Kleine Jungs – Große Pläne

Die Dame, die rückwärts mit ihrem Kombi gegen die Laterne gefahren ist, hat uns gerade ihre Papiere gegeben. Bevor wir in den Streifenwagen steigen, um die Unfallmitteilungen auszufüllen, werden wir von einer Gruppe kleiner Jungs angesprochen: „Duuuhuuuu…“ – der Bönsel mit dem Schulrucksack ist ein bisschen schüchtern –  „Du, ähm, also. Ich wollte mal wissen, ist Polizei sein eigentlich schwer?“„Nein, eigentlich kinderleicht!“ rutscht mir raus, und während ich überlege, ob ich das eigentlich auch so meine, schiebe ich: „Man muss nur ein bisschen üben!“ hinterher. Weiterlesen „Kleine Jungs – Große Pläne“

Gut geschlafen?!

Heute blicken wir mal zurück auf einen Nachtdienst vor einigen Jahren und drehen eine Runde durch ein Wohngebiet am Stadtrand. Es ist ruhig am Funk.  „Da winkt jemand!“ weist mich der Kollege auf eine Frau hin, die am Gehweg steht. Die Zeitungsausträgerin hält uns an: „Gucken Sie mal, ich hab gerade da vorne die Zeitung eingeworfen. Da steht die Haustür auf. Nicht, dass da was passiert ist. Ich hab mich nicht getraut, zu gucken.“ Weiterlesen „Gut geschlafen?!“

#JeSuisCharlie

Gestern wurden in Paris bei dem Attentat auf die Redaktion des Magazins Charlie Hebdo unter anderem zwei Kollegen im Dienst getötet. In einem Video zu sehen, wie der Kollege rücklings auf dem Gehweg liegt, mit erhobenen Händen um sein Leben fürchtet, und wie er anschließend erschossen wird, hat mich zutiefst betroffen gemacht. Paris war plötzlich sehr nah und ich wollte nicht so recht glauben, was ich sehen musste.

Bei aller Wut uns Sprachlosigkeit über solche Taten müssen wir jetzt besonders Acht geben, wenn Menschen in unserem Umfeld aus dem Verhalten dieser Kriminellen falsche Schlüsse ziehen, die Dinge verallgemeinern und anders aussehende, anders glaubende Menschen generell für irgendeine Form von „Bedrohung“ halten.

Angst ist ein schlechter Berater! Lasst euch nix erzählen!

#JeSuisCharlie

Trickser

„Ich gebe Ihnen jetzt einen Becher für die Urinprobe. Boden bedeckt reicht, nicht vollmachen.“ verabschiede ich unseren Kunden ins nahe Gebüsch. Wir warten. Nichts passiert, bis nach gefühlten zwei Stunden – vermutlich waren es zwei Minuten – schließlich Regen einsetzt. Der junge Mann, dessen weite Pupillen nicht so recht zu seinem angeblich mehrere Jahre zurückliegenden Drogenkonsum passen wollen, verharrt noch immer regungslos in seiner dunklen Ecke.

Wir haben ihn angehalten, nachdem er ein paar Hundert Meter lang recht sportlich versucht hatte, heute Nacht mal besser nicht kontrolliert zu werden. Dann allerdings hatte das Denken wieder eingesetzt. Jetzt steht er hier beim Drogenvortest im Busch und ich werde ungeduldig: „Klappt das noch?“ – „Jaaahaa, Sekunde!“ trällert unser Kunde übertrieben freundlich. Kurz darauf steht er mit dem Becher vor uns: „Gucken Sie mal, ist ein bisschen wenig, aber Sie haben ja gesagt, ein Tropfen reicht!“ 

Ein paar Tropfen hätten tatsächlich gereicht. Aber das hier ist Regenwasser. Was für ein Trickser: „Da ist kein Urin im Becher, ist ja Ihr gutes Recht, uns zu veräppeln… aber wir fahren dann doch jetzt mal zur Wache, da machen wir den Test nochmal. Dann aber richtig.“ So wird’s gemacht, obwohl unser Kunde entschieden vorbringt, eigentlich gerade keine Zeit zu haben. Wir haben aber gerade einen Verdacht. Und dem müssen wir nachgehen. Drogen im Straßenverkehr, gar nicht cool und, wenn es sich bestätigt, ziemlich ärgerlich und teuer für den Fahrer. Genau deshalb hat er ja gerade auch so plump gemogelt.

