allgemeine Verkehrskontrolle

„Leuchten Sie mal nicht so hier rein mit Ihrer Taschenlampe! Sie behandeln mich ja wie einen Schwerverbrecher!“ hält der Kleinwagenfahrer mir vor, den ich zur allgemeinen Verkehrskontrolle angehalten habe. Ich sehe das ein bisschen anders: „Ich bin einfach nur vorsichtig, wir kennen uns schließlich nicht!“ Was der Mann für eine leere Floskel zu halten scheint meine ich vollkommen ernst. Ich kenne ihn nicht, ich weiß nicht, wer mich erwartet. Er ist in der charmanten Lage, sicher zu sein, dass ich ihm nicht ans Leder will. Ans Portmonee, schlimmstenfalls. Bei mir sieht das leider anders aus. Und eben darum bin ich, wie alle vernünftigen Kollegen, erstmal vorsichtig.

Damit ihr zukünftig eine Ahnung habt, wie die Polizei kontrolliert und wie ihr uns die Arbeit erleichtern und die Kontrolle für alle angenehmer machen könnt, gucken wir uns eine allgemeine Verkehrskontrolle mal genauer an. Hinter dir blinkt also „STOPP – POLIZEI“ auf dem Streifenwagendach. Dein Gewissen meldet sich: Hab‘ ich was falschgemacht? Um das rauszufinden such du uns doch einen geeigneten Platz für die Kontrolle. Du fährst vor. Es gibt keinen Grund, jetzt und hier den Anker zu werfen, fahr noch in Ruhe über die Kreuzung und halte rechts an. Wenn da ein Parkplatz ist, eine Tankstelle oder sonst ein Ort neben der Fahrbahn, wäre es natürlich perfekt. Ich fahre lieber noch ein paar Meter hinter dir, als direkt hinter mir die dicken Lkw her kacheln zu haben. Falls du dich nicht auskennst oder du weißt, dass da erstmal keine bessere Stelle ist, fahr einfach rechts ran. Ich hab ja Blaulicht und ’ne Warnweste und ich habe ja beschlossen, dass du anhalten sollst. Ich sichere uns von hinten ab.

Kram nicht hektisch im Auto nach deinen Papieren. Wir haben es nicht eilig. Gerade im Dunkeln: schalte doch erstmal die Innenbeleuchtung und den Warnblinker an, mach die Scheibe runter und warte. Ich komme gleich zu dir ans Fenster, dann sehen wir weiter.

Du wunderst dich, dass ich mit meiner Taschenlampe ziemlich „aufdringlich“ den Innenraum des Autos ausleuchte? Und warum habe ich denn die Hand an der Waffe? Du bist doch völlig harmlos. Ok, vermutlich hast du Recht, aber lass mich kurz die Lage checken. Ich habe schon ziemlich miese Typen angehalten, deshalb bin ich lieber erstmal vorsichtig. Bis ich dich nach den Papieren frage kannst du ruhig die Hände am Lenkrad lassen und abwarten. Wir bequatschen dann, wie die Kontrolle weitergeht, denn (na sowas: in der Uniform steckt ’n Mensch) wir können prima miteinander reden. Ich werde dich bitten, mir zu  sagen, wo deine Papieren sind. Dann weiß ich, warum du im Handschuhfach zu wühlen anfängst, oder unter dem Sitz, oder wo auch immer du deinen Papierkram so aufbewahrst. Wenn du deine Papiere mal vergessen hast ist das übrigens kein Beinbruch. Irgendwie finde ich schon raus, ob du einen Führerschein hast und das Auto versichert ist, die Kontrolle dauert höchstens ein bisschen länger. Du glaubst gar nicht, wie viele Leute wir ohne Führerschein erwischen, also: ohne Fahrerlaubnis.

Wenn du gerade von der Jagd kommst, ein Faible für Messer hast oder aus anderen Gründen irgendwas im Auto liegt, das gefährlich ist oder zumindest wie eine Waffe aussieht: weise mich darauf hin. Das erspart uns beiden ziemlich unangenehme Überraschungen und vermeidet Missverständnisse. Auch das Teppichmesser in deiner Arbeitshose interessiert mich im Zweifel. Wenn du Bescheid sagst weiß ich auch, dass du mich nicht böse überraschen möchtest. Denn bis ich deine Personalien überprüft habe, habe ich keine Ahnung, ob du nicht allen Grund hättest, gleich abzuhauen oder mich sonstwie loswerden zu wollen.

