14 für einen Augenblick

Ich habe jetzt reichlich hin und her überlegt, ob ich diesen Beitrag hier unterbringe oder es lasse, denn schließlich betrifft er mich eigentlich privat. Er spielt sich allerdings im Dienst ab. Wer skeptischen Blicks rüber ruft: „Wie bitte? Privatkram im Dienst?“, dem möchte ich entgegnen: du hast Recht. Aber ich versichere, die Zeit, die ich mit Smalltalk vertrödelt habe, beim Frühstück wieder rausgearbeitet zu haben. Das besagte Brötchen habe ich mir während des nächsten Einsatzes im Stehen reingeschoben. Von der Absperrung habe ich euch ja gestern erzählt. Also: Keine Sorge, ich vergeude eure Steuern nicht mit dauernden privaten Erledigungen. Ach, was rede ich? Lest doch selbst:

Irgendwann letztes (oder war es schon vorletztes?) Jahr stand ich im Supermarkt bei den Milchprodukten und wurde plötzlich förmlich überfallen. Wie aus dem Nichts fiel mir eine Frau um den Hals, einfach so. Dazu, dass ich kein besonderer Fan solcher Aktionen bin, wenn ich die Menschen kenne, kam noch, dass ich erst glaubte, ich sei verwechselt worden. Mit hängenden Schultern und gefühlt am Boden baumelnden Armen harrte ich also jetzt regungslos und ungefragt in den Fängen der Dame aus, die sich ihrer Sache sicher schien.

Als sie mich los ließ, ich einen Schritt zurücktreten konnte und mein Gehirn wieder arbeitete fiel der Groschen. Meine Mathe- Lehrerin! Ich habe 2002 Abi gemacht und damals schon lange nicht mehr bei ihr Unterricht gehabt. Auch sonst wüsste ich nicht, warum man sich an mich als Mathe-Schülerin erinnern sollte, aber die Dame wusste nicht nur, welchen Beruf ich ergriffen hatte, sie wusste auch in welcher Stadt ich wohnte. Erstaunlich.

Nach einem winzigen Smalltalk gingen wir unserer Wege. Ich war komplett verwirrt.

Vor einiger Zeit habe ich zufällig erfahren, wo sie mit ihrem Mann, der einige Jahre mein Französisch- und Erdkundelehrer war, wohnt. In Erdkunde war ich interessiert, in Französisch auch einigermaßen talentiert, aber unter Generationen von Schülern, die Stunde um Stunde ihre Hausaufgaben vortrugen oder sich anfangs der nächsten Stunde vor aller Augen eine Einzelabfrage verdient hatten, war ich auch nur eine von Vielen.

Aus Schülersicht verhielt sich das anders. Die Beiden hatte vielleicht 1000 Schüler, ich aber nur zwei Französisch- und drei Mathelehrer. Ich erinnerte mich prima an die strenge, aber wirklich faire Art der Zwei. Und an ein Blümchen, dass er mir mal unter einen völlig misslungenen Vokabeltest gekritzelt hatte, mit der Notiz „Note 6, toll gemacht, Annika!“. Das hatte ich verstanden und daraus die richtigen Schlüsse gezogen. Am Ende hatte ich Französisch als Leistungskurs muss sagen: ich liebe diese Sprache noch heute.

Im Mathe lief die Sache anders, aber das wird ausschließlich an meinem Mangel an Talent gelegen haben. Ich scheitere noch heute regelmäßig daran, das Fahrtenbuch des Streifenwagens auszufüllen.

Wann immer ich auf Streife bei den Lehrern vorbeifuhr hatte ich irgendwie im Kopf, ihnen mal einen Gruß in den Briefkasten zu werfen. Ich weiß nicht genau, warum. Vielleicht einfach so aus Spaß, vielleicht, um ihnen eine Freude zu machen, vielleicht bin ich übertrieben nostalgisch veranlagt. Oder ich wollte wirklich die Nachricht loswerden, die ich ihnen auf die Rückseite einer Mängelkarte gekritzelt hatte. Die habe ich dann tagelang in meiner Uniform mit mir rumgefahren, denn irgendwie habe ich mich dann doch nicht so richtig getraut, das Ding einzuwerfen. Was sollten denn die Lehrer denken?! Drauf geschrieben hatte ich, dass ich, und das stimmt, viel gelernt habe, bei den Beiden. Weniger Mathe, aber dafür reichlich Französisch und einiges für’s Leben. Eine Erreichbarkeit hatte ich nicht dazu geschrieben. Irgendwie war mir das peinlich und ja auch eigentlich nicht der Plan. Und sie wussten ja, wo ich arbeite. Wenn sie darauf bestanden hätten, hätten sie mich erreicht.

Heute hatte ich Spätdienst.