Auf der Wache also Anlauf Nummer zwei in Sachen Urintest. Diesmal auf der Toilette im Zellentrakt. Wieder steht der junge Mann mit dem Becherchen eine kleine Ewigkeit da. Nichts plätschert. Auf einen Regentropfen zur rechten Zeit hofft er hier drinnen vergebens. Irgendwann kommt die Kollegin mit dem gefüllten Becher ins Büro zurück. Wir müssen schmunzeln. Die kalte, glasklare Flüssigkeit ist doch wieder kein Urin, und das Spülwasser der Toilette wollten wir eigentlich nicht auf Drogen testen.

Ein Arzt muss her. Eine Blutprobe soll zeigen, ob es einen Grund gab für die Bluffs mit den Urinbechern. Die Wartezeit dauert unserem Trickser natürlich deutlich zu lange. Er möchte endlich zu seiner Freundin und hat sich inzwischen festgelegt, zuletzt vor einer Woche und nicht erst vor zwei Jahren gekifft zu haben. Außerdem klagt er immerzu über Durst. „Ich hab immer `n trockenen Mund. Deshalb hab ich immer `ne Flasche Wasser dabei. Sehen SIe mal, wie trocken!“ – „Das kommt vom Kiffen!“ vermute ich und kann mir ein kleines Lachen kaum verkneifen. „Jaaajaaa. Sie haben ja Recht. Ich hab ja auch vorhin `n Joint geraucht!“ Da hätten wir uns auch über eine Stunde Tricksereien sparen können und unser Kunde wäre deutlich früher bei uns weggekommen. Uns soll’s egal sein.

Jetzt ist die Blutprobe auf dem Weg ins Labor, unser Kunde auf dem Weg zur Freundin, ein Stapel Papier auf dem Weg zum Verkehrskommissariat und ich lehne mich nicht weit aus dem Fenster, wenn ich vermute, dass bald ein Führerschein auf dem Weg zum Straßenverkehrsamt sein wird…

Und so lustig das hier auch alles klingen mag, die plumpen Tricks des Fahrers, die lockeren Gespräche, so ernst ist mir das Thema. Über die Legalisierung von Drogen können wir gerne diskutieren. Bei Drogen im Straßenverkehr hört mein Humor auf. Ich denke an die Folgen der Unfälle, an übermütige Fahrer und schockierte Angehörige. Also lasst den Scheiß und spart euch die Tricks.

Am Ende ist der Lappen weg. Zurecht.

Sauerei

„Fahrt doch mal in die _____straße, da steht ein Melder im Innenhof vor einem Blutflecken und weiß nicht, ob das was für uns ist!“ – „Wir finden das raus.“ antwortet mein Streifenpartner zuversichtlich. Klingt nach dem letzten Einsatz für heute. Es ist Sommer, es ist heiß, es ist Samstagmittag und wir haben gleich Feierabend.

Der Melder, der vor dem Haus auf uns wartet, zuckt ratlos mit den Schultern, als wir ihn fragen, was denn vorgefallen sei. „Das müssen Sie sich selbst angucken…“ Na gut. Dazu sind wir ja hier.

Im Innenhof angekommen sinkt meine Kinnlade langsam zu Boden. „Ich glaube, das ist was für uns!“ stellt der Kollege angesichts eines etwa zwei mal zwei Meter großen, matschigen, stinkenden Blutflecks trocken fest. Mitten zwischen den Eingängen eines Jugendzentrums und eines Restaurants trocknet hier ein riesiger Blutkuchen langsam fest. Hier und da liegen Teile von Innereien. „Wo kommt das denn bitte her?“ frage ich mich laut, und wäre nicht im nächsten Augenblick hektisch ein Mann mit einem Eimerchen zu uns gelaufen gekommen, hätten wir wahrscheinlich länger gerätselt.

So kommt schnell Licht ins Dunkel. Ein Spanferkel sollte es geben, anlässlich eines runden Geburtstags. Und weil wir hier auf dem Dorf sind und die Menschen gern tatkräftig zupacken, hat unser Kunde eine ganz simple Erklärung für das, was nach den Folgen eines Massakers aussieht: „Ich hab’ ein Ferkel geschenkt bekommen. Problem war: das lebte noch! Aber ich hab ne große Garage. Dann fiel mir auf, ich weiß ja gar nicht wohin mit den Abfällen. Ich wollte die da hinten in den Bach schütten, ich konnte das Zeug ja schlecht bis Montag in die Garage stellen. Aber hier am Eimer ist der Griff abgerissen. Sehen Sie? Ich hab noch versucht, das mit Wasser weg zu machen…“ –  „…und es dabei ordentlich verteilt…“ unterbreche ich ihn.

„Ja. Die größeren Stücke hab ich mit den Händen zum Bach geschafft.“ So sehen seine Hände auch aus. „Aber das hier kriege ich glaube ich nicht weg.“ Der Meinung sind wir auch.

