesem Baum gereicht. Idioten. Aber jetzt ist keine Zeit für Vorwürfe: „Gleich kommt erstmal die Feuerwehr und hilft deinem Kumpel aus dem Auto. Dann sehen wir weiter!“ – diesmal habe ich nicht gelogen. Der Fahrer hat noch immer nicht gepeilt, dass es rein mechanisch seine Tücken haben könnte, aufzustehen. Er bleibt stur: „Ich kann aussteigen. Ich bin fit! Nix passiert!“ Der Kollege hält dagegen, ohne die Worte Oberschenkel, Knochen und matschig zu verwenden. Da hilft nur Smalltalk. Wo wollten Sie denn hin? Wo kommen Sie denn her? Aha. Und was machen Sie morgen? Ach stimmt: der Urlaub. Wo geht’s denn hin? Ach, ans Meer müsste ich auch mal wieder… Macht er gut, der Kollege!

Als der Wagen uns vor ungefähr einer Minute entgegenkam, mit quietschenden Reifen in der Kurve, hätten die Besoffenen sicher auch noch nicht gedacht, dass sie ihren Urlaub erstmal streichen und die nächsten Ersparnisse für’n neues Auto einplanen können. Und den neuen Führerschein…

Die Rettung trifft ein. „Oooooha!“ entfährt es dem ersten Feuerwehrmann, der an dem Fahrzeugwrack auftaucht, beim Blick auf den Fahrer und dessen unübersehbare orthopädische Unzulänglichkeiten am linken Oberschenkel. Dann winkt er Kollegen ran und hat durch seine ernste Mine auch das Interesse des Beifahrers geweckt. Neugierig linst er durch die offene Fahrertür an dem verbogenen Oberschenkel vorbei durch ein Loch im Fußraum auf die umgepflügte Wiese. „Alter!!! Was macht dein Bein?“ noch nach Jahren kann ich diese knappe Erkenntnis im Wortlaut zitieren. Als dem Alten nun dämmert, was sein Bein gerade macht, gehen seine Lichter aus und er wird bewusstlos. Erstmal finito mit Hormonkirmes. Vermutlich auch besser so. Dann frickeln sie ihn da raus.

Im Gegensatz zum Fahrer kann ich mich prima an das Szenario erinnern. Ich sehe das Cabrio vor mir, wie es uns mit quietschenden Reifen entgegenkommt und wie ich Sekundenbruchteile vor dem Unfall realisiere, dass der Wagen nie und nimmer diese Kurve nehmen wird. Dann ein Knall; kurz, dumpf, und gar nicht so blechern, wie ich ihn erwartet hätte. Der Kollege wendet den Streifenwagen, ich rufe die Leitstelle am Funk: „Schickt mal zügig die Feuerwehr in die C_____ Straße. Pkw gegen Baum. Wir verlassen!“ Eine Staubwolke liegt in der Luft. Alles in mir sträubt sich dagegen, auszusteigen. Lebt der Fahrer noch? Welcher Anblick erwartet uns? Mein Hirn hätte gern ein paar Sekunden zum Warmlaufen. Hat es sonst ja auch, wenn wir zu einem Einsatz gerufen werden. Aber was bleibt uns übrig? Diesmal sind wir vor dem Knall da. Ich habe mir das nicht so ausgesucht.

Dafür weiß ich jetzt, wie es Unfallzeugen geht und dass es diesen kurzen Moment gibt, in denen sie sich bewusst dazu entscheiden müssen, zu helfen. Diesen winzigen Augenblick, in dem man am liebsten ganz woanders wäre. Und ich bin in der charmanten Lage, zumindest vom Fach zu sein. Ich habe einen Kollegen an meiner Seite und besitze den kürzestmöglichen Draht zur Leitstelle. Mein letzter Erste-Hilfe-Kurs ist noch nicht lange her und auch sonst fühle ich mich ganz gut vorbereitet.

Und du? Was tust du, wenn plötzlich vor deiner Nase ein Unfall passiert? Vermutlich wirst du auch überlegen, ob du aussteigst. Aber was würdest du von deinen Ersthelfern erwarten? Den Bruchteil einer Sekunde lang wirst du die Welt verfluchen. Du wirst dein Handy raus kramen, die 112 wählen und dann… ja, dann wirst du schon irgendwie klarkommen. Niemand verlangt, dass du Dr. Stefan Frank, Mac Gyver oder den Landarzt gibst.

Gib einfach dein Bestes.


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Falls du dein Erste-Hilfe-Helden-Rucksackwissen nochmal checken möchtest, klick einfach auf das Bild. Viel Spaß!

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