Spätdienst

Wenn ein Versprechen der Polizei-Personalwerbung stimmt, dann der Slogan „Kein Tag ist wie der andere“. Einzelne Einsätze kennt ihr ja schon, ihr habt sicher alle schon mal ne Folge Großstadtrevier gesehen. Ihr seid bereit: ich nehme euch heute einfach mal mit in den Spätdienst.

Ich ziehe mir schnell die Uniform an und rüste mich mit Dienstwaffe, Ersatzmagazin, Pfefferspray und EMS-A aus. Eure Praktikantenaufgabe wäre, nachzusehen, ob unser Streifenwagen vom Frühdienst schon da ist und ob alles im Kofferraum steckt, was wir brauchen. Sonst hol noch schnell frische Akkus für das Alkotestgerät und schau mal, ob noch genügend Pusteröhrchen da sind. Was sagst du? Der Wagen ist noch unterwegs. Setzen wir uns also kurz mit den Kollegen zusammen und werfen einen Blick in die Anzeigen der Vorgängerschicht. Offenbar war es ein ruhiger Morgen und auch in der Nacht ist nichts Herausragendes vorgefallen. Alltagsgeschäft. Ich erledige ein paar Schreibarbeiten und als unser Auto auf der Wache eintrudelt starten wir langsam zu unserer ersten Streife. Irgendwie sind der Kollege und ich heute etwas träge drauf. Auch am Funk ist wenig los. Wir halten hier und da ein paar Autofahrer an, die falsch abbiegen oder ohne Gurt unterwegs sind. Der Spätdienst plätschert vor sich hin. „Erleben wir wohl heute noch was?“ fragt sich  nicht nur der Kollege. Wir werden sehen.

Die ersten Einsätze sind polizeiliche Routine. Los geht’s mit einem Arbeitsunfall. Ein junger Mann hat sich bei Arbeiten auf einem Schrottplatz im Gesicht verletzt, als er eine Rüttelplatte anwerfen wollte. Um herauszufinden, ob in Sachen Arbeitsschutz alles in Ordnung ist kommt in solchen Fällen immer die Polizei. Hier scheint es wohl eine Art Mischung aus Ungeschick und Trottelligkeit des Arbeiters gewesen zu sein. Die Nase ist jedenfalls durch, wächst ja auch wieder zusammen. Wir schreiben später einen Bericht.

Zuerst müssen wir aber zu einer Verkehrsbehinderung. Eine Frau wurde zugeparkt und kommt nicht aus der Einfahrt. Der Falschparker soll immerhin sehr beflissen die Parkscheibe reingelegt haben. Wir werden es nie erfahren. Als wir ankommen sind unsere Melderin und der Parksünder schon weg. Ein bisschen ärgern wir uns; da hätte Madame ruhig nochmal anrufen und uns abbestellen dürfen – so haben wir hier Zeit verschwendet. Naja. Passiert.

Als nächstes steht ein Unfall mit Sachschaden auf dem Programm. Ein Mann wollte auf einer engen Straße dem Gegenverkehr Platz machen, fuhr rechts ran und streifte dabei einen geparkten Pkw. Für sowas gibt’s Versicherungen – wir nehmen den Schaden auf, der Pechvogel wird mit 35.- Euro verwarnt und die dreijährige Tochter des Unfallgegners, die sich nicht so recht traut, mir zuzuwinken, besteche ich mit einem Malbuch. Ohne Hundekekse und Krimskrams, um Kinder versöhnlich zu stimmen fahre ich jedenfalls nicht raus. Die Kleine klammert sich immer noch an Papas Beinen fest und versteckt sich vor mir. Aber sie lächelt. Geht doch. Während der Kollege den Papierkram ausfüllt komme ich mit den Unfallbeteiligten ins Gespräch. Was ich denn da alles am Gürtel mit mir rumschleppe und ob das nicht ein wenig übertrieben sei, wollen sie wissen. „Das brauchen Sie doch hier auf’m Dorf alles gar nicht! Außerdem sieht das ziemlich lästig aus.“ mutmaßt der Herr, der offenbar überzeugt ist, dass es „richtige“ Straftaten nur in der Großstadt gibt. Ich möchte weder auf den EMS-A noch auf die Handfesseln noch auf sonstwas an meinem Gürtel verzichten und bin auch froh, das Funkgerät griffbereit an die Jacke geknuppert zu haben. „Vorbereitung ist alles!“ ist da immer die Zusammenfassung der Tatsache, dass ich mich nicht böse überraschen lassen möchte. Ihr erinnert euch an die Sache mit der Verkehrskontrolle. „Ich hoffe auch, ich brauche den Kram am Gürtel nicht, aber wer weiß… und dann bin ich froh, dass ich ihn hab‘!“ Wir verabschieden uns. Die Versicherungen regeln den Schaden, die Kleine blättert im Malbuch. Einsatzende.