Die Leute haben schon prima Ideen. Einfach mal in der Garage ein Ferkel schlachten, mit den Innereien im Eimerchen flugs die 500 Meter rüber zum Bach. Samstags mittags, am Jugendzentrum vorbei, mit blutigen Händen… super Plan. Vor meinem inneren Auge sehe ich ihn zufrieden ein Liedchen pfeifend mit dem Innereieneimer in der blutigen Hand und Passanten freundlich grüßend dort entlang schlendern. Was müssen die Menschen gedacht haben?

Da unser Hobbyschlachter inzwischen einsieht, dass er die matschige Misere selbst nicht aus der Welt schaffen kann, bestellen wir die Feuerwehr. Mit reichlich Wasser und kopfschüttelnd entsorgen die Jungs in blau die Reste des toten Schweinchens. Für uns bleibt nur ein bisschen Schreibkram.

Ob und wie der junge Mann für die doch nicht ganz fachgerechte Entsorgung der Innereien belangt wurde, und ob das Spanferkel trotzdem geschmeckt hat, habe ich nie erfahren.

Spätestens beim Anblick der Feuerwehr-Rechnung dürfte dem Gourmet dann aber der Appetit vergangen sein.

Prosit Neujahr

Ich hoffe, ihr seid alle sanft gelandet, habt auf sinnlose Vorsätze verzichtet und Bock auf ein taufrisches, unverdorbenes und spannendes Jahr 2015.
Vielleicht verdaut ihr noch am Fondue von gestern Abend. Da soll ja, wenn man Großmutters Hausmittelchen vertraut, ein Schnaps helfen.
Oder ihr hattet den Schnaps schon gestern und es ging euch ähnlich wie dem jungen Deutschrussen, dessen Bekanntschaft wir gegen 03.00 Uhr machen durften. Das war nämlich so:

Der Mann Anfang 40 sitzt rotzevoll auf russisch vor sich hin schimpfend in seiner Küche auf dem Stuhl. Man könnte auch sagen, er hinge quer auf zwei Stühlen. Das träfe es vermutlich besser. Fest im Arm umschlungen hält er eine Pulle Wodka, als kuschele er liebevoll mit einem Stofftier. Zufrieden sieht er aus, solange er nicht einen Rappel kriegt und lallend etwas zu Boden wirft; nicht, um es zu zerstören sondern einfach, weil er es kann. Launisch, wie er ist, hat er einfach Lust, etwas hin zu schmeißen. Gerade hat er erst wie in Zeitlupe einen Becher umgestoßen. Jetzt versucht er, den Kühlschrank zu Boden zu reißen. Ich finde, dass das nicht unbedingt sein muss und schiebe ihn zurück auf seine Stühle. Man muss es ja nicht übertreiben.
Nach kurzer Diskussion stellt sich raus: der Knilch wird bei uns in der Zelle schlafen, sonst kehrt hier erstmal keine Ruhe ein, und wir müssen befürchten, dass er noch mehr Unfug macht als nur Kühlschränke zu schubsen. Wir bequatschen ihn, er fährt mit, merkt aber eh kein bisschen mehr, was gerade Sache ist. Auf Socken dirigieren wir ihn zum Auto. Die Schuhe holen wir noch, so viel Zeit muss sein.

Um ihn abzulenken pflege ich Small-Talk. Fangen wir mal mit dem Naheliegenden an: „Haben Sie denn schön rein gefeiert? Was gab’s denn zu trinken?“ – „Wuuuuoooodgaaa!“ lallt unser Gast fast ein bisschen erschüttert über diese wirklich blöde Frage. Ich hake nach. Die Antwort kenne ich, aber so bleiben wir im Gespräch: „Und sonst nix? Ich dachte vielleicht mal ein Bier…?!“ – „Biiiieer???“ Oha. Jetzt habe ich ihn beinahe gekränkt. „Biiier kanngaaniiix!“ fasst er zusammen, was Generationen von russischen Wodka-Fans nicht präzisier hätten ausdrücken können.

Bloß nicht zu quatschten aufhören, sonst merkt er nur, dass er gleich in der Zelle sitzt. Also: Themawechsel: „Und was gab’s zu essen? Leckeres Essen zu Silvester?!“ – „Wuuuooodga!“ Na gut. Ich gebe auf. Den Rest der Fahrt lallt er uns irgendwas auf russisch vor. Vermutlich geht es um Wodka.

Wenn er wieder nüchtern ist und nach Hause darf, wird seine Frau ihm schon erklären, dass es noch andere Themen gibt, als sein Lieblingsgetränk…