Nimm meine skeptische Art also nicht persönlich! Ich halte dich nicht für einen Schwerverbrecher, ich möchte nur nicht überrumpelt werden, wenn ich es mit einem zu tun habe. Und das weiß ich eben nicht, wenn ich an fremde Autos herantrete. Vielleicht wunderst du dich auch über meinen direkten, ernsten Tonfall zu Beginn der Kontrolle. Ich bemühe mich immer, freundlich zu sein, aber eine gewisse Entschlossenheit auszustrahlen, gerade beim ersten Gesprächskontakt, hat sich bewährt. Diejenigen, die vielleicht mit dem Gedanken spielen, sich der Kontrolle zu entziehen (auf welche Weise auch immer), dürfen ruhig wissen, dass ich ihnen dazu keine Gelegenheit geben werde. Und ich merke ja schnell, dass ich mir bei dir keine Sorgen um meine Sicherheit machen muss. Dann wird sich mein Tonfall entspannen und wir unterhalten uns in Ruhe weiter.

Wenn du aussteigen möchtest, um deine Papiere aus dem Kofferraum zu holen, sag mir, was du vor hast. Vermutlich weise ich dich dann darauf hin, dass du bitte die Hände während der Kontrolle nicht in die Taschen stecken sollst. Du weißt, dass da nichts drin ist. Ich nicht.

Du kannst also, indem wir einfach nur miteinander sprechen, den Verlauf der Kontrolle ziemlich gut beeinflussen. Du musst auch keine Angst vor „amerikanischen Verhältnissen“ haben. Mir ist nichts daran gelegen, dich einzuschüchtern oder wie ein böser Sheriff aus ’nem schlechten Film zu wirken. Ich möchte einfach nur, dass mein Kollege und ich nach dem Dienst sicher nach Hause kommen. Denn zwischen all den freundlichen Menschen kann eben auch der eine sein, der uns ans Leder will. Und von dem möchte ich nicht überrascht werden.

Falls du noch Fragen hast, warum wir dies oder jenes so oder anders machen, dann freue ich mich auf deinen Kommentar, oder du fragst einfach den Kollegen, wenn du demnächst mal angehalten wirst.

Und weil ich häufig daran denken muss, wenn ich über Eigensicherung bei Fahrzeugkontrollen spreche, verlinke ich euch das Video „Random Stop“. Es handelt sich um die filmische Umsetzung einer leider wahren Begebenheit. Deputy Kyle Dinkheller  aus Laurens County, Georgia (USA) wollte 1998 auf seinem Heimweg zu Dienstende noch eben einen Pickup anhalten, der sehr schnell fuhr. In dem Fahrzeug saß ein Vietnam-Veteran, der – einfach, weil er die Gelegenheit hatte – den Kollegen angriff. Die Kontrolle wurde von der Eigensicherungskamera des Kollegen aufgenommen. Daraus ist 2014 ein sehr eindrucksvoller und Film entstanden. Die Grausamkeit des Ganzen erschreckt mich immer wieder. Überlegt also in Ruhe, ob ihr ihn ansehen wollt. Hier entlang geht’s zum Video. Hier findet ihr den entsprechenden Artikel über den Vorfall in der englischen Wikipedia.

11 Gedanken zu “allgemeine Verkehrskontrolle

  1. Das Video ist hart. Soll man sagen typisch USA? Nein, das wäre falsch. Auch hier in Europa und/oder Deutschland rennen reichlich Psychopathen herum. Hoffentlich begegnet ihr niemals so jemanden!
    Bitte schaut dieses Video nur wenn ihr auch die Nerven dazu habe, das ist kein Hollywood sondern real!

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  2. Ein wares Drama für alle Beteiligten!
    Zu diesem extremen Beispiel muss man wissen, das PTSD oder PTBS (Post Traumatische Belastungstörung) erst seit den 80ern als Krankheit angesehen wird, selbst bei uns wurden psyschisch zusammenbrechende Überlebende des ersten und zweiten Weltkriegs noch in den 60ern als Simulanten abgestempelt und noch heute wird es oft als Charakterschwäche gesehen, wenn Menschen mit dem Erlebten nicht zurechtkommen.

    Mehrfach verlangt der Täter erschossen bzw hingerichtet zu werden, das ist so traurig und zeigt eigentlich, dass es hier zwei Opfer gibt, denn die ganze Szenerie passt eher in einen Kriegsschauplatz, neben einer Bundestrasse sieht es aus wie Wahnsinn.

