Sauerei

„Fahrt doch mal in die _____straße, da steht ein Melder im Innenhof vor einem Blutflecken und weiß nicht, ob das was für uns ist!“ – „Wir finden das raus.“ antwortet mein Streifenpartner zuversichtlich. Klingt nach dem letzten Einsatz für heute. Es ist Sommer, es ist heiß, es ist Samstagmittag und wir haben gleich Feierabend.

Der Melder, der vor dem Haus auf uns wartet, zuckt ratlos mit den Schultern, als wir ihn fragen, was denn vorgefallen sei. „Das müssen Sie sich selbst angucken…“ Na gut. Dazu sind wir ja hier.

Im Innenhof angekommen sinkt meine Kinnlade langsam zu Boden. „Ich glaube, das ist was für uns!“ stellt der Kollege angesichts eines etwa zwei mal zwei Meter großen, matschigen, stinkenden Blutflecks trocken fest. Mitten zwischen den Eingängen eines Jugendzentrums und eines Restaurants trocknet hier ein riesiger Blutkuchen langsam fest. Hier und da liegen Teile von Innereien. „Wo kommt das denn bitte her?“ frage ich mich laut, und wäre nicht im nächsten Augenblick hektisch ein Mann mit einem Eimerchen zu uns gelaufen gekommen, hätten wir wahrscheinlich länger gerätselt.

So kommt schnell Licht ins Dunkel. Ein Spanferkel sollte es geben, anlässlich eines runden Geburtstags. Und weil wir hier auf dem Dorf sind und die Menschen gern tatkräftig zupacken, hat unser Kunde eine ganz simple Erklärung für das, was nach den Folgen eines Massakers aussieht: „Ich hab’ ein Ferkel geschenkt bekommen. Problem war: das lebte noch! Aber ich hab ne große Garage. Dann fiel mir auf, ich weiß ja gar nicht wohin mit den Abfällen. Ich wollte die da hinten in den Bach schütten, ich konnte das Zeug ja schlecht bis Montag in die Garage stellen. Aber hier am Eimer ist der Griff abgerissen. Sehen Sie? Ich hab noch versucht, das mit Wasser weg zu machen…“ –  „…und es dabei ordentlich verteilt…“ unterbreche ich ihn.

„Ja. Die größeren Stücke hab ich mit den Händen zum Bach geschafft.“ So sehen seine Hände auch aus. „Aber das hier kriege ich glaube ich nicht weg.“ Der Meinung sind wir auch.

Die Leute haben schon prima Ideen. Einfach mal in der Garage ein Ferkel schlachten, mit den Innereien im Eimerchen flugs die 500 Meter rüber zum Bach. Samstags mittags, am Jugendzentrum vorbei, mit blutigen Händen… super Plan. Vor meinem inneren Auge sehe ich ihn zufrieden ein Liedchen pfeifend mit dem Innereieneimer in der blutigen Hand und Passanten freundlich grüßend dort entlang schlendern. Was müssen die Menschen gedacht haben?

Da unser Hobbyschlachter inzwischen einsieht, dass er die matschige Misere selbst nicht aus der Welt schaffen kann, bestellen wir die Feuerwehr. Mit reichlich Wasser und kopfschüttelnd entsorgen die Jungs in blau die Reste des toten Schweinchens. Für uns bleibt nur ein bisschen Schreibkram.

Ob und wie der junge Mann für die doch nicht ganz fachgerechte Entsorgung der Innereien belangt wurde, und ob das Spanferkel trotzdem geschmeckt hat, habe ich nie erfahren.

Spätestens beim Anblick der Feuerwehr-Rechnung dürfte dem Gourmet dann aber der Appetit vergangen sein.

6 Gedanken zu “Sauerei

  1. Hallo,

    es ist doch verboten, wenn man nicht Schlachter ist und entsprechende Kenntnisse hat einfach so ein Schwein zu schlachten (Tierschutzgesetz) und dann einfach die Innerein in einen Bach zu werfen (Umweltverschmutzung) ? Wenn er nur die Feuerwehrrechnung bekommen hat, hat er gut schwein gehabt und Ihr leider die passenden Gesetze nicht angewendet 😦

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    1. Dochdoch. Keine Sorge.
      Es soll ja schließlich jeder zu seinem Recht kommen. 🙂
      Ich möchte euch nur nicht in jedem Episödchen mit den rechtlichen Details und dem Papierkram langweilen.
      Natürlich ist da ein entsprechender Vorgang verfasst worden.

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    1. Ich muss dazu sagen, dass ich die meisten Geschichten dann aufschreibe oder zumindest skizziere, wenn ich sie erlebt habe. Ich veröffentliche sie aber häufig erst sehr viel später. Da können dann schonmal Kleinigkeiten verloren gehen. Aber ich verspreche, es ist kein Seemannsgarn und wenn ich mich an Details nicht mehr erinnern kann, dann gebe ich das auch gern zu.
      Genau so ist das hier. Ich weiß nicht mehr, was uns so sicher gemacht hat. Aber wir waren uns sicher. 🙂

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