Hungrig stapfte ich ein paar Stufen zu einer Bäckerei hoch und sah im Augenwinkel einen Kombi auf dem Gehweg parken. „Ganz schön frech“ dachte ich so bei mir, und kurz durchfuhr mich der Gedanke, den Fahrer mit einem kurzen Anpfiff weg zu schicken. Ich entschied mich dagegen. Der Typ wollte sicher auch nur eben zum Bäcker, dann würde ich ihn drinnen auf seine Bequemlichkeit anquatschen. Außerdem störte sein Luxusparkplatz eigentlich niemanden.

Als ich auf mein belegtes Brötchen wartete, betrat der Mann den Laden. Ich hatte mir einen freundlichen, aber bestimmten Falschparker-Anschiss zurechtgelegt, den ich allerdings nicht los wurde. Der Mann kam mir zuvor: „Dich schickt der Himmel! Wir haben echt überlegt, wie wir dich erreichen sollten! Wir haben uns über deinen Zettel gefreut!“ Ich konnte es nicht fassen. Der Französischlehrer. Erst hört man jahrelang nichts voneinander, dann schmeißt man einmal einen Zettel in den Briefkasten und schon schickt einem das Schicksal den Lehrer wenige Tage später zum Bäcker?! Verrückte Welt. Aber wie zur Hölle hatte der mich erkannt? Ich druckste rum, war völlig überfordert und stammelte mir irgendwas zusammen, von dem ich jetzt schon nicht mehr sicher sagen könnte, was ich erzählt habe. Ein Falschparker-Anschiss kam jedenfalls nicht vor. Hoffentlich war mein Geholper nicht ganz so peinlich, wie es mir vorkam. Mit einem bestimmten: „Und hier drauf schreibst du mir jetzt mal deine Handynummer!“ legte der Lehrer mir einen Zettel hin. Klar schrieb ich – Der Lehrer hatte es gesagt. Ich stand da, in Uniform, war für einen Moment wieder 14 und fühlte mich, als müsste ich an der Tafel meine Hausaufgaben vortragen. Mir fiel auf Anhieb noch nicht einmal meine Handynummer ein. Verrückt.

Die Verkäuferin rettete mich, legte mein Brötchen auf die Theke und ich entschuldigte mich ziemlich plump damit, dass ich weiter müsste.

Auf dem Weg zum Streifenwagen flog meine Schulzeit an mir vorbei. Durch meinen Kopf rasten Mathe-Spickzettel und Französisch-Merksätze. Ich weiß noch erstaunlich viele. Besonders den zum participe passé bei Verben mit avoir werde ich wohl nie vergessen, auch wenn ich ihn seit der Mittelstufe nicht mehr gebraucht habe.

Den Rest des Spätdienstes grinste ich vor mich hin.

Und ganz egal, ob die Beiden sich je melden: mir hat die Begebenheit jetzt schon große Freude gemacht.

3 Gedanken zu “14 für einen Augenblick

    1. Ah, ein Kollege! Wie schön! Ich stimme dir zu: die wirklich verrückten, abgefahrenen, überwältigenden, aufregenden und leider auch enttäuschenden und traurigen Dinge „passieren“ uns, Ob wir wollen oder nicht. Wir stehen da, genießen, gucken zu und müssen manchmal auch einfach da durch…

      Vielen Dank für deinen Kommentar! Hat mich gefreut, nicht nur, weil du der Erste bist, der mir hier Rückmeldung gibt. Das hat mir gefallen, Kollege!

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  1. Ich habe Deinen Blog erst vor kurzem gefunden und lese mich jetzt so durch – bei diesem Artikel habe ich als Tochter eines Lehrers das Bedürfnis, Dir zu antworten – mein Vater hat in 32 Jahren an 4 verschiedenen Schulen unterrichtet und war SEHR engagiert. Seine Schüler haben ihn als strengen, aber (meistens) gerechten, Lehrer geschätzt, der sich auch ausserhalb der Schule für seine Schüler interessiert hat – wir hatten einige Schüler bei uns zu Hause am Esstisch sitzen, die ihn um Hilfe beim Ausfüllen der Uniformulare gebeten haben und einige ältere Schüler haben sich auf Parties mir gegenüber aufgeführt wie grosse Schwestern und Brüder (was z.T. ganz praktiksch war, weil ich immer nach Hause kam, aber nie übermütig sein konnte…). Mein Vater kann uns heute noch, 6 Jahre nach seiner Pensionierung, die Sitzordnungen der einzelnen Klassen aufzählen. Er weiss, welche Schüler zu Hause welche Probleme hatten, wer gut in der Schule war und wer nicht, kennt die Geschwister und auch sonst viel. Ganz selten, dass ihm, den viele „Papa Bär“ nannten, mal ein Name entfällt, den im Grunde waren seine Schüler auch seine Kinder und so nimmt er noch heute Anteil an ihrem Leben – nur um den Hals ist er (glaube ich) noch keinem gefallen. 🙂 Schön, dass Du auch solche Lehrer hattest!

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