    Ich kann mir das lebhaft vorstellen, man schleppt Jahrelang diese Depression mit sich herum, keiner glaubt einem, die Frau ist in den 80ern schon weggelaufen, seit 96 endliche eine PTSD Diagnose, und dann begegnet man jemanden der nach seiner Waffe greift, der Forderungen stellt und es macht KLICK und man ist wieder im SoldierMode. Adrenalin bis an die Hutschnur und stumpf funktionieren, kill or be killed, wer zögert stirbt….. buah… gruselig!

    Bei uns rennen glücklicherweise lange nicht so viele staatlich ausgebildete Mörder herum die sich gefälligst wieder mit einem ernsten Gesicht in die Gesellschaft zu integrieren haben, und das natürlich ohne staatliche Hilfen. VA (Veteran Affairs) meldet zzt. ca zwei Jahre Wartezeit zur Bearbeitung des ANMELDEBOGENS.
    Na dann: Thank you for your Service!

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    1. Der Umgang mit traumatisierten Veteranen scheint nach allem, was ich weiß, wirklich eine Katastrophe zu sein. Man sieht ja auch immer wieder Berichte über deutsche Soldaten, die sich mit Kriegserlebnissen plagen und lange auf Hilfe warten.
      Auf dieses Thema hatte ich mit dem Beitrag nicht abgezielt, dem Kollegen war in dem Augenblick mit Sicherheit egal, weshalb der Typ plötzlich umschaltete.
      Hoffen wir, dass sich für die Soldaten da noch einiges bewegt und man anerkennt, dass sie eine deutlich bessere Betreuung verdient haben.

      Ich habe bisher den Eindruck, die Polizei macht das etwas besser. Aber zum Glück habe ich auch das nur um x Ecken gehört und bin noch nicht selbst damit konfrontiert worden…

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  3. Micha I

    mal aus Sicht eines Autofahrers:

    ja, ja, die Polizei…….
    Will nicht wissen was die dachten……. fahre so gemütlich vor mich hin und sehe im Innenspiegel die Schrift: Stop Polizei.

    Was mach ich? fahre weiter und denk noch: oh die halten jemanden an.
    Bis es bei mir geklickert hat: wenn ICH das lesen kann, bin ich gemeint und nicht der hinter dem Streifenwagen…..
    Dachte bisher immer, das die Polizei vor dem Betreffenden fährt…. (zuviel Krimi geguckt???)

    Und was mach ich? Nichts blöderes wie rechts ranfahren und aus dem Auto springen…. Macht ja nichts, war nur ne Fahrbahn…….

    Während ich damit beschäftigt war, mein in die Hose gerutschtes Herz wieder hoch zukramen, war die Beamtin locker drauf.

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  4. Pfiffika

    Was ich mich immer wieder dabei frage:
    Wie kann ich dem nachfolgenden Polizeifahrzeug aufzeigen, dass ich nicht abhauen will, sondern nur eine geeignete Stelle zum Anhalten suche?
    Bisher bin ich noch nie angehalten worden; da kann ich mir jetzt vorher Gedanken machen 🙂

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    1. Gute Frage, denn manchmal überlegen wir schon, ob wir überhaupt gesehen worden sind.
      Du könntest zB mit der rechten Hand vor deinem Innenspiegel ein kurzes Handzeichen geben. Oder einmal kurz rechts anblinken.

      Aber das erwartet niemand. Fahr einfach in Ruhe rechts ran. Dass du nicht abhaust merken wir daran, dass du nicht abhaust 😉

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  5. Steuerzahlerin

    Vielleicht ist es noch möglich in den Blog Eintrag aufzunehmen, das ich als Frau bitte höchst wenig anzügliches über mein Äusseres, meine Fahrweise, mein Auto und mein Frau-sein hören möchte.

    Ihren -männlichen- Kollegen ist dieses wohl nicht bewusst gewesen bei den letzten (beanstandungslosen) Kontrollen.

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    1. Das ist schade. Aber vielleicht wäre es hilfreicher, dass denen zu sagen, die es betrifft.

      Ich spreche hier weder für „die Polizei“ noch für einzelne Kollegen, die sich evtl aus Ihrer Sicht unangemessen verhalten haben.

      Und deshalb möchte ich gern hier beim Thema bleiben.

      Das Thema „Fahrweise“ halte ich persönlich in einer Verkehrskontrolle übrigens für ziemlich angemessen. 😉

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