Vermisst

Wie bei eigentlich jedem Einsatz bringt erstmal ein Kollege die anderen auf den  Stand der Dinge:

„Passt auf, ich sag euch ein bisschen was zur Vorgeschichte: Die Vermisste war vorgestern schon einmal weg. Da ist sie morgens abgehauen und abends an der A2 gefunden worden, ungefähr 200km von hier. Da hatte sie sich den Tank leer gefahren und ihr Handy hatte auch kaum noch Saft. Sie hat drei Kinder und irgendwie scheint sie die Trennung von ihrem Ex-Freund nicht zu verkraften. Den ganzen Tag hat sie ihm immer noch pausenlos WhatsApp-Nachrichten geschrieben, dass ihr Leben keinen Sinn mehr hat und sie Schluss machen will. Nach der Geschichte war sie einen Tag in der Klinik. Gestern dann schon wieder entlassen. Heute sollte sie sich eigentlich bei ihrem Psychiater melden; hat sie aber nicht gemacht. Aber gestern hat sie noch bei irgendwelchen Bekannten beim Umzug geholfen. Da lebte sie also noch.“


Hm, wenn man jetzt bloß wüsste, ob sie ihrem Verflossenen nur Druck machen will, oder ob sie es ernst meint mit den Selbstmordgedanken… Der Kollege hat schon eine Meinung: „Fährt die sich heute also wieder den Tank leer und lässt sich dann aus Pusemuckel abholen? Hat einmal nicht gereicht? Oder bringt die sich heute wirklich um? Dann können wir sie eh nicht davon abhalten… die ist auch schon dreimal sieben. Soll sie’s halt machen, wenn sie meint.“ 

Niemand zwingt den Kollegen, diesen Einsatz sinnvoll zu finden, er  soll ihn bloß ordentlich abarbeiten. Und das tut er. Aber ein wenig differenzierter darf man da schon rangehen, finde ich. Obwohl ich es mir fest vorgenommen habe, kann mich dann doch nicht ganz zurückhalten: „Wenn „die“ nicht gerade eine Depression hätte, dann hätte „die“ überhaupt gar keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, sich umzubringen. Dann würde „die“ jetzt auf’m Sofa sitzen und ‚Rote Rosen‘ gucken.“

Jetzt sollte dem Kollegen klar sein, wie überflüssig ich es finde auf der Frau, die vermutlich mit  Suizidgedanken irgendwo rum fährt, auch noch rumzuhacken. Andererseits: warum diskutiere ich sowas überhaupt?! Und was redet der Kollege für ein dummes Zeug: „…soll sie’s halt machen, wenn sie meint…“ – Pffff! Hier geht’s nicht ums Schuhe Kaufen und es gibt auch kein Umtauschrecht.

Vor meiner Zeit bei der Polizei habe ich mir über solche Dinge nie Gedanken gemacht. Dann kam die rechtliche Theorie, die uns als Polizisten dazu beauftragt, Menschen, die „aufgrund ihres krankheitsbedingten Verhaltens gegenwärtig eine erhebliche Selbstgefährdung“ darstellen, vor sich selbst zu schützen.

Irgendwann hatte ich den ersten Einsatz mit jemandem, der sich selbst zu gefährden drohte, der nämlich psychisch krank war, und dem man helfen musste, ob er das nun richtig fand, oder nicht, Dass er sterben wollte, hatte der junge, offensichtlich doch kerngesunde Mann recht deutlich gesagt, auch zu mir. Und es klang im ersten Augenblick wie eine frei gewählte Entscheidung. Nur: was antwortet man da? „Nein, wollen Sie nämlich nicht!“ und fügt gedanklich noch ein entschlossenes „gefälligst“ an. Schon ein starkes Stück, dass ich beschließe, was er gerade will. Oder eher: zu wollen hat. Aber es ist ja in seinem Sinne. Ist es doch, oder?! Ich meine: ich möchte ja zu seinem Besten entscheiden. Und das kann doch wohl nur sein, dass er weiterlebt. Obwohl: Ist das Beste nicht das, was er selbst für das Beste hält?

