Trickser

„Ich gebe Ihnen jetzt einen Becher für die Urinprobe. Boden bedeckt reicht, nicht vollmachen.“ verabschiede ich unseren Kunden ins nahe Gebüsch. Wir warten. Nichts passiert, bis nach gefühlten zwei Stunden – vermutlich waren es zwei Minuten – schließlich Regen einsetzt. Der junge Mann, dessen weite Pupillen nicht so recht zu seinem angeblich mehrere Jahre zurückliegenden Drogenkonsum passen wollen, verharrt noch immer regungslos in seiner dunklen Ecke.

Wir haben ihn angehalten, nachdem er ein paar Hundert Meter lang recht sportlich versucht hatte, heute Nacht mal besser nicht kontrolliert zu werden. Dann allerdings hatte das Denken wieder eingesetzt. Jetzt steht er hier beim Drogenvortest im Busch und ich werde ungeduldig: „Klappt das noch?“ – „Jaaahaa, Sekunde!“ trällert unser Kunde übertrieben freundlich. Kurz darauf steht er mit dem Becher vor uns: „Gucken Sie mal, ist ein bisschen wenig, aber Sie haben ja gesagt, ein Tropfen reicht!“ 

Ein paar Tropfen hätten tatsächlich gereicht. Aber das hier ist Regenwasser. Was für ein Trickser: „Da ist kein Urin im Becher, ist ja Ihr gutes Recht, uns zu veräppeln… aber wir fahren dann doch jetzt mal zur Wache, da machen wir den Test nochmal. Dann aber richtig.“ So wird’s gemacht, obwohl unser Kunde entschieden vorbringt, eigentlich gerade keine Zeit zu haben. Wir haben aber gerade einen Verdacht. Und dem müssen wir nachgehen. Drogen im Straßenverkehr, gar nicht cool und, wenn es sich bestätigt, ziemlich ärgerlich und teuer für den Fahrer. Genau deshalb hat er ja gerade auch so plump gemogelt.

Auf der Wache also Anlauf Nummer zwei in Sachen Urintest. Diesmal auf der Toilette im Zellentrakt. Wieder steht der junge Mann mit dem Becherchen eine kleine Ewigkeit da. Nichts plätschert. Auf einen Regentropfen zur rechten Zeit hofft er hier drinnen vergebens. Irgendwann kommt die Kollegin mit dem gefüllten Becher ins Büro zurück. Wir müssen schmunzeln. Die kalte, glasklare Flüssigkeit ist doch wieder kein Urin, und das Spülwasser der Toilette wollten wir eigentlich nicht auf Drogen testen.

Ein Arzt muss her. Eine Blutprobe soll zeigen, ob es einen Grund gab für die Bluffs mit den Urinbechern. Die Wartezeit dauert unserem Trickser natürlich deutlich zu lange. Er möchte endlich zu seiner Freundin und hat sich inzwischen festgelegt, zuletzt vor einer Woche und nicht erst vor zwei Jahren gekifft zu haben. Außerdem klagt er immerzu über Durst. „Ich hab immer `n trockenen Mund. Deshalb hab ich immer `ne Flasche Wasser dabei. Sehen SIe mal, wie trocken!“ – „Das kommt vom Kiffen!“ vermute ich und kann mir ein kleines Lachen kaum verkneifen. „Jaaajaaa. Sie haben ja Recht. Ich hab ja auch vorhin `n Joint geraucht!“ Da hätten wir uns auch über eine Stunde Tricksereien sparen können und unser Kunde wäre deutlich früher bei uns weggekommen. Uns soll’s egal sein.

Jetzt ist die Blutprobe auf dem Weg ins Labor, unser Kunde auf dem Weg zur Freundin, ein Stapel Papier auf dem Weg zum Verkehrskommissariat und ich lehne mich nicht weit aus dem Fenster, wenn ich vermute, dass bald ein Führerschein auf dem Weg zum Straßenverkehrsamt sein wird…

Und so lustig das hier auch alles klingen mag, die plumpen Tricks des Fahrers, die lockeren Gespräche, so ernst ist mir das Thema. Über die Legalisierung von Drogen können wir gerne diskutieren. Bei Drogen im Straßenverkehr hört mein Humor auf. Ich denke an die Folgen der Unfälle, an übermütige Fahrer und schockierte Angehörige. Also lasst den Scheiß und spart euch die Tricks.

Am Ende ist der Lappen weg. Zurecht.

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