„Ich hab noch einen Unfall mit Sachschaden für euch, an der Kreuzung bei Mc Donald’s!“ schickt die Leitstelle uns weiter. Alles klar. Diesmal allerdings ist der Schaden etwas größer und es stellt sich heraus, dass die Fahrer der beiden ziemlich eingedrückten Autos wohl doch verletzt sind. Zum Glück nur leicht, aber der Schreck sitzt tief. Die Verursacherin weint. Beim Linksabbiegen hat sie  den entgegenkommenden Wagen übersehen, dann hat’s böse gescheppert. Der Feierabendverkehr zwängt sich über die Gegenfahrbahn. Die Feuerwehr fegt Bindemittel über das auslaufende Öl, der Abschlepper schnappt sich die Schrottautos. Wir haben noch ein bisschen mehr Schreibkram vor uns, machen Fotos und nehmen Maße für die Unfallskizze. Langsam habe ich Hunger und der Kollege müsste mal. Hoffentlich haben wir jetzt Gelegenheit dazu, zur Wache zu fahren.

Als wir gerade auf der Wache eintrudeln werden wir wieder rausgeschickt. Auf einem Parkplatz steht ein Auto mit offenem Kofferraum. Freundlicherweise übernimmt eine andere Streife diesen Einsatz – wir kommen zum Schreiben. Nur gegessen habe ich immer noch nicht. Aber es ist schon eine Stunde vor Feierabend, dann gibt’s eben später Zuhause ’ne Kleinigkeit. Bis dahin mache ich den Papierkram fertig.

Oder auch nicht. Wir müssen noch mal los. Ein verwirrter Mann nervt die Nachbarn seit Stunden durch Geschrei, Gepolter und Musik aus seiner Wohnung. Als wir bei ihm ankommen wird uns klar: der bullige Typ, der uns mit offener Hose und vollgepullert nach minutenlangem Klingeln an der Wohnungstür empfängt, könnte uns noch länger beschäftigen. Aus der Bude steigt ein Lüftchen wie im übelsten Bahnhofsklo und wenn ich mir die Badfliesen so anschaue, dann muss ich mich berichtigen. So sauber wie am Bahnhof ist es hier noch lange nicht. Der Kerl hat – und um das zu erkennen brauchen wir keine 10 Sekunden – komplett den Überblick über sein Leben verloren. Eigentlich hat er den Überblick über die Realität verloren. Mir ist nicht ganz klar, ob er uns als Polizisten erkennt, aber als in seinen völlig wirr ausgestoßenen Schreien das Wort „POLIZEI“ vorkommt, halte ich es zumindest für wahrscheinlich. Wir versuchen, ein Gespräch zu beginnen, scheitern aber daran, dass unser Kunde uns weder zuhört noch in irgendeiner Form auf unsere Fragen antwortet. Er schreit in einem Ton, als stünden wir hunderte Meter entfernt und hat dazu auch noch das passende Organ: „Ich bin tot. Genau. Männer. Entnazifizierung. Krüppel. Ausweis. Haschisch. Frau. Nein. Ich lebe oder wer ist das?“ dazu hält er dem Kollegen bedrohlich nah und bis in die letzte Faser angespannt seinen Ausweis ins Gesicht – Wir geben unsere Versuche, ihn zur Ruhe zu ermahnen, irgendwann auf. Antworten gibt es keine. Aber einen Betreuer gibt es, und der sollte sich den Kerl mal genauer ansehen. Das muss doch für ihn selbst nicht auszuhalten sein, und für die Nachbarn auch nicht.

Irgendwie macht der Riese mir Angst. Das Wissen, dass man seinen wirren Kopf mit Worten gar nicht erreicht, die pausenlose aggressiven Schreie und dass er mit seinen Händen ziemlich nah am Gesicht des Kollegen herumfuchtelt, mir passt das alles gar nicht. Wer sagt mir, was in diesem Kopf vorgeht? Wer sagt mir, dass der Typ nicht im nächsten Augenblick grundlos dem Kollegen mit Schmackes eine ballert? Distanz zu halten wäre gut, bloß gibt der enge Wohnungsflur da wenig her. Inzwischen versucht der Typ, den Kollegen aus der Wohnung zu drängen. Ich denke nicht, dass dem Kerl klar ist, was er tut, aber vom Leib halten kann der Kollege ihn sich kaum noch. Als wir wirklich annehmen, dass der Verwirrte jeden Augenblick zuschlagen wird, setzt der Kollege Pfefferspray ein. So irre der Mann auch rüberkommt, wir können nicht riskieren, dass er mit seinen Gerüstbauerpranken einen Wirkungstreffer landet. Ein kurzer Sprühstoß und wir husten, also: der Kollege und ich. Hulk scheint unbeeindruckt von der Würze, ist aber von dem Wasserstrahl im Gesicht irritiert und bleibt stehen. Wir drücken ihn gegen die Flurwand und warten auf Verstärkung. Die Arme des bulligen Typen auf den Rücken zu drehen erfordert einige Mühe. Aber wir haben es nicht eilig. Besser, wir arbeiten zu mehreren und in Ruhe, als jetzt hier irgendwelche Aktionen zu starten und doch noch in Bedrängnis zu kommen. Mit dem EMS-A und ein bisschen Hebeltechnik können wir ihn schließlich fesseln, ohne das ihm oder uns was passiert.

Auf der Wache hört er zumindest zu schreien auf. Auf uns wartet nochmal Schreibkram, diesmal ist danach aber wirklich Feierabend. Zuhause esse ich noch eine Kleinigkeit und habe den Einsatz schon wieder vergessen, bis ich unter die Dusche steige und zu husten anfange. Da war wohl noch Pfeffer in den Haaren.

Morgen habe ich wieder Spätdienst, ich habe keine Ahnung, welchen Kram von meinem Gürtel ich dann so brauche. Lassen wir uns überraschen.

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