Das Recht darauf, sich das Leben zu nehmen und sich dabei gegebenenfalls sogar helfen zu lassen wird ja derzeit heiß diskutiert. Da geht es allerdings, und genau hier liegt der große Unterschied, um schwerkranke Menschen, die einen langen Leidensweg durchlaufen haben oder noch durchlaufen müssen, und nicht um äußerlich topfitte Menschen wie unsere Vermisste.

Tun wir also alles, um sie von ihrem Plan abzuhalten und übergeben sie an eine Psychiatrie. Aber dazu müssen wir die Vermisste erst einmal wieder auftreiben und machen uns an die Arbeit: Fahndung einleiten, Zeugen befragen, Geruchsartikel für den Suchhund sicherstellen, ein aktuelles Foto von ihr wäre auch super. Unsere gedankliche Checkliste ist lang, und daran, dass die Kollegen in Ruhe einen Punkt nach dem anderen abhaken, merkt man schon, dass das hier eine von vielen Vermissten ist, mit denen wir es zu tun haben.

„Wer nicht gefunden werden will, wird nicht gefunden. Das Spiel hier ist so sinnlos… soll sie sich einfach mit ihrem Typen wieder einkriegen und gut. Wenn ich schlechte Laune habe mach ich auch nicht son Fass auf. Die ist eh nicht hier in der Nähe. Wer weiß, wo sie diesmal strandet…und morgen hilft sie dann dem Nächsten beim Umzug. Quatsch alles…“ schimpft der Kollege noch immer und macht sich im Streifenwagen auf den Weg in Richtung der Adresse der Vermissten.

Eine erwachsene Frau, die mit dem Auto unterwegs ist und nicht nur theoretisch überall sein könnte, wieder aufzutreiben ist ähnlich wie die Sache mit der Nadel und dem Heuhaufen. Vielleicht haben wir ja Glück. Oder vielmehr: sie hat Glück.

Gerade in der dunklen Jahreszeit haben viele Menschen mit Depressionen zu kämpfen. Manche denken nicht nur ans Aufgeben sondern machen Ernst. Oft setzen sie vorher Hilferufe ab und geben uns die Chance, sie vor sich selbst zu retten. Manche aber reden mit niemandem über ihre Gedanken. Wie aus dem Nichts steht an irgendeinem Tag ein Streifenwagen vor irgendeiner Tür und sagt einer Familie, die es nicht fassen kann, dass ein geliebter Mensch sich das Leben genommen hat. Diese Krankheit scheint viele Facetten zu haben.

Im Gegensatz zu vorgestern, als sie ihrem Ex eine Nachricht nach der anderen schickte, geht die junge Frau heut gar nicht mehr ans Telefon. Mich beunruhigt das. Wir grasen ab, was uns einfällt, durchsuchen das Haus vom Dach bis zum Keller, klappern Freunde und Bekannte ab.

Wir fischen weiter im Trüben, bis wir irgendwann ihr Auto finden. Auf dem Sitz ein Abschiedsbrief, ähnlich dem von vorgestern. Wir suchen zu Fuß die Umgebung ab. Erfolglos.

Auch ein Suchhund, der zwar einen gewissen Bereich im Park anzeigt, kann uns nicht zu ihr führen.

Wir übergeben den Fall an den Nachtdienst.

Als wir am nächsten Mittag wieder zur Wache kommen, wissen wir: dieses Mal waren wir zu langsam. Die Mutter von drei Kindern, die vorgestern noch vordergründig gut gelaunt Bekannten die Umzugskisten getragen hat, hat sich das Leben genommen.

Vielleicht sollte ich dem Kollegen mal dieses Video zeigen, damit er versteht, dass Selbstmordgedanken kein bekloppter Spleen sind, sondern eine chronische und leider auch potenziell tödliche Krankheit. Dass man eben nicht bloß schlechte Laune hat und sich einfach wieder einkriegen muss, sondern dass man krank ist und Hilfe braucht, auch wenn man das in dem Moment nicht einsieht.

2 Gedanken zu “Vermisst

    1. Ich glaube nicht, dass Frauen oder Männer die besseren Polizisten sind.
      Wir sind ein Querschnitt der Gesellschaft und ich glaube, man hat überall und jederzeit gute Chancen, auf freundliche und hilfsbereite Kollegen zu treffen.

      Ja. Das glaube ich wirklich.

      Gefällt mir

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