Weihnachten

Die Tage sind kurz, die Nächte lang und nicht nur deshalb sind die Menschen größtenteils einer gewissen vorweihnachtlichen Hektik erlegen.
In den Städten drängeln sie sich im Shoppingwahn an Glühweinständen und Kaufhauskassen, suchen nach Socken für die Männer und Kochtöpfen für die Frauen und sehnen sich nach den Weihnachten aus ihren Kindheitserinnerungen. Früher war weniger Stress und mehr Lametta.
Nicht nur Ruhe, auch das richtige Winterwetter fehlt uns für die besinnliche Stimmung. Die letzten weißen Weihnachten hier im Dorf liegen schon einige Jahre zurück. Die meisten Verkehrsteilnehmer freut’s, ich wiederum hätte an Schneeflöckchen, Weißröckchen nichts auszusetzen. Dann ist es heller draußen, die Kinder bewerfen die spießigen Rentner aus der Nachbarschaft mit Schneebällen, die Rentner schneefräsen ihre Einfahrten frei, auf den Straßen tuckern die Autos wie am Schnürchen gezogen mit Weihnachtsbäumen auf den Dächern in die freigefrästen Einfahrten. Alles geht ein wenig langsamer vonstatten. Herrlich.
Wenn da nicht die Unfälle wären, die uns auf Trab halten, sobald die ersten Flocken liegen bleiben. In unserer hügeligen Landschaft kommt der Verkehr dann schnell ins Stocken.

So, wie im letzten „richtigen“ Winter. Wir haben die Nacht damit verbracht, hinter einem querstehenden Obstlaster die Straße zu sperren, hätten dabei am Ende beinahe selbst auf der vereisten Fahrbahn festgesteckt und das pausenlose Blaulichtgeblinke, das all überall in den gepuderten Tannenspitzen reflektiert wurde, hat uns wahnsinnig gemacht. Für heute haben wir genug.

Als der Frühverkehr einsetzt und aus den einzelnen Fahrzeugen wieder die rot und weiß leuchtende, gleichmäßig dahin tuckernde Perlenkette wird, ereilt uns doch noch der befürchtete Abschlusseinsatz der Nacht. „War ja klar, dass irgendwer mit dem Wetter nicht klarkommt und in den Graben fährt.“ – „Hoffentlich kommt der Abschlepper gut durch. Aber der kann ja fahren…“ frotzeln wir, als wir an der Unfallstelle eintreffen.
In einer langgezogenen Kurve ist eine ältere Dame nach rechts von der Fahrbahn abgekommen. Die Böschung ist steil, der Wagen hat sich überschlagen und liegt hilflos blinkend wie ein umgestürzter Maikäfer und mit laufenden Scheibenwischern auf der benachbarten Kuhweide.
Als wir aus dem Streifenwagen steigen begrüßt die Fahrerin uns sichtlich erleichtert. Eine kleine, äußerst agile ältere Dame, die ihrem Äußeren und dem Akzent nach aus Sri Lanka stammen dürfte. Ihre etwas überdimensionierte Strickmütze macht sie locker 20 Jahre jünger und ihr freundliches Strahlen lässt sie auf Anhieb so sympathisch wirken, dass mich nicht stört, dass wir sofort per Du sind: „Eeeeeendlich Polizei! Guckt mal: Alle Autos sind vorbeigefahren. Alle. Keiner hilft mir. Keiner hält an. Ist das Weihnachten?“
Ich klettere ungelenk die Böschung zum Auto herunter, um mir einen Überblick zu verschaffen. Mist. Meine Schuhe waren gerade trocken. Jetzt hab ich wieder Schnee in der Hose. Aber gleich ist ja Feierabend, ich höre das Bett schon bis hierher rufen.
Der Kollege hat begonnen, die Unfallmitteilungen auszufüllen. Die Unfallfahrerin wärmt sich im Streifenwagen auf und brabbelt in ihrer Aufregung ohne Punkt und Komma. Ihr Mann soll von dem Unfall nichts erfahren, sagt sie. Wie sie das schaffen will? „Ach, er ist sehr alt, ich kaufe einfach das gleiche Auto noch mal in neu. Das merkt der nie!“ Wir lachen laut. „Viel Erfolg dabei! Das Kennzeichen können Sie ja behalten! Dann darf der Abschlepper den Wagen nur nicht bei Ihnen vor der Tür abladen!“ zwinkern wir ihr zu.
Dass ihr niemand geholfen hat lässt der Dame keine Ruhe: „Guck mal das Auto an. Ich musste durch’s Fenster raus klettern. Das ist nicht normal. Und guckt mal, wie gut man das Auto sehen kann. Und alle fahren vorbei. Ich helfe ja auch Menschen. Ich arbeite in der Pflege. Ich könnte nicht vorbei fahren, an so einem Unfall. Aber alle Leute haben das gemacht gerade. Zum Glück ist jetzt Polizei da!“ Ich mag ja solche Einsätze. Mit wenigen guten Worten, einem warmen Streifenwagen und einem Augenzwinkern einem Menschen aus der Patsche zu helfen, das sind für mich die schönen Momente des Jobs.
„Wissen Sie was. Ich habe alle Geschenke im Auto. Für die Kinder und die Enkel. Damit die da keiner findet. Die müssen wir noch aus dem Kofferraum holen. Sie sind meine Weihnachtsengel! Sie müssen sich was aussuchen.“ Nur mit Mühe gelingt es uns, der Dame klarzumachen, dass sie sich erstens nicht revanchieren muss und wir zweitens auch gar nichts annehmen dürfen. Das Angebot ist trotzdem irgendwie süß. Also wuckern wir, als der Abschlepper kommt, einen Berg bunt verpackter Kartons aus dem verbogenen Kofferraum des umgestürzten Kleinwagens, schleppen sie die Böschung hoch und verabschieden uns. Ehe wir uns versehen ist die Dame uns um den Hals gefallen. Auch das entspricht ihr irgendwie und ist dermaßen herzlich, dass ich sie nicht davon abhalten kann.

Wieder im Streifenwagen melden wir der Leitstelle unsere Maßnahmen: „Unfall mit Sachschaden, Fahrzeug durch Abschlepper geborgen.“ Der Kollege am Funk hakt nach: „Ohne Verwarnungsgeld?!“ – „Ja, ausnahmsweise ohne!“
Wir haben nasse Füße, eiskalte Finger und denken an den Feierabend. Es wird still im Streifenwagen.
„Ey, wenn sich da jetzt einer beschwert, wir hätten die verwarnen müssen, werd ich aber kurzfristig vom Weihnachtsengel zu Knecht Ruprecht…“ mault der Kollege schließlich halblaut, während er den Streifenwagen vor der Wache parkt. Zum Glück war das nicht nötig. Von dem Unfall haben wir nie wieder was gehört.

Und falls euch – nicht nur an Weihnachten – jemand auffällt, der eure Hilfe braucht, nicht nur, aber auch nachts an einer Landstraße, dann versetzt euch doch für eine Sekunde in die Situation des fröstelnden Pechvogels und lasst ihn nicht allein dort stehen. Selbst wenn ihr ihn nicht in euer Auto steigen lassen möchtet. Fragt doch wenigstens, ob ihr helfen könnt.

Denn denkt dran: Das Christkind sieht